Die Inszenierung fällt nicht ins Auge

Von: defi
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Kreis Heinsberg. Warum auf seinen Bildern keine Menschen zu sehen seien, hat jemand mal den berühmten Fotografen Josef Sudek gefragt. Weil es so lange daure, bis er seine Plattenkamera aufgebaut habe, antwortete Sudek, da seien die Leute halt schon weg.

Karin Geiger - ebenfalls mit der Großformatkamera unterwegs - hat für dieses Problem eine „Lösung” gefunden. Beim Kunstverein Region Heinsberg in Unterbruch sind bis zum 28. März 14 Arbeiten der Düsseldorfer Fotografin zu sehen.

„Leipzig - Paunsdorf Ost” ist eine Schwarzweiß-Fotografie aus dem Jahr 2005, ein Barytabzug, 114 mal 166 Zentimeter groß. In Leipzig arbeitete die 1966 in Dortmund geborene Karin Geiger von 2002 bis 2006 als künstlerische Mitarbeiterin der Klasse Fotografie an der Hochschule für Buchkunst und Gestaltung. „Paunsdorf Ost” zeigt beispielhaft, wie die Künstlerin ans Werk geht.

Ihre Aufnahmeorte findet sie meist am Stadtrand. Erste fotografische Notizen macht sie mit der Digitalkamera. Die Brachfläche im Osten Leipzigs wurde nach ersten Erkundungen zum Aufnahmeort erkoren. Wege und Pfade, Gebüsche, Bäume, eine Gasleitung - die Großformatkamera kommt aufs Stativ. Und das fertige Bild ist schon im Kopf. Was auf dem Foto dann noch zu sehen ist, sind eine Frau und zwei Männer - und die passen auch noch wunderbar in die Bildkomposition.

Bis Josef Sudek seine unhandliche Plattenkamera eingerichtet hätte, wären nur noch Wege, Gebüsche und Gasleitung übrig geblieben. Sudek hätte wahrscheinlich eher noch auf „schönes” Licht gewartet, als darauf, dass irgendwann mal wieder ein Mensch auftaucht in dieser trostlosen Gegend.

Karin Geiger verzichtet auf das „schöne” Licht und fotografiert „ihre” Personen bei grauem Himmel. Dabei hätte sie genug Zeit gehabt, denn sie muss nichts dem Zufall überlassen.

Ihre „Schauspieler” bringt sie selber mit zum Set. Erst wenn die Szene perfekt eingerichtet ist, jede Person am rechten Ort steht, die Körperhaltung stimmt, drückt die Künstlerin den Auslöser ihrer Linhof-Kamera.

„Inszenierte Fotografie” nennt sich das und ist nicht ganz frisch auf dem Kunstmarkt. Bei einer Ikone dieses Genres hat Karin Geiger in den 90er Jahren gelernt: dem mehrfachen Documenta-Teilnehmer Jeff Wall, nachdem sie zuvor Meisterschülerin von Magdalena Jetelová an der Kunstakademie Düsseldorf war. Im Gegensatz zu Jeff Wall und vielen seiner Kollegen verzichtet Karin Geiger auf die Bildnachbearbeitungsmöglichkeiten der digitalen Fotografie. Ihre Bilder entstehen vor Ort.

Die Inszenierung in Karin Geigers Aufnahmen fällt nicht ins Auge, vor allem, wenn sie nur eine Person in ihr Bild „einbaut”, wie auf dem Bild „Girl with iPod”, könnte es sich durchaus um einen Schnappschuss handeln, das krasse Gegenteil eines inszenierten Fotos. Doch haben die Bilder stets eine Aura, die einen nicht glauben lassen will, dass hier gerade Leben abgelichtet wird.

„Wie wirklich ist die vorgestellte Wahrheit in Jeff Walls Bildern?” hat mal jemand gefragt. Und diese Fragestellung ist auch bei Karin Geiger gewollt. Warum sollte das, was sich die Künstlerin erdacht hat, weniger wahr sein oder zur Kommunikation von Wirklichkeit beitragen, als das, was ein Reportagefoto übermittelt?
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