Aus Angst haben Frauen geschwiegen

Von: kl
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Gegen einen Beamten der Stadtverwaltung Erkelenz begann gestern ein Prozess wegen des Vorwurfs der sexuellen Nötigung. Der Beamte ist dienstunfähig. Sein Arbeitsplatz im Rathaus ist derzeit unbesetzt.

Erkelenz/Mönchengladbach. Vor dem Schöffengericht in Mönchengladbach hat am Montag der Prozess gegen einen Beamten der Stadtverwaltung Erkelenz.

Diesem macht die Staatsanwaltschaft nach § 177 Strafgesetzbuch eine versuchte sexuelle Nötigung und in zwei weiteren Fällen vollendete sexuelle Nötigung zum Vorwurf, und zwar in der Tatbegehung „mit Gewalt und unter Ausnutzung einer Lage, in der das Opfer der Einwirkung des Täter schutzlos ausliefert war”.

Die beiden betroffenen Frauen sind ebenfalls in der Stadtverwaltung beschäftigt. Nach der Anklageerhebung soll der 1965 in Erkelenz geborene Mann 2001 eine Frau in ihrem Büro bedrängt haben; im zweiten Fall soll er am 22. Juni 2009 eine Auszubildende bei einem Außentermin zunächst am Sportplatz in Holzweiler sexuell genötigt haben und sich anschließend im Wagen ein zweites Mal unsittlich genähert haben. Erst nachdem die Auszubildende Strafanzeige erstattet hatte, meldete sich auch die 2001 betroffene Frau.

Der Angeklagte weist die Sex-Vorwürfe entschieden zurück. Er habe immer ein gutes Verhältnis zu der Auszubildenden gehabt und sei schockiert gewesen, als er von ihren Vorwürfen gehört habe. Der zweifache Familienvater meinte, die damalige Auszubildende, die inzwischen als Stadtinspektorin im Erkelenzer Rathaus arbeitet, habe sich nach ihrer gemeinsamen Besichtigung des Sportplatzes in den nächsten Tagen „ganz normal” verhalten und habe ihn nicht „geschnitten”.

Der Angeklagte, der wegen schwerer Depressionen früher bereits in Behandlung war und auch einen Selbstmordversuch schilderte, war von den Vorwürfen derart mitgenommen, dass er am Arbeitsplatz zusammenbrach und ins Krankenhaus gebracht werden musste.

Der Fall von 2001 ist nach seiner Einlassung einvernehmlich gewesen. Die Verwaltungsangestellte habe sich in seinem Büro einen Kuss gefallen lassen, der Kuss sei „eine kurze Berührung der Lippen im Rahmen einer Umarmung gewesen. An einen Kuss in ihrem Büro nach Dienstschluss könne er sich nicht konkret erinnern. Er habe nichts getan, das bei der Frau auf Gegenwehr gestoßen sei.

Die Frau schilderte im Zeugenstand die Situation in ihrem Büro anders. Er sei am späten Nachmittag in ihr Büro im Schulverwaltungsamt erschienen, habe sich vergewissert, dass sie alleine war, und habe sie dann bedrängt und gegen einen Schrank gedrückt. Sie habe sich gegen seine Kussversuche gewehrt, aber auch Angst gehabt, dass er gewalttätig werde. Irgendwann habe er abgelassen und sei gegangen. In seinem Büro im Ordnungsamt sei sie niemals gewesen.

Sie hat den Zwischenfall ihrem Vorgesetzten gemeldet, ihn zugleich aber gebeten, die Sache nicht weiter zu verfolgen, weil sie wegen ihres damals nur befristeten Arbeitsvertrages um ihren Arbeitsplatz fürchtete. Als 2009 die Kollegin die Anzeige erstattete, sei die alte Sache wieder in ihr hoch gekommen. Auf Aufmunterung von einer Kollegin habe sie sich dann gemeldet. Zugleich begab sie sich in therapeutische Behandlung. Die Psychologin bestätigte ihr eine Form von Traumatisierung. Sie habe der Zeugin die Schuld- und Schamgefühle nehmen können, und sie habe keinen Grund, an der Glaubwürdigkeit der Frau zu zweifeln.

Am Sportplatz umklammert

Nach der Aussage der damaligen Angestellten soll der Angeklagte sie am 22. Juni 2009 am Sportplatz in Holzweiler umklammert und geküsst haben. Sie hätte wahnsinnige Angst gehabt, dass er „ausrastet”. Deshalb habe sie sich auch nicht mehr gewehrt.

Als er von ihr abließ, seien sie zum Wagen gegangen. Dort habe er sie in den heruntergekippten Beifahrersitz gedrückt und unter ihr T-Shirt gefasst. Starr vor Angst hätte sie sich nicht gewehrt.

Nach der Rückkehr ins Rathaus und auch zu Hause habe sie nicht konkret über das Geschehen reden wollen. „Ich wollte zunächst kein Aufsehen erregen.” Erst Wochen später, nach ihrem Urlaub „konnte ich nicht mehr schweigen, weil es mich kaputt gemacht hätte”. Sie offenbarte sich dem Bürgermeister, der ihr dazu riet, die Polizei einzuschalten.

Der Beamte im gehobenen Dienst ist seit dem Bekanntwerden der Strafanzeige dienstunfähig. Die Stadt Erkelenz, für die der Beigeordnete Dr. Hans-Heiner Gotzen als Prozessbeobachter anwesend war, hat ein Disziplinarverfahren in die Wege geleitet, das allerdings vorläufig ausgesetzt ist, solange das Strafverfahren noch nicht beendet ist.
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