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Zum 2900. Mal in der Rolle seines Lebens

Von: Otto Jonel
Letzte Aktualisierung:
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Seit 60 Jahren schlüpft Willi Pelzer einmal pro Woche in die Rolle seines Alter Ego und wird zum Muttkrat Schäng. Foto: Jonel

Jülich. Man darf es ruhig ein krummes Jubiläum nennen. Bitteschön. Schließlich ist „2900” wahrlich nicht jubiläumsmäßig gerade. Aber rund. Am Samstag tritt der 2900. Jülicher Verzäll an die Öffentlichkeit - und ist für seinen Erschaffer schon Vergangenheit.

„Muttkrat Schäng” tüftelt bereits am 2901. Verzäll - präzise wie ein Schweizer Uhrwerk.

Die wöchentliche Kolumne in unserem Lokalteil bringt es rein rechnerisch auf eine Laufzeit von sage und schreibe 56 Jahren. Tatsächlich ist der Verzäll noch ein paar Jahre älter. 1950 erblickte die Kopfgeburt des Jülicher Redakteurs Fritz Kremer und seines freien Mitarbeiters Willi Pelzer das Licht der Welt - und entwickelte sich zum Dauerbrenner. Der fröhliche lockere Plauderton, in dem darin „op Platt” Alltägliches und Besonderes wiedergegebenen werden, hat eine richtige Fangemeinde. Als der „Schäng” vor einigen Jahren krankheitsbedingt für einige Monate verstummte, nahmen viele Anteil und fragten besorgt, wann sie denn wieder etwas von ihm lesen würden.

Willi Pelzer erholte sich rasch. „Seit der Behandlung sind die Gedanken viel besser geworden. Ich kann mich jetzt an Einzelheiten aus meiner frühen Kindheit erinnern, die ich längst vergessen hatte.” Dabei lebt er beileibe nicht in der Vergangenheit. Mit wachem Geist und scharfem Verstand steht der 88-jährige Jülicher im Hier und Jetzt. Gleichwohl ist sein gewaltiger Fundus an Erlebtem und an Erinnerungen sein größter Schatz. Aus dem bedient er sich gern, wenn er zu irgendeinem aktuellen Ereignis oder Gedanken eine Brücke zu Gewesenem oder Vergleichbarem schlägt. In dieser Hinsicht ist Willi Pelzer so interdisziplinär wie ein Kabarettist. Und so unterhaltsam ebenfalls.

Recherche ohne Google

Jüngeren Verzäll-Lesern dürfte es unglaublich erscheinen, dass der Schäng keinen Computer besitzt, nicht googelt oder bei Wikipedia nachschaut. Er hat seine Bücher, ein hohes Maß an Allgemeinbildung - und ein Telefon. Das nutzt er, um zu recherchieren. Erst kürzlich noch in eigener Sache, als er im Krankenhaus der Augustinerinnen in Köln nach seinem Jahrbuch fragte. Dort im Severinsklösterchen war Willi Pelzer 1921 geboren worden. Sein Geburtenbuch, erfuhr er bei dieser Gelegenheit, ist ein prominentes Opfer: Im Kölner Stadtarchiv verwahrt, wurde es bei dessen Einsturz möglicherweise zerstört.

Obwohl derzeit nicht so gut zu Fuß, hat der Muttkrat Schäng die Antennen stets auf Empfang geschaltet. „Meine Ideen beziehÔ ich von der Straße. Über meine Tochter Claudia kriege ich viel mit. Dann habe ich ja noch meine zehn Schwestern”, schmunzelt er spitzbübisch und ergänzt: „Vom Malteser-Hilfsdienst, die sind meine Informationsquellen.” Das und seine Zeitung reichen aus, um immer auf dem Laufenden zu sein. Zum Würzen des Verzälls hat Willi Pelzer sich gern beim guten alten Goethe bedient. „Jetzt bin ich dabei, mehr Zitate von Schiller zu verarbeiten.” Nicht gerade zweite Wahl.

„Das Schreiben an sich fällt mir leicht”, sagt Willi Pelzer. Das gehörte schließlich zu seinem langen Berufsleben. Als Verwaltungsangestellter im Jülicher Rathaus war behördliche Korrespondenz Tagesgeschäft. Auch außerhalb der Amtsstube machte es ihm Spaß, Wort in Papier zu kleiden. Dabei kamen nicht nur Verzälls heraus. Allesamt geschrieben auf der Schreibmaschine. Die derzeitige, eine Triumph Adler Gebriele 100, ist eine elektrische. Die einzige Konzession an das elektronische Schreibzeitalter.

Der Ehrenmedaillenträger der Stadt Jülich und Hüter des „Jülicher Platt mit einem bisschen Kölner Platt” schreibt unverdrossen unter einer Maxime: „Es macht mir Freude, Freude zu haben und anderen Freude zu bereiten.”
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