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Das Gefühl von Solidarität ist heute noch zu spüren

Von: hl
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„Grubenlampen leuchten”: Mit
„Grubenlampen leuchten”: Mit diesem Lied eröffnete der Schachtchor im Barbarastollen die Veranstaltung vom Förderverein Schacht 3, mit der an den vor 20 Jahren gefassten Beschluss zur Stilllegung der Hückelhovener Zeche, vor allem aber auch an den Kampf um Sophia-Jacoba erinnert wurde. Foto: Koenigs

Hückelhoven. „Wir Bergleut seins, seins kreuzbrave Leut, denn wir tragen das Leder vor dem Arsch bei der Nacht und saufen Schnaps”: Mit dieser kräftigen Aussage aus dem Steigerlied beendete am Freitagabend der Schachtchor unter der Leitung von Rainer Appelt die Erinnerungsveranstaltung im Bar­bara­stollen an Schacht 3 in ­Hückel­­­ho­ven.

Die rund 100 Gäste stimmten ein, sangen alle sieben Strophen mit.

Das Datum - der Elfte im Elften - hatte an diesem Ort im Schatten des alten Förderturms nun rein gar nichts mit Karneval zu tun, sondern vielmehr mit dem Blick zurück auf den 11. November 1991. Damals war in der Bonner Kohlerunde das Aus für die Zeche Sophia-Jacoba besiegelt worden.

An diesen für die Bergleute und ihre Familien, für die Stadt und die Region sehr einschneidenden Tag, aber vor allem auch an den Kampf um Sophia-Jacoba in den Jahren zuvor wollte der Förderverein Schacht 3 erinnern. Dieter Schuhmachers, Regionalredakteur des Zeitungsverlages Aachen für den Kreis Heinsberg, moderierte die zweistündige Veranstaltung, in welcher der historische Rückblick also im Vordergrund stand, wobei es allerdings nicht einfach nur um Zahlen, Daten und Fakten ging. Im Blickpunkt standen vielmehr Menschen, die aktiv am Widerstand gegen die Zechenschließung beteiligt waren und deren Leben wiederum von diesem Widerstand geprägt wurde.

In seiner Begrüßung hatte Franz-Josef Sonnen, ehemals Betriebsratsvorsitzender, heute Vorsitzender des Fördervereins, noch einmal die Situation von damals beleuchtet, wobei deutlich wurde, dass die Kunde von der drohenden Schließung die Menschen Ende der 80er-Jahre wie ein Keulenschlag getroffen hatte, waren doch zuvor viele Millionen­ D-Mark investiert und eine Rekordförderung von Steinkohle erreicht worden.

Sonnen betonte aber auch, dass ein kaum für möglich gehaltenes Wir-Gefühl Menschen mit ganz unterschiedlichen Interessen zusammengeschweißt habe. Die Frage, ob sich der Kampf gelohnt habe, auch wenn die Stilllegung 1997 nicht verhindert werden konnte, beantwortete er mit Ja. Vor allem, weil es gelungen sei, sechs Jahre Zeit zu gewinnen. Wann erhalte die Belegschaft eines von Schließung betroffenen Unternehmens schon sechs Jahre Zeit?

„Keiner schiebt uns ab”

Mit einem Rollenspiel riefen Monika Rother und Petra Schumann in Erinnerung, wie 1988 binnen weniger Tage die Fraueninitiative aus der Taufe gehoben worden war und wie sich die Frauen ganz entscheidend am Protest beteiligt hatten. Als das vom Schachtchor gesungene alte Kampflied der Frauen ertönte („Keiner schiebt uns ab”), da wurde so manches Auge feucht.

In der ersten Gesprächsrunde beschrieben damals unmittelbar Beteiligte sowohl ihre Aktivitäten als auch die nachhaltigen Auswirkungen auf ihr Leben: Jutta Schwinkendorf, Sprecherin der als „Motor des Widerstandes” geltenden Fraueninitiative, Bernd Wolters, seinerzeit Bezirksvorsitzender der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB), und Wolfgang Döring, damals Evangelischer Pfarrer in ­Hückelhoven, brachten ihre Verbundenheit zu Sophia-Jacoba zum Ausdruck, berichteten vom Zusammenwirken der unterschiedlichen Kräfte im Bürgerkomitee, vom Schmieden und Umsetzen der Pläne, offenbarten auch Gefühle und Ängste.

Mit viel Beifall wurde aufgenommen, als der frühere Weihbischof Karl Reger schilderte, wie sich der damalige Diözesanbischof Klaus Hemmerle mit den Bergleuten solidarisierte - bis hin zu der Erlaubnis, im Aachener Dom neben dem Kaiserstuhl Karls des Großen schlafen zu dürfen. Reger würdigte den Bischof als „Freund der Bergleute” ebenso wie den beliebten Hückelhovener Pastor Josef Derichs, genannt „Don Camillo”.

Wie sehr das Zusammenwirken die Ökumene vor Ort vorangebracht hat, betonte Oberkirchenrat Klaus Eberl, damals Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises. „Der Deckel ist auf dem Pütt, aber nicht auf uns”, hatte Eberl im Gottesdienst nach der letzten Kohleförderung am 27. März 1997 gepredigt, Hoffnung vermittelnd und und Mut machend. Wie die Stadt mit dem radikalen Einschnitt nicht nur fertig geworden, sondern durchaus gestärkt aus diesem zunächst als Katastrophe angesehenen Ereignis hervorgegangen sei, darauf hob Bürgermeister Bernd Jansen ab.

Dabei sei auch die im Kampf um Sophia-Jacoba spürbar gewordene Mentalität der Hückelho­vener, die Ärmel aufzukrempeln und gemeinsam anzu­packen, ein entscheidender Faktor gewesen. Die Entwicklung der Stadt beeindruckte und erfreute auch Georg Hupfauer, damals als Lokalredakteur in Hückelhoven vor Ort, heute KAB-Bundesvorsitzender. Rückblickend auf den Widerstand bescheinigte er Sonnen und seinen Mitstreitern eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit.

Erinnert wurde an die vielfältigen Formen des Protestes - vom Anketten der Fraueninitiative vor dem Bonner Wirtschaftsministerium über Kundgebungen und Unterschriftensammlungen bis zum Untertageprotest im Herbst 1991. Das Gefühl von Solidarität und Zusammengehörigkeit - dies war an diesem Abend zu spüren - besteht bis heute fort.
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