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Bauernhof-Projekt gegen Schulfrust

Von: Georg Schmitz
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Auf einem Baunerhof in Gangelt
Auf einem Baunerhof in Gangelt-Birgden wird das Projekt zur Reintegration von Schülern realisiert: Sozialpädagogin Ariane Bohn sowie die beiden Praktikantinnen Samira Latour und Nadine Jansen (v. r.) begleiten die Maßnahme. Foto: Georg Schmitz

Kreis Heinsberg. Ferkel und Hühner sollen Schulverweigerer wieder fit machen. Der Bauernhof als erzieherische Maßnahme für junge Menschen, die es mit ihren Pflichten nicht besonders ernst nehmen, ist dank mehrerer Doku-Soaps von Fernsehsendern nicht ganz unbekannt.

In Gangelt-Birgden startete im ­April ein unter dem Namen „Bauernhof-Projekt” firmierender Versuch, Kinder und Jugendliche wieder an den „normalen” Unterricht heranzuführen”. Die „Reintegration von verhaltensbedingt nicht beschulbaren Schülerinnen und Schülern” ist das gemeinsame Ziel der Träger dieser Maßnahme.

Angesprochen sind Schüler aus dem Sekundarbereich I, die sich erzieherischen und pädagogischen Maßnahmen weitgehend verschließen, im Unterricht nicht mitarbeiten, sich wochen- oder monatelang verweigern oder durch destruktive Interaktionen andere Schüler in der Teilhabe am Unterricht stören.

Das Bauernhofprojekt in Birgden bündelt Kompetenzen von Jugendhilfe und Schule und ist zunächst auf zwei Jahre ausgelegt. Das Kreisjugendamt, der Caritasverband für die Region Heinsberg und die Janusz-Korczak-Schule in Geilenkirchen, die Förderschule des Kreises mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung, haben für die Durchführung einen Kooperationsvertrag abgeschlossen.

Vertreter des Kreises mit Landrat Stephan Pusch, Sozial- und Jugenddezernentin Liesel Machat, Schuldezernent Helmut Preuß und Jugendamtsleiter Hans-Jürgen Oehlschläger sowie Gottfried Küppers vom Caritasverband und der Leiter der Janusz-Korczak-Schule, Leo Windelen, statteten dem Bauernhof an der Bahnhofstraße jetzt einen Besuch ab.

„Der Kreis Heinsberg hat stets Angebote geschaffen, um Kindern und Jugendlichen auch aus schwierigen Lebensverhältnissen den Zugang zu einer Bildung zu ermöglichen”, machte Pusch klar. Diese außergewöhnliche Form der Beschulung sei ein weiterer Baustein des Kreises, um den Jugendlichen, aber auch ihren Eltern bereits frühzeitig Hilfen anzubieten, damit diese Kinder nicht „verloren” gingen.

Ziel sei es zudem, schulrechtliche Ordnungsmaßnahmen zu vermeiden und Kindern und Jugendlichen eine alternative Beschulung zu bieten. Pusch: „Hier wird ein neuer Weg beschritten, um junge Menschen noch zu erreichen und ihnen auch durch alternative pädagogische Maßnahmen Bildung zu vermitteln.”

Schulleiter Leo Windelen ging kurz auf die Schüler ein, die aus den Großstädten, aus Pflegestellen und Kleinstheimen in den Kreis Heinsberg gelangen. „Diese Schülerinnen und Schüler sind häufig in den Stadtschulen nicht mehr tragbar gewesen und erhalten in einer neuen Maßnahme eine neue Chance auf dem Lande”, so Win­delen.

Nicht selten liege bei diesen Jugendlichen eine extreme Gewalt- oder Suchtproblematik vor. Auch wenn individualpädagogische Maßnahmen im Vorfeld gescheitert seien: Über die Pflegestellen und Kleinstheime im Kreis Heinsberg werde die Janusz-Korczak-Schule aufnahmepflichtig. Um den Schülern mit besonders hohem Förderbedarf eine realistische Chance auf eine weitere Förderung und Perspektiventwicklung geben zu können und den Ordnungsrahmen innerhalb des Systems Janusz-Korczak-Schule aufrechterhalten zu können, bedürfe es der Entwicklung alternativer Beschulungs- und Betreuungsmöglichkeiten.

Aufgrund der Erfolge der seit Februar 2010 installierten Nachmittagsbeschulung sei nun die Bauernhofbeschulung eingeführt worden. Acht Schüler erhalten derzeit schulische Angebote, die lebenspraktische Tätigkeiten mit heilpädagogischen Zielen verknüpfen und aus den Bereichen Tier- und Gartenpflege, Gebäudemanagement, Hauswirtschaft und Handwerk stammen.

„Sie finden hier einen Lebens- und Arbeitsraum vor, der ihnen die Möglichkeit gibt, ihren emotionalen Entwicklungsbedarf zu bearbeiten und durch Übernahme von Verantwortung, Selbstwertgefühl und Arbeitsfähigkeit aufzubauen”, so Windelen.

Seit April haben bereits zwölf Schüler den Bauernhof „durchlaufen”. Montags und freitags von 9 bis 11 Uhr sowie dienstags, mittwochs und donnerstags von 11 bis 15 Uhr werden derzeit acht Kinder und Jugendliche auf dem Birgdener Bauernhof vom Sonderpädagogen Michael Dohmen, von Ariane Bohn (Sozialpädagogin mit Sonderausbildung „Tiergestützte Pädagogin”) sowie den Praktikantinnen Nadine Jansen und Samira Latour betreut.

Küchendienst und Gartenpflege zählten zum Aufgabenbereich der drei Jungs, die an diesem Tag beschult wurden. Ein erstes Ergebnis gartenpflegerischer Tätigkeit konnte Landrat Stephan Pusch von Nino in Empfang nehmen, der ihm selbst angebautes Gemüse als Geschenk überreichte.

Zusammen mit Kevin und Maurice kümmerte sich Nino anschließend um die beiden drei Monate alten Ferkel „Pepe” und „Joshi”, die quiekend hin- und herliefen. Drei Laufenten, ein halbes Dutzend Hühner und eine Katze zählen ebenfalls zum „lebenden Inventar” des Bauernhofes. Immer dabei auch Labrador „Tequila”, der seinen Tennisball zum Weitwurf anbietet.
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