„Wir dulden RWE schon lange nicht mehr”

Von: Sarah Maria Berners
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Mit Kreuzen auf den Bäumen un
Mit Kreuzen auf den Bäumen und den Slogans „Stoppt RWE” protestieren die Waldbesetzer gegen die Rodung des Hambacher Forstes und die Verstromung von Kohle: Foto: smb

Hambach/Buir. Die schwarzen Kreuze auf den Stämmen der Bäume sind Zeichen des Protests. Zugleich wirken sie wie Prophezeiungen. Die Rodungssaison hat begonnen und es ist zu erwarten, dass der Hambacher Forst in absehbarer Zeit kein Wald mehr sein wird.

Dass sie die Kettensägen und später die Bagger wohl nicht aufhalten können, wissen die Aktivisten, die das Waldstück unweit der Abbruchkante des Braunkohletagebaus seit April besetzt halten. Sie wissen, dass sie die Welt nicht von heute auf morgen verändern können. Das hält sie aber nicht davon ab, es zu versuchen. „Nichts tun bringt noch weniger”, sagt Waldbesetzer Dirk. Nachnamen gibt es im Camp nicht. „Viele Anwohner, deren Dörfer abgerissen werden, haben resigniert. Sie trauen sich nicht, gegen das Machtmonopol von RWE anzutreten, und sie nehmen die Zerstörung von Dörfern und Natur hin.”

Jetzt, wo das RWE die Duldung des Waldcamps aufgehoben hat, geben sich die Aktivisten noch kämpferischer. „Das Waldcamp duldet RWE schon lange nicht mehr”, schreiben sie in ihrem Blog und sie fordern: „Kommt in den Wald und verteidigt ihn mit uns.” Verteidigung kann viele Formen annehmen. Besetzerin Susanne spricht von Kulturaktionen gegen die Rodung, von kreativen Aktionen. Der Energiekonzern spricht von 40 Strafanzeigen. Zäune wurden laut RWE eingerissen, es sei versucht worden, in ein Stellwerk einzudringen, Anlagen seien mit Graffitis besprüht, Äste auf Oberleitungen geworfen und Mitarbeiter mit Steinen beschmissen worden.

Der Energiekonzern kritisiert die mangelnde Gesprächsbereitschaft der Aktivisten. Deren Bedingung sei gewesen, dass die Bagger abgestellt werden. „Sie verlangen, dass wir mit dem, was wir tun, was auf Recht und Gesetz fußt, aufhören”, sagt Sprecher Lothar Lambertz.

Ob geduldet oder nicht, die Aktivisten wollen bleiben, dafür sind sie schließlich gekommen. „Herbst und Winter fürchten wir nicht”, sagt Susanne. Schließlich haben sie sich in dem Waldstück wohnlich eingerichtet. Es gibt Holzhütten, die mit Lehm und Stroh isoliert wurden, Zelte, Schlafplätze in den Bäumen, eine Küche, eine Regenwasserdusche, den Umsonst-Laden für Kleidung und eine Waldtoilette.

„Seit die Rodungssaison begonnen hat, hat sich die Stimmung verändert”, sagt Susanne. Die junge Frau ist aus Berlin in den Wald gezogen. Zehn bis 20 Waldbesetzer sind nach ihren Angaben immer vor Ort. Die Anspannung, von der Susanne erzählt, ist nicht zu spüren. Ein paar Briten backen Pfannkuchen, am Lagerfeuer gibt es Kaffee, Tee und Zigaretten. Das Leben im Wald wirkt entspannt, ein bisschen wie ein Zeltlager in den Schulferien. Jeder bringt sich ein, wann und wo er will und kann.

„Ich stelle mich mit meinem Leben und meinem Sein gegen die Ausbeutung unseres Planeten”, sagt Susanne während sie am Lagerfeuer sitzt. Für sie und für viele andere Waldbesetzer geht es um mehr als um den Erhalt eines Waldes und gegen die Verstromung von Braunkohle. Mit ihrem alternativen Lebensentwurf stellen sie sich gegen das System, üben auf ihre Art Kapitalismuskritik. „Lohnarbeit und Studium werden sowieso überbewertet”, schreiben die Aktivisten in ihrem Blog. Einige haben sich ganz bewusst für ein Leben ohne Geld entschieden.

Die Aktivisten betonen aber auch, dass sie für ihre Form des Protests die Unterstützung „von draußen” brauchen, von Menschen, die im kritisierten System leben. Diese versorgen die Aktivisten mit Trinkwasser, Kleidung, Lebensmitteln und Baumaterial. „Es ist nicht jeder dafür gemacht, ohne Strom, Heizung und fließendes Wasser im Wald zu leben”, sagt Hanna, die „aus dem Rucksack lebt”. Beruf und Familie binden Menschen eben, das wissen die Waldbesitzer. Sie sollten die Menschen in ihren Augen aber nicht entbinden.

„Wir alle tragen die Verantwortung für die Erde, für den nachhaltigen Umgang mit Ressourcen, für die Zukunft. Aber viele Menschen verhalten sich nicht so”, kritisiert Susanne. Und dann spannt sie einen Bogen vom Hambacher Forst zur Weltpolitik. Zu Flüchtlingsproblemen, Waffenexporten und Kriegen, um dann wieder in dem beschaulichen Waldstück zu landen: „Wenn die Energiewende politisch wirklich gewollt wäre, wäre sie schneller umsetzbar”, ist Susanne überzeugt. „Aber die Energiekonzerne haben einfach eine zu starke Lobby.”

Den Erfolg der Waldbesetzung messen Susanne, Dirk und Hanna nicht an der Anzahl geretteter Bäume. Es geht mit der Waldbesetzung und dem medialen Interesse vor allem im Fall der Räumung darum Aufmerksamkeit zu erlangen. Sie wollen aufmerksam machen auf „die Ausbeutung des Planeten, auf regenerative Energien und alternative Lebensformen”. Und sie wollen zu Diskussionen anregen. Was sagen Sie, liebe Leser, dazu?
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