Erkelenz - 85 Jahre und kein bisschen altersmilde

85 Jahre und kein bisschen altersmilde

Von: Helmut Wichlatz
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Mit 85 Jahren zwar alt, aber k
Mit 85 Jahren zwar alt, aber kein bisschen altersmilde: Dieter Hildebrandt zu Gast in der Stadthalle Erkelenz. Nicht nur die Politik bekam ihr Fett weg, sondern auch das Neudeutsch oder die vielen Ratgeber, die derzeit kuriseren. Foto: Koenigs

Erkelenz. Wer glaubt, dass man im Alter alles ein wenig gelassener sieht, kennt das neue Programm von Dieter Hildebrandt nicht. In seinem aktuellen Soloprogramm „Ich kann doch auch nichts dafür” präsentiert sich der 85-Jährige wütender und bissiger denn je.

Entlarvende Analysen und kalauernde Wortspiele jagen sich in einem Tempo, von dem manchem jungen Bühnenkünstler schwindelig würde. Da sitzt jeder Satz und selbst die scheinbar verhaspelten führen zu ungeahnten oder unausgesprochenen Pointen.

Mit den Worten „Wenn man das so lange macht wie ich, kommt man zwangsläufig auch nach Erkelenz”, begrüßte er am Samstag das Publikum in der Stadthalle, um dann ohne große Umschweife zum Rundumschlag gegen die Politik und die Gesellschaft mit ihren teilweise bizarren Auswüchsen auszuholen.

Der 1927 in Niederschlesien geborene Kabarettist und Mitbegründe der Münchner Lach- und Schießgesellschaft versteht es trotz - oder gerade wegen - seines hohen Alters, die Missstände und Fehlentwicklungen auf den Punkt zu bringen, wobei er kein Blatt vor den Mund nimmt. Dem Publikum verlangt er bei diesem Galopp durch das Zeitgeschehen eine Menge ab. Mitdenken und genau zuhören war angesagt, was wohl auch ein Grund dafür war, dass der Altersschnitt an dem Abend deutlich im Bereich 50 plus lag.

Piraten oder Parasiten

Bevor er jedoch mit dem eigentlichen Programm begann, nahm sich der Altmeister des Kabaretts rund eine Stunde lang Zeit, um mit „ein paar notwendigen Bemerkungen” zu erläutern, weshalb sein Programm so heißt wie es heißt. So kam er von Merkels Kabinetts-Rochade zuerst einmal auf die Piratenpartei, die seiner Meinung nach auch Parasitenpartei heißen könnte. Ihre Vordenker, die man derzeit in jeder Talkshow bewundern kann, bezeichnete er als „sympathisch, ahnungslos und schamlos”. Sie zu wählen, grenze an „kollektive Verblödung”.

Von den Piraten ging es zur FDP, zu Effenberg als Fußballkommentator, den Burschenschaften, zur NSU und zur unrühmlichen Rolle des Verfassungsschutzes bei der Ausschaltung derselben. Dabei blieb dem Publikum ein ums andere Mal das Lachen im Halse stecken, denn Hildebrandts Analysen verheißen bei allem Spaß am Wortspiel nichts Gutes. Als er nach einer Stunde erklärt hatte, wie er auf den eigentlich nichtssagenden Namen seines Programms gekommen war, ging es erst richtig los. Diesem bösartigen alten Mann zuzuhören, ist ein Hochgenuss für Denkwillige, wie man ihn heute nur noch selten geboten bekommt.

Die „Denke” und die „Staune”

Auch das um sich greifende Neudeutsch bekam sein Fett weg. Zum Beispiel mit der Frage, ob derjenige, der eine „Denke” hat, zwangsläufig auch eine „Staune” besitzt oder ob das „Kein Thema” auf eine Bitte gleichzeitig auch eine Ablehnung derselben beinhalte.

Seinen Biss und seine Schärfe wünscht man so manchem, der sich heute als „legitimer Nachfolger” auf die Bühne stellt. Diese Lehrstunde in kreativem Querdenken war alles, aber auf keinen Fall langatmig.

Nach rund drei Stunden dankte das Publikum mit stehenden Ovationen. Prompt kam ein „Haben Sie noch einen Moment Zeit für mich?”, dem messerscharfe Betrachtungen über ein weiteres Gräuel unserer Zeit, die Ratgeber zu allem und jedem Thema, folgten. Wäre Hildebrandt auf die Idee gekommen, sich einfach noch einmal an den Tisch zu setzen und von vorne zu beginnen, hätte sicher niemand die Stadthalle verlassen. So jedoch entließ der große alte Mann des Kabaretts nachdenkliche und zugleich sehr zufriedene Zuschauer in die Nacht. Mehr davon wäre nicht zu viel!
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