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„Zeit ist Hirn“: Bei Schlaganfall ist Eile geboten

Von: ptj
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Das Podium der Schlaganfall-Experten: v.l. Neurologe Dr. Stephan Behrens, Kardiologe Dr. Mario Meuser, Moderator Otto Jonel, Teleneurologe Dr. Frank Brinkmann, Allgemeinmediziner Dr. Manfred Imbert und Dr. Herbert Wilmsen, Chefarzt der Neueorlogie in Lendersdorf.

Jülich. „Wir brauchen Sie als Patienten möglichst schnell, und das ist der Sinn der heutigen Veranstaltung“. Dr. med. Herbert Wilmsen, einer von fünf Experten beim 23. Medizinforum unserer Zeitung zum Thema „Schlaganfall“ mahnte zur Eile. Die Veranstaltung in der dicht gefüllten Schlosskapelle, moderiert von unserem Redakteur Otto Jonel, basiert auf der Kooperation mit dem St.-Elisabeth-Krankenhaus Jülich, niedergelassenen Ärzten und der AOK.

Erstmals gab es dabei eine Liveschaltung ins Jülicher Krankenhaus, ermöglicht durch Dr. Frank Brinkmann, Leiter des Bereichs Teleneurologie am St.-Augustinus-Krankenhaus-Lendersdorf. Sie verdeutlichte die effektive Zusammenarbeit der beiden Häuser in einem telemedizinischen Projekt zur integrierten Schlaganfallversorgung.

Wilmsen, Chefarzt der Neurologie im St.-Augustinus-Krankenhaus, startete sein Referat mit der Aufzählung der Risikofaktoren: Bluthochdruck (über 140/85 mmhg), Diabetes mellitus, Rauchen, hoher Cholesterinspiegel, Übergewicht, Bewegungsmangel, Östrogentherapie und Migräne.

„Wenn ich Migräne habe, sollte ich nicht unbedingt rauchen und die Pille nehmen“, so Wilmsen an die Damen gerichtet. Beim Schlaganfall handele es sich um eine Mangeldurchblutung eines Hirnabschnitts oder die Folge einer akuten Blutung. 200 bis 300 Menschen pro 100.000 Einwohner erkranken jedes Jahr erstmalig daran. Die Sterbequote ist rückläufig, die Rückfallquote beträgt zwölf Prozent im ersten Jahr. Natürlich senke die positive Beeinflussung der Risikofaktoren das Schlaganfallrisiko.

Ernst zu nehmende Mini-Warnsymptome seien etwa die jeweils plötzlich auftretende Schwäche einer Hand, eines Beins oder einer Körperseite, Taubheitsgefühl, halbseitige Seh- oder Sprach/Sprechstörung, akutes Doppeltsehen oder akut einsetzender Schwindel. „Time is brain“ (Zeit ist Gehirn), weil mindestens in den ersten drei Stunden nach Eintreten der Symptome eine erfolgreiche Wiederbelebung des notleidenden Hirngewebes erzielt werden kann. Zum Schlaganfall aus hausärztlicher Sicht nahm „Gatekeeper“ Dr. Manfred Imbert Stellung, niedergelassener Facharzt für Allgemeinmedizin in Aldenhoven.

Er riet zum vorsorgenden „Check up 35“ alle zwei Jahre, zur Prüfung des Impfstatus und zur Krebsvorsorge. Alle genannten Symptome könnten auf einen Schlaganfall, aber auch auf andere Erkrankungen hinweisen. Wichtig ist: „Kann ein Schlaganfall nicht auf Grund der klinischen Untersuchungen weitgehend ausgeschlossen werden, ist so zu handeln, als läge ein solcher vor“ – also die Einweisung ins Krankenhaus. Weiterbehandelnde Kollegen müssen über Medikation, Vorerkrankungen, Allergien oder andere Besonderheiten informiert sein.

Als Nachsorgemaßnahmen nannte Imbert unter anderem koordinierte Folgeuntersuchungen, Reha oder Physiotherapie. Natürlich nützen „die beste Technik, die besten Ärzte, das schnellste Eingreifen wenig, wenn die Betroffenen nicht bereit sind, Lebensweise und Gewohnheiten zu ändern.“ 70 Prozent der Schlaganfälle sind auf Verengungen der hirnversorgenden Gefäße oder Embolien aus dem Herzen zurückzuführen.

Wichtig war deshalb der Vortrag von Dr. Mario Meuser, dem niedergelassenen Kardiologen und Oberarzt am St. Elisabeth-Krankenhaus.

550 Menschen in Deutschland erleiden täglich einen Schlaganfall, 200 bis 300 sterben daran. 15 bis 20 Prozent der Schlaganfälle ereignen sich aufgrund von Vorhofflimmern, der häufigsten anhaltenden Herzrhythmusstörung, die bei zwei Prozent der Bevölkerung beobachtet wird. Obwohl es verschiedene Arten des Vorhofflimmerns mit jeweils unterschiedlicher Dauer gibt, haben 70 Prozent aller Patienten fünf bis sechs Jahre nach der ersten Episode anhaltendes Vorhofflimmern.

Also gelte: „Einmal Vorhofflimmern ist wie immer Vorhofflimmern.“ Behandelt wird die Komplikation um die Loslösung kleiner Blutgerinnsel gewöhnlich mit dem Blutgerinnungshemmer Marcumar. Gegeneinander abzuwägen seien hier das Embolien- und das Blutungsrisiko.

Zur prä- und postklinischen Versorgung referierte Dr. Stephan Behrens, Neurologe im Gesundheitszentrum Jülich. Primärpräventiv kommt er als Risikobestimmer und -berater und kooperierender Mediziner zum Einsatz. In der postklinischen Versorgung stellt er Fortführung und Kontrolle der Therapie sicher. Er verschreibt Gymnastik, Sprach- oder Ergotherapie oder ordnet Rehabilitationsbehandlungen an. Ferner koordiniert er vorbeugende Maßnahmen, kontrolliert und verschreibt Heil- und Hilfsmittel.

Interessant gestaltete sich die Fragerunde des Publikums. Applaus spendeten die Zuhörer bei der in den Raum geworfenen Bemerkung, auch als Akutpatient bekäme man keine Termine. Zwar bestritten die Experten den Vorwurf, räumten aber Probleme in der Nachsorge ein.

Frank und frei erwähnte Behrens auch die Patienten-Fallzahlen, deren Nichteinhaltung eine Honorarkürzung zur Folge habe. Letzte interessante Frage war die nach den Marcumar-Nachfolgemedikamenten Xarelto und Praxada. „Marcumar ist nicht besser und nicht schlechter. Würden wir alle Patienten umstellen, sind wir relativ schnell pleite. Aber die Zeche bezahlen Sie selber“, lautete Meusers Kommentar.

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