Jülich - Wut und Ohnmacht im Nazi-Regime

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Wut und Ohnmacht im Nazi-Regime

Von: ptj
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„Vergessen nie, vergeben ja”: Helmut Clahsen liest im Bonhoefferhaus unter großer Anteilnahme aus seinem ergreifenden Zeitdokument. Foto: Jagodzinska

Jülich. „Mama, was ist ein Judenbalg?”, heißt das ergreifende Buch von Helmut Clahsen. Als Senior schrieb der 1931 geborene Halbjude nieder, was er in der Zeit des Nationalsozialismus im Alter zwischen vier und vierzehn Jahren in Aachen erlebte, weil er es seiner Oma „in die Hand versprochen hatte, wenn er überlebt”.

Die „kleine”, aber couragierte Oma, die ihr Ende im Konzentrationslager Birkenau fand, ist eine Schlüsselfigur in seinem spannenden Buch, das den Leser durch sehr detaillierte Beschreibungen und Nennung von Straßennamen im nahen Aachen die Handlung förmlich miterleben lässt.

Andreas Richter von der evangelischen Gemeinde in Jülich initiierte die Lesung im Bonhoeffer-Haus, die auch einige Jugendliche besuchten. „Sie wurden bewahrt, um dies hier niederzuschreiben”, davon zeigte sich Richter überzeugt.

Der Erlebnisbericht beginnt im Sommer 1935 damit, dass der kleine Helmut mit seiner schwangeren jüdischen Mutter schmust. Kurz darauf stellt er ihr auf die Bemerkung einer Hausbewohnerin hin die Frage, die er zum Titel seines Buches erwählte. Die Tränen der Mutter geben die Ohnmacht wieder, die, gepaart mit immer größer werdender Wut, wie ein roter Faden den Buchinhalt prägt, dessen Grausamkeiten sich kontinuierlich steigern.

Kumpel Kurti darf plötzlich auf Geheiß seiner Eltern einem Juden alles abnehmen, damit beginnt Clahsens Wut, mit der er erst als Erwachsener langsam umzugehen lernte. Aber er weiß auch: „Besonders in meiner Kindheit hatte ich viele Schutzengel um mich, die garantiert keine Langeweile hatten”.

Damit meint er Schutzengel aus Fleisch und Blut wie Tante Mary, die beste Freundin seiner Mutter, die ein Geschäft für Milchprodukte und Eier hatte sowie Pferd und Wagen. Oder den Aachener Unternehmer Emil von den Driesch, der Clahsen davon abhielt, zu seiner Oma zu eilen, als sie von NS-Schergen aus dem Haus geschleift wurde. Oder auch „Pohler”, der Oma half, in die Anonymität abzutauchen, dafür aber von den Nazis erschossen wurde.

Flucht satt Bildung

„Immer hatte ich diese Angst, wenn ich braune oder schwarze Uniformen auch nur aus der Ferne sah. Ich traute niemandem”, oder „Mir war nach rasendem Schreien zumute”, sind bleibende Eindrücke des Autors, der ständig auf der Flucht von einem Versteck zum nächsten - meist an der Hand seiner Oma - auf eine Schulbildung weitestgehend verzichten musste.

Der Aachener Autor, der später wieder mit Hilfe Dritter das Bäckerhandwerk erlernte, unterstrich seine Lesung durch das Abspielen traditioneller Gesänge aus Israel wie das „Osse Shalom”. Gespielt wurde auch das Duett „Abends will ich schlafen gehen” aus der Oper „Hänsel und Gretel”. Dieses Stück sangen seine Mutter und deren Cousine Dori in einem „Zeremoniell” als Abendgebet für ihn und seinen kleinen Bruder. Später erlebte er es begeistert als Theateraufführung mit. Dies war das letzte prägende Erlebnis mit seiner Mutter, die in Hitlers „Gesundheitsprogramm” zu Tode therapiert wurde.

Ein Gespräch nach der Lesung mit Autor und Mitveranstalterin Elke Bennetreu von der Erwachsenenbildung des Kirchenkreises klärte einige offene Fragen und Hintergründe. Interessant war zum Beispiel Clahsens Begründung der Tatsache, „warum es nie arme Juden geben wird”: „In der jüdischen Gemeinde steht der Erste für den Letzten, der sieben Jahre lang Zeit hat, es der Gemeinde zurückzuzahlen.”
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