Heinsberg - Der Job der Politessen: Beschimpfungen stehen an der Tagesordnung

Der Job der Politessen: Beschimpfungen stehen an der Tagesordnung

Von: Rainer Herwartz
Letzte Aktualisierung:
Ordnungsamtschef Wolfgang Paul
Ordnungsamtschef Wolfgang Paulus und sein Politessen-Quartett: (von links) Ute, Ingrid, Michaela und Regina. Foto: defi

Heinsberg. Ohne sie würde das gesellschaftliche Leben nicht funktionieren. Ihre Daseinsberechtigung steht außer Frage. Und dennoch ist ihr Image meist schlecht.

Es gibt Berufe, die sich auf der Beliebtheitsskala in der Bevölkerung nie über den Bodensatz erheben. Der Leichenbestatter gehört genau so dazu wie Kammerjäger oder Kanalreiniger. „Böse Zungen” behaupten, dass sich auch Politiker und Journalisten hier einreihen. Ganz gewiss jedoch der Beruf der Politesse.

In Heinsberg gilt dies ebenso wie im Rest der Republik. Die Ursache für derlei Abneigung gegen die uniformierten Abgesandten des städtischen Ordnungsamtes könnte wohl nur ein Psychologe erschöpfend ergründen. Denn wer das sympathische Damenquartett aus der Kreisstadt erst einmal näher kennenlernt, wird sich schnell für all seine Vorurteile schämen.

Die Herausforderung der Frauen mit unumschränkter Knöllchen-Gewalt, bei der Überwachung des Ruhenden Verkehrs selbst immer die Ruhe zu bewahren, ist wahrlich keine leichte Aufgabe. Und das zeigt sich recht schnell: „Wir wollen nicht mit unseren Namen in die Zeitung, aus Sicherheitsgründen. Nicht, dass wir uns womöglich auf privater Ebene noch weiter beschimpfen lassen müssen.” Nur der Nennung des Vornamens stimmen Ute und Michaela zu. Die beiden Frauen vertreten im Gespräch mit unserer Zeitung auch ihre Kolleginnen Ingrid und Regina, die gerade in der Stadt ihre Schicht absolvieren.

In drei Schichten sind die Heinsberger Politessen unterwegs. Und dabei brauchen die Frauen nicht nur wegen der Witterung „ein dickes Fell”. Ob es stimme, dass sie oftmals von verärgerten Parksündern mit unflätigen Bemerkungen verunglimpft würden? Da möchte Ute erst gar nicht ins Detail gehen. Sie sagt nur kurz: „Das Schlimmste, was sie sich vorstellen können.” Meist seien es junge Männer, die ihre Aggressivität nicht unter Kontrolle hätten und sich offenbar gänzlich von ihrer Kinderstube verabschiedeten, wenn sie die Politesse noch anträfen, nachdem sie den Zettel mit dem Verwarngeldhinweis hinter den Scheibenwischer geklemmt hat.

Besonders vor Festtagen im Einkaufsstress und am Ende des Monats, wenn das Geld knapp werde, seien die Gemüter schnell erhitzt. Ach ja, die Hitze im Sommer trage auch dazu bei. Einer der harmloseren Sprüche sei da noch: „Da kommen die Geier schon wieder - Weihnachtsgeld eintreiben”, ergänzt Michaela. Das hartnäckige Gerücht, die Frauen erhielten pro Knöllchen eine Provision, sei natürlich Unfug, betont sie.

Die schlanke, dunkelhaarige Politesse, die seit 2007 in den Diensten der Stadt steht, kann sich an noch ganz andere Erlebnisse erinnern. Und die beschränken sich nicht bloß auf verbale Entgleisungen und Beleidigungen. „Vor rund zwei Jahren musste ich vor einer Apotheke jemandem ein Ticket schreiben. Als er dies sah, stürmte er aus der Apotheke und riss mir das Erfassungsgerät aus der Hand.” An den „Begleittext” kann sich Michaela nicht mehr genau erinnern, aber freundlichen Inhalts sei er gewiss nicht gewesen.

Schnurstracks sei der Mann samt Erfassungsgerät dann wieder in der Apotheke verschwunden. Erst als er bemerkte, dass die Politesse die Kollegen von der Polizei anrief, habe er wohl kalte Füße bekommen und ihr das Gerät zurückgegeben. Eine Anzeige gabs trotzdem. „Es hat mich auch schon mal einer weggeschubst”, sagt Michaela. „Früher kam so etwas bei Kolleginnen häufiger vor.”

Heute sei es ruhiger geworden. „Vielleicht liegt das auch daran, dass wir verstärkt mündliche Verwarnungen aussprechen oder die Möglichkeit geben, nachzulösen”, glaubt Ute. „Wenn ich ruhig und sachlich mit den Menschen rede, kommt das auch meistens so zurück.” Beinahe lustig werde es, wenn sich ein Autofahrer bei einer Notlüge ertappt fühle. So zum Beispiel der Mann, der aus einer Konditorei gerannt kam, weil er sah, dass Ute ihm gerade ein Ticket schrieb, und als Entschuldigung für sein Falschparken vorgab, in der Konditorei nur mal eben Geld gewechselt zu haben. Die Krümel in den Mundwinkeln waren jedoch so verräterisch, dass der arme Sünder am Ende selbst lachen musste.

Was viele Verkehrsteilnehmer nicht wissen - oder nicht ins vorgefertigte Bild passt: „Es ist beileibe nicht so, dass wir nur den Ruhenden Verkehr überwachen und Knöllchen verteilen”, sagt Ute. Erst neulich habe sie einer behinderten Frau den Wagen aus der Parklücke gefahren, erzählt Michaela. In dringenden Fällen bringen sie Menschen, die sie um Hilfe bitten, auch mal eben selbst in die Notfallpraxis. „Ich habe schon einmal mit einem älteren Herren an einem Samstag über eine halbe Stunde lang sein Auto gesucht, weil er nicht mehr wusste, wo er es abgestellt hatte”, erklärt Ute. Da freuen sich die Frauen natürlich, wenn sie mal was Nettes erleben - wie den Fall der Bäckereimitarbeiterin, die sich über ihr Knöllchen maßlos aufregte und sich am nächsten Tag mit einer putzigen Karte dafür entschuldigte. Es sei schon seltsam, wie sehr sich das schräge Bild von der „bösen Politesse” in den Köpfen festgesetzt habe, meinen die Frauen. „Ich kann mich noch gut an die ersten Tage erinnern, als ich 2006 anfing”, sagt Ute: „Ich habe mich immer so gestellt, dass die Leute mich nicht sehen konnten, weil ich das Gefühl hatte, etwas zu tun, was man nicht darf.” Verkehrte Welt.

Immer wieder werden die Heinsberger Stadtoberen mit dem Vorwurf konfrontiert, dass es in der Nachbarstadt Hückelhoven 1200 kostenfreie Parkplätze gebe, was die ehemalige Zechenstadt auch im Hinblick auf den Einzelhandel kräftig bewirbt. Der Heinsberger Leiter des Ordnungs- und Sozialamtes, Wolfgang Paulus, lässt dies nicht gelten.

„Das sind Parkplätze, die im Privateigentum der gewerblichen Niederlassungen stehen, also kann man die Situation nicht vergleichen. Wir haben hier in Heinsberg ein kundenfreundliches Bezahlsystem durch die Einführung eines Kurzzeitparktaktes von sechs Minuten für nur fünf Cent. Außerdem haben wir hier ein praktisches Bonuskartensystem, und für Langzeitparker bietet sich die Zahlung mit der Bankkarte an, so dass nach der Nutzung des Parkplatzes abgerechnet wird. Zudem haben wir noch 360 kostenfreie Parkplätze und ein Parkleitsystem, das an allen Einfallsstraßen zur Innenstadt auf diese Nutzung hinweist.”

Im Übrigen, so Paulus, sei die Fluktuation bei der Parkplatzbewirtschaftung gewünscht, um möglichst zahlreichen Besuchern und Kunden der Stadt das Parken zu ermöglichen.

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