Kritische Abhandlung: Kirche und Nationalsozialismus in der Region

Von: han
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Welcher Widerstand ging von Se
Welcher Widerstand ging von Seiten der Kirchen aus? Der Beantwortung dieser Frage widmete Dr. Horst Wallraff vom Stadt- und Kreisarchiv einen Vortrag zum Thema Kirche und Nationalsozialismus. Foto: Johnen

Kreis Düren. „Was an tatsächlichem Widerstand von Seiten der Kirchen gegen das NS-Regime ausging, kam durchweg von unten: von Pfarrern, Gemeinden und einzelnen Christen”, fasste Dr. Horst Wallraff die Ergebnisse verschiedener Historiker zusammen.

Der Dürener Historiker hatte sich in der Volkshochschule der Stadt mit dem Thema Kirche und Nationalsozialismus in unserer Region auseinandergesetzt. Ein Thema, das in besonderem Maße „verdrängt” wurde und auch heute noch äußerst kontrovers diskutiert wird. Manche Kirchenmauer erweise sich als unüberwindbares Hindernis bei der Aufarbeitung der Vergangenheit, wie Teilnehmer dieser VHS-Veranstaltung zu berichten wussten.

„Keine Entschuldigung”

Der Abend war geprägt von kritischer Abhandlung und Aussprache. Dr. Horst Wallraff zitierte ein Wort Konrad Adenauers, bis zum „Dritten Reich” Kölner Oberbürgermeister und später erster Bundeskanzler der Bundesrepublik, der kurz nach dem Zweiten Weltkrieg feststellte, dass die deutschen Bischöfe mit einem entschiedeneren Vorgehen gegen den Nationalsozialismus „vieles hätten verhüten können” und dass es für deren (Fehl-)Verhalten „keine Entschuldigung” gäbe.

Nicht wenige Gläubige, so die Erkenntnis heute, fühlten sich in ihrer Ablehnung des NS-Regimes von der Kirche alleingelassen. Zumindest in der ersten Zeit nach der NS-„Machtergreifung” 1933 ließen etliche Geistliche durchaus Sympathien für die neue nationalsozialistische Bewegung erkennen, obwohl Düren und Jülich aufgrund ihres hohen Katholikenanteils innerhalb Deutschlands als „tiefschwarz” galten.

Der Mitarbeiter des Stadt- und Kreisarchivs nannte Beispiele: „Der von 1930 bis 1934 die zweite Pfarrstelle der Evangelischen Gemeinde zu Düren besetzende Albert Steltmann betrat in NSKK-Uniform die Kanzel und nahm in solcher an theologischen Konferenzen teil. Der Jülicher Dechant Karl Bechte betete während des Krieges jeden Sonntag am Ende der Messe regelmäßig für den Führer, Volk und Vaterland und den Endsieg.”

Andererseits betonte Wallraff die Renitenz einzelner katholischer Priester (wie beispielsweise Johannes Dautzenberg, Georg Maria Rody) und auch evangelischer Pfarrer (wie Wilhelm Wester) und nicht zuletzt die Kirchentreue vieler gläubiger Menschen dieser Region, die den nationalsozialistischen Machthabern eindringlich vor Augen geführt habe, dass die Kirche die einzige gesellschaftliche Gruppierung gewesen sei, die sich der „Gleichschaltung” erfolgreich widersetzt habe.

Einzelne Priester änderten ihre Haltung zum Nationalsozialismus im Laufe der Zeit radikal, so beispielsweise der Pfarrer der Evangelischen Gemeinde Jülich, Hermann Barnikol, nach dem rüden SA-Vorgehen bei der „Reichskristallnacht” oder eben Wilhelm Wester, der nach anfänglichem Wohlwollen seine Meinung so radikal änderte, dass er im Jahr 1940 von den Nationalsozialisten zu acht Monaten Gefängnis und Ausweisung aus Düren und dem Rheinland verurteilt wurde. Nationalsozialisten betrachteten jede Art von Kritik als politisch motivierten Widerstand, führte der Referent aus und folgerte daraus: „Es hat in Deutschland keinen katholischen Widerstand, sondern nur Katholiken im Widerstand gegeben.”

Die „Bekennende Kirche” auf evangelischer Seite werde zu Recht als „Widerstandsbewegung wider Willen” bezeichnet. Im Grunde genommen sei es eine „Glaubensfrage”, ob „glaubengeborene Renitenz” als „Widerstand” im politischen Sinne gedeutet werden könnte, meinte der Historiker, der die Frage offen und jedem Einzelnen die Deutung überließ, ob die oben erwähnte Feststellung Adenauers, dass Vorgehen der hohen Würdenträger der Amtskirche vieles hätte verhüten können”, zutreffend sei.
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