Den Bindestrich gibt es nun seit 75 Jahren

Von: Franz Windelen
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Übach-Palenberg. Vor 75 Jahren diktierte der Oberpräsident der Rheinprovinz in Koblenz den Bauerndörfern und alten Zechensiedlungen im Wurmtal den Bindestrich.

Das war am 1. Mai 1935. Die Landgemeinden Scherpenseel, Frelenberg und Übach waren mit einem Mal Geschichte, und die so genannte Großgemeinde Übach-Palenberg war per Erlass geboren.

Der Bergbau hatte seit der ersten Bohrung anno 1911 Wohlstand und Bevölkerung kräftig anschwellen lassen. Schulen, Straßen, Kanäle, die gesamte Infrastruktur genügten schon bald den Ansprüchen nicht mehr. Und so wurde eine neue, zentral geführte Verwaltung für die nähere Umgebung zwingend erforderlich - Übach-Palenberg hieß die Lösung.

Die Namensgeber Übach und Palenberg, das damals Teil der Gemeinde Frelenberg war, waren zugleich Programm: Beide waren im Steinkohlebergbau verwurzelt, beide waren wirtschaftlich stark, beide gaben die Richtung vor.
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ennoch: Das Pflaster war rau und unangenehm für den kommunalen Frischling -ein Zeiten des Nationalsozialismus, des Zweiten Weltkrieges und des Wiederaufbaus. Doch nicht nur mit diesen äußeren Widrigkeiten hatte die Großgemeinde bei ihrem „Erwachsenwerden” zu kämpfen.

Der heute 82-jährige Hubert Rausch, der als Beamter im Übach-Palenberger Rathaus viele Jahre die Entwicklung der Kommune miterlebt hat, verweist auf jene frühere Rivalität zwischen dem urban geprägten Übach und dem dörflichen, traditionsbewussten, 1100 Jahre alten Palenberg: „Übach hatte bei Gründung der Zeche Carolus Magnus dafür gesorgt, dass es die zwei Schächte und damit verbunden die gesamten Steuereinnahmen bekam, Palenberg aber hatte das Verwaltungsgebäude und keine finanziellen Einnahmen. Das war eine ungerechte Situation.”

Nun, der Erlass von 1935 ließ kaum noch Raum für solches Kirchturmdenken. „Es wurden Fakten geschaffen: Wilhelm Carl wurde zum ersten Bürgermeister der Großgemeinde benannt. Es wurden 1938 das Rathaus und 1939 das Freibad gebaut”, kramt Hubert Rausch in der Historie der Großgemeinde, bei deren Bildung der Palenberger noch ein siebenjähriger Steppke war.

Im Zweiten Weltkrieg war die Bergbaugemeinde - als industriell wertvoller Standort ein bevorzugtes Angriffsziel der Alliierten - stark zerstört worden. Aus den Trümmern erwuchs der Steinkohlebergbau zu neuer Wirtschaftskraft, die Zeche Carolus Magnus war der größte Arbeitgeber in der Gemeinde. Daher kam es einer Katastrophe gleich, als am 1. November 1962 plötzlich und völlig unerwartet der Deckel auf den Pütt kam - wegen Unrentabilität und Strukturkrise. Bei Stilllegung verloren mehr als 3000 Menschen ihren Arbeitsplatz, die Zahl der Beschäftigten in Übach-Palenberg sank von 5340 in 1961 auf 1600 in 1963.

Rat und Verwaltung standen vor neuer großer Verantwortung. „Grünes Licht für neue Industrie” rief man sich beherzt zu, um die Umstrukturierung zu schultern. Industrieunternehmen - Textilmaschinenhersteller Schlafhorst war als erstes zur Stelle - und Gewerbebetriebe wurden angesiedelt, brachten neue Arbeitsplätze. „Carolus Magnus war eine der ersten Zechen im Land, die dicht machten.

Von weit her kamen die Kamerateams zu uns, um den erfolgversprechenden Umbruch zu dokumentieren und anderen Bergbaustädten die Angst vor einem Zechen-Aus zu nehmen”, erinnert sich Rausch, der die Aufgabe hatte, die Fremden durch die sich wandelnde Steinkohlelandschaft zu lotsen.

Die aufblühende Konjunktur beförderte gleichermaßen die soziale und kulturelle Infrastruktur. Übach-Palenberg hatte sich zur vielschichtigen Industriegemeinde emporgeschwungen.

Die Landesregierung würdigte diese beispielhafte „aufstrebende Entwicklung” schließlich am 22. September 1967 mit der Verleihung der Stadtrechte. Hubert Rausch erinnert sich an die aufgeregten Aktivitäten im Vorfeld der Stadtwerdung: „Um die Landesregierung auch von den optischen Qualitäten Übach-Palenbergs zu überzeugen, musste ich jede Menge Fotos machen, die nach Düsseldorf geschickt wurden.” Es hat, wie man jetzt weiß, genutzt.

Jochen Wischinski, bis dato Gemeindedirektor, wurde der erste Stadtdirektor der neuen Stadt Übach-Palenberg. Es folgten Josef Etzig und Paul Schmitz-Kröll, der im Übrigen 1997 zum ersten hauptamtlichen Bürgermeister der Stadt Übach-Palenberg gewählt wurde.

Sie alle haben maßgeblich dazu beigetragen, dass die Stadt heute ein Mittelzentrum mit knapp über 25.000 Einwohnern ist, die Spuren der montanen Vergangenheit sind nur noch in den baulichen, zum Teil denkmalgeschützten Hinterlassenschaften erkennbar.

Unter ihrer Regie wurde Übach-Palenberg zu einem modernen Industriestandort geformt: Übach-Palenberg wurde zur Schulstadt, Übach-Palenberg wurde durch Ausweisung vieler neuer Baugebiete zur Adresse für junge Familien, Übach-Palenberg bietet mit seinen Alleinstellungsmerkmalen Mehrgenerationenhaus und -spielplatz eine Plattform für Jung und Alt, Übach-Palenberg hat die attraktive Freizeitanlage Naherholungsgebiet Wurmtal, die vor 20 Jahren als erste ihrer Art in der Region eingeweiht wurde.

Übach-Palenberg hat allerdings auch im 75. Jahr seines Bestehens zwei große Probleme, zwei Wermutstropfen im Jubiläumstrunk: die äußerst maroden Finanzen und den demografischen Wandel.

In der Geschichte der Kommune sind - wie erwähnt - schon einige Brocken bewegt worden: In 25 Jahren wird in der Stadtchronik nachzulesen sein, wie Wolfgang Jungnitsch, der erste hauptamtliche CDU-Bürgermeister in der ehedem SPD-dominierten Wurmstadt, sowie die Verantwortlichen in Rat und Verwaltung dieses Kapitel -hoffentlich - zu Ende geschrieben haben.
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