Alarmierende Zahl der Kirchenaustritte

Von: dawin/kalauz
Letzte Aktualisierung:
8397989.jpg
Die rosigen Zeiten für die katholische Kirche sind auch im Heinsberger Land vorbei. Foto: Daniel Gerhards
8399212.jpg
Regionaldekan Gottfried Maria Graaff glaubt, dass eine Welt ohne Gott nicht funktionieren kann. Foto: kalauz

Kreis Heinsberg. Die Zahl der Gläubigen, die der katholischen Kirche den Rücken kehren, steigt dramatisch: In der Region Heinsberg wurden im vergangenen Jahr 854 Austritte aus der Glaubensgemeinschaft verzeichnet, im Jahr 2012 waren es lediglich 455.

Im gleichen Zeitraum ging die Zahl der Gottesdienstbesucher von 11,04 Prozent der insgesamt 155.187 Katholiken in der Region auf 9,88 Prozent zurück. Für die Katholische Kirche sind dies alarmierende Zahlen. Zumal sich im laufenden Jahr bundesweit ein neuer Rekord bei den Kirchenaustritten abzeichnet. Über die vermutlichen Ursachen der Entwicklung und über mögliche Konsequenzen daraus sprachen wir mit Regionaldekan Gottfried MariaGraaff. Er ist derzeit neben seiner Funktion als Pastor der Weggemeinschaft Gangelt auch noch als Pfarrer der Gemeinschaft der Gemeinden (GdG) Hückelhoven seelsorgerisch tätig.

Erst der Skandal um den sexuellen Missbrauch durch kirchliche Würdenträger, dann der um den schicken Bau auf dem Limburger Domberg und zuletzt die Kinderpornografie-Vorwürfe gegen einen Kaplan aus Heinsberg – vielen Katholiken ist das zu viel, sie treten aus der Kirche aus. Der starke Anstieg der Kirchenaustritte im vergangenen Jahr setzt sich in diesem Jahr offenbar fort.

Graaff: Ja, völlig eindeutig.

Und wie gehen Sie damit um?

Graaff: Es gibt keine wissenschaftlich fundierte Analyse...

...zum Beispiel eine Befragung...

Graaff: Ja, zum Beispiel eine Befragung. Also so etwas gibt es im Bistum Aachen nicht, ich habe mich da erkundigt. Aber ich habe natürlich mit anderen Pastören darüber gesprochen.

Und was ist Ihr Eindruck nach diesen Gesprächen?

Graaff: Was die sexuellen Übergriffe angeht, gab es bei uns im Bistum nur ganz wenige Fälle. „Man“ kennt seinen Pastor – positiv wie negativ. Da haben die Menschen in Bezug auf das pastorale Personal schon ein Gefühl für.

Aber es ist passiert und damit ist Vertrauen verloren gegangen.

Graaff: Ja, es ist passiert. Viele Leute können sagen: Bei uns nicht. Trotzdem war das schon eine große Welle, denn ganz viele Leute haben gesagt: Mit dem Laden und mit der Vertuscherei? Ich nicht mehr! Das sagt aber nur der, der schon einen gewissen Abstand zu seiner eigenen, engen und ihm bekannten kirchlichen Gemeinschaft hat, beziehungsweise „schlechte“ Erfahrungen gemacht hat. Was Tebartz-van Elst betrifft: Der hat etwas ins Rollen gebracht, was die Menschen hochempfindlich trifft: Die Menschen geben die Kirchensteuer in die Gemeinschaft, um die zu finanzieren – und dann wird in Limburg mit diesen Geldern nicht transparent umgegangen.

Selbst wenn es transparent gemacht worden wäre, wäre es doch, salopp gesagt, eine Riesenschweinerei: Papst Franziskus verkündet Bescheidenheit, und hier lebt der Bischof in Saus und Braus...

Graaff: Das genau ist der Punkt: Dieser, liebevoll gesagt, Hauch von Luxus...

...sehr liebevoll gesagt...

Graaff: ... schlägt dann um. Stellen Sie sich das mal in Aachen vor: Der Bischof baut sein bischöfliches Palais für 30 Millionen Euro um – und wir kriegen hier in Heinsberg, Waldfeucht, Hückelhoven oder sonstwo im Kreis die Kirche nicht saniert – was meinen Sie, was bei uns hier los wäre! Wir kriegen von den Kirchensteuermitteln keinen Rücklauf, wir müssen unsere Gebäude teilweise schließen, weil wir sie perspektivisch nicht mehr finanzieren können, und da wird das bischöfliche Palais für richtig Geld umgebaut und noch mal oben drauf gebaut...

In Aachen wird doch ganz real umgebaut...

Graaff: Richtig. Da gehen etwa 15 Millionen Euro rein. Aber: Das wird transparent gemacht, das wird offen kommuniziert. Da kommt weder Luxus rein, noch wird da irgendwas gemacht, was nicht notwendig ist.

Sondern?

Graaff: Der Laden wird nach 30 Jahren endlich mal auf den Stand der Zeit und auf den Stand der Sicherheitsvorschriften gebracht.

Also ist die hohe Zahl der Austritte aus der katholischen Kirche auch im Bistum Aachen auf die Vorgänge im Bistum Limburg zurück zu führen?

Graaff: Ja. Das hat eine Welle losgetreten, die bis hierher geschwappt ist. Aber ich sehe als Grund dafür durchaus auch gesellschaftliche Entwicklungen.

Was meinen Sie damit konkret?

Graaff: Zum Beispiel die so genannte Agenda 2010 und die damit verbundenen massiven Einschnitte in die Lohn- und Gehaltsstrukturen der Werktätigen. Sogar die Gewerkschaften hatten danach ja zeitweise völlig ihren Einfluss verloren. Das waren ja Rieseneinschnitte in das soziale Netz dieser Gesellschaft. In den letzten zehn Jahren hat zum Beispiel die Notwendigkeit, dass Frauen in die Erwerbstätigkeit reingehen müssen, um den Lebensstandard der Familie halten zu können, einen ganz neuen Stellenwert erhalten. Die Belastungen in den Familien sind heute sehr, sehr hoch.

Es gibt also neben den „hausgemachten“ Gründen für die Austritte aus der kirchlichen Gemeinschaft auch gesamtgesellschaftliche Gründe?

Graaff: Da bin ich sicher. In den Familien muss jeder Cent dreimal umgedreht werden, um den Lebensstandard, den man gewohnt ist, mit Eigentum, mit zwei Autos, mit zwei Kindern, halten zu können. Und dann kann man das, was man an Kirchensteuer zahlt, gut für das eigene Portemonnaie gebrauchen. Zumal dann, wenn man sieht, dass mit den Kirchensteuergeldern auch noch verschwenderisch umgegangen wird. Also: Wir können das Geld gut gebrauchen – die brauchen es nicht.

Die Kirche kommt durch die steigende Zahl derer, die nicht mehr Kirchensteuer zahlen wollen oder können, in wirtschaftliche Schwierigkeiten?

Graaff: Wir hatten im Bistum Aachen mal 540 Pfarrkirchen, mit der entsprechenden Logistik dahinter...

...also Pfarrhaus, Pfarrbüro...

Graaff: ...ja, solche Sachen. Und es hängen Angestellte daran, für die das Arbeitsrecht gilt. Die kleine Kirchengemeindeverband Gangelt hatte vor der Finanzkrise 120 Mitarbeiter, heute sind es noch 60; in Hückelhoven habe ich um die 250 Mitarbeiter. Wenn Sie da Stellen abbauen wollen, machen Sie es entweder einvernehmlich oder Sie müssen eine Prioritätenliste machen. Und Sie müssen natürlich gucken, wie sie die Finanzierung hinkriegen. Wenn dann Kirchensteuermittel wegbrechen, dann müssen wir uns fragen: Wie kriegen wir unsere Verpflichtungen erfüllt? Und: Wie können wir das, was uns als Gesamtkirche wichtig ist, weiter betreiben? Nämlich Kindergärten unterhalten; ein Pfarrbüro offen zu halten, damit die Menschen einen Ansprechpartner finden; eine Kirche zu betreiben, damit die Menschen Gottesdienst, Eucharistie feiern und sich zum Gebet sammeln können – wie können wir das gewährleisten?

Müssen Sie denn kirchliche Mitarbeiter wegen der gesunkenen Kirchensteuer entlassen? In Hückelhoven zum Beispiel?

Graaff: Nein. Im Augenblick jedenfalls nicht. Das hat unser Generalvikar gut gemacht: Er hat die Schätzungen dessen, was wir an Kirchensteuer einnehmen, gut berechnet. Das Kostenlevel haben wir in den letzten Jahren so abgesenkt, dass wir Schwankungen in den Kirchensteuereinnahmen abfangen können. Im Augenblick jedenfalls drohen wir nicht, in Konkurs zu geraten. Vor knapp zehn Jahren drohte uns dagegen die Insolvenz...

Das Bistum Aachen hatte in den vergangenen Jahren Überschusshaushalte von bis zu 30 Millionen Euro.

Graaff: Ja, als Folge des reduzierten Kostenlevels. Das Geld wurde zum größten Teil in die Rücklage gesteckt, zum Teil als Investitionsanlage verwendet...

...zum Beispiel für die Sanierung des Generalvikariats in Aachen?

Graaff: Ja, das wird aus diesen Mitteln finanziert. Und vom Überschuss aus dem Jahr 2013 gehen nach Katholikenschlüssel verteilt sechs Millionen an alle Pfarren im Bistum.

Wir sprechen über die Kirche als Wirtschaftsunternehmen...

Graaff: Ja, im Augenblick dreht sich viel zu viel um das Thema Geld. Aber das deshalb, weil wir eingebunden sind in das, von dem wir sagen, es gehört zu unserem Profil dazu. Weil wir nämlich sagen, wir brauchen Kindergärten, wir brauchen eine Kirche und, und, und..., wissen aber derzeit nicht, wie wir das betreiben sollen, wie wir das finanziert bekommen. Kurzfristig besteht für und, ich sagte das schon, keine Veranlassung, auf den Rückgang der Kirchensteuereinnahmen zu reagieren. Mittelfristig aber, das wissen wir alle, werden diese Zahlen Auswirkung zeigen.

Welche Auswirkungen?

Graaff: Perspektivisch werden die Kirchengemeinden weniger Geld zur Verfügung haben. Weil: Die Rücklagen werden irgendwann aufgebraucht sein. In zehn oder in fünfzehn Jahren haben wir alle, und da schließe ich mich mit ein, kalte Füße. Dann weiß keiner von uns mehr, was von unserem Kerngeschäft und von dem, was uns als Gemeinschaft, nicht nur uns als Leitung, wichtig ist – was von dem noch bleibt.

Und was tun sie, um sich dieser Herausforderung zu stellen?

Graaff: Was wir projekthaft in Gangelt begonnen haben: Kleine christliche Gemeinschaften, lokale Kirchenentwicklung vorantreiben, auch auf der regionalen wie auf der Diözesanebene. Es gibt keinen anderen Weg als das Eine laufen zu lassen – also zu gucken, wie wir mit unserem Status Quo, mit unseren Immobilien, mit unserem Personal, mit unseren Ansprüchen, mit unserem So-geworden-Sein vernünftig weiterkommen, aber immer unter der Überschrift: Wir können nur das tun, was wir tun können. Und parallel dazu Menschen zu sammeln, um sie hinein zu führen in die Begegnung mit dem Wort Gottes.

Wie geht es mit Kirche in dieser sich rapide wandelnden Gesellschaft weiter? Was ist Ihre Prognose?

Graaff: Wir werden gesellschaftlich an Einfluss verlieren, wir haben schon an Prägekraft verloren, wir werden noch mehr einbüßen. Das Fatale ist: Welt braucht Gott. Weil Welt ohne Gott nicht geht.

Sollte sich Kirche dann nicht von vielem wirtschaftlichen Ballast, den sie mit sich rumschleppt, trennen?

Graaff: Dreimal ja. Die Kirchengestalt, die wir heute leben, trägt nicht mehr. Entweder werden wir sie weiterentwickeln in Richtung lokale Kirchenentwicklung, kleine christliche Gemeinschaften – oder Kirche löst sich von selbst auf, beziehungsweise versinkt in der Marginalität.

Leserkommentare

Leserkommentare (6)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert