Wenn Zeitungsgeschichte geschrieben wird

Von: Daniela Martinak
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Stefan Helm (hinten), der für das Stadtarchiv zuständig ist, unterstützt Dr. Karl Koch bei seinen Recherchen. Im Keller des Rathauses sind etliche Ausgaben aus der Vorkriegszeit, aber auch diejenigen, die danach gedruckt wurden abgeheftet. Foto: Daniela Martinak
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Viele Stunden blättert der Autor die uralten Zeitungen durch und stößt immer wieder auf neue interessante Erkenntnisse.
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Dr. Karl Koch schreibt die Linnicher Zeit(ungs)geschichte. Auf 410 Seiten gibt es Lesestoff über die verschiedenen Ausgaben und die Stadt.

Linnich. Herrlich duftender Kaffee, frische Brötchen und köstliche Marmelade. Aber irgendetwas fehlt doch. Die Zeitung! Das fällt sofort auf, wenn sie mal einen Tag nicht erscheint. Wie selbstverständlich liegt das Tageblatt in vielen Haushalten allmorgendlich im Briefkasten, gehört es in vielen Familien zur Tagesordnung, am Frühstückstisch die neusten Neuigkeiten aus der Presse zu erfahren.

In Deutschland übrigens bereits seit Anfang des 14. Jahrhunderts. „Meist standen dort zu dieser Zeit nur Verordnungen und Gesetze geschrieben. Informationsblätter sozusagen“, weiß der Buchautor Dr. Karl Koch. Der verschwindet beinahe in einem überdimensionalen Stapel von Zeitungen. Im Keller des Linnicher Rathauses läuft er durch die Gänge und ruft beinahe minütlich „Ah“ oder „Oh“. Seit Jahren beschäftigt er sich mit dem Zeitungswesen. Insbesondere mit dem der Stadt Linnich. In seinem zweiten Buch mit dem Titel „Linnicher Zeit(ungs)geschichte“, möchte Dr. Karl Koch darauf verweisen, dass Heimatgeschichte festgehalten wurde, und auch, dass das Wissen um Ereignisse und Begebenheiten des täglichen Lebens vergangener Zeiten dazu gehören.

2500 Vorkriegsausgaben

In der „Linnicher Zeit(ungs)geschichte“ nimmt Koch Bezug auf die erschienenen Zeitungen im Einzelnen, aber auch auf regionale Gewerbetreibende zur damaligen Zeit. Belegt mit Hilfe von zahlreichen Fotos von Artikeln, Anzeigen und Deckblättern gelingt es dem Autoren so, ein breit gefächertes Interessengebiet zur Geschichte der Zeitung und der Stadt Linnich und Umgebung abzudecken.

Zugang zum Stadtarchiv gewährte ihm Stefan Helm, Mitarbeiter der Stadt. Dort schlummern über 2500 Vorkriegsausgaben. Und seit dem zweiten Weltkrieg werden in den durchnummerierten Schubladen lückenlos alle Ausgaben der heutigen Jülicher Zeitung gesammelt. Ein wirklich kostbares Schätzchen ist die wohl älteste Ausgabe des Kreis-Jülicher Korrespondenz und Wochenblatts aus dem Jahr 1823. „Das Archiv hat lange brach gelegen. Mit Hilfe von Dr. Koch ist es gelungen solche Schätze wieder auszugraben“, betont Helm. Koch solle doch bitte weit über 100 Jahre alt werden, da er noch gebraucht wird. Das aktuelle Buch sei eine Sensation.

Und eine Sensation ist auch das, was es darin zu lesen gibt. Der Begriff Zeitung tauchte als „zidunge“ mit der Bedeutung Kunde oder Nachricht im Raum Köln erstmals auf und wurde für mündliche oder schriftliche Botschaften bis ins 19. Jahrhundert gebraucht. Das Wort „tidinge“ aus dem Mittelniederdeutschen bedeutet so viel wie Botschaft oder Nachricht. Nach der Erfindung des Drucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg im Jahr 1445 waren bald auch Pressedrucke aufgekommen. Diese Blätter waren allerdings ereignisbezogen und erschienen nicht, wie heute üblich, täglich oder wöchentlich.

Auf welchen Umfang der 73-Jährige bei seiner Recherche gestoßen ist, ist beeindruckend: Sechs unterschiedliche Wochenblätter und sieben Tageszeitungen sind in der kleinen Stadt Linnich in den Jahren von 1849 bis 1930 erschienen. Hinzu kommen Fachzeitungen wie etwa „Der Impfgegner“. „Darauf gestoßen bin ich bei den Arbeiten an meinem ersten Buch ,Linnich – Ein Beitrag zur Geschichte der Stadt‘. Da entdeckte ich im Archiv der Stadt alte Zeitungsartikel und Zeitungen“, erklärt der gebürtige Linnicher.

Die enge Verbundenheit mit seiner Heimat und das Interesse an der Ortsgeschichte waren nicht die einzigen Beweggründe, ein Buch über die Geschichte der Zeitung zu schreiben. „Ich finde es als langjähriger Zeitungsleser unheimlich spannend, zu wissen, wie sie entstanden ist. Nicht nur in Linnich, sondern überall auf der Welt“, sagt Koch.

Regelmäßig erschienen

Als die erste regelmäßig erscheinende Zeitung auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands gilt der Aviso, Relation oder Zeitung. Es war eine Wochenzeitung, deren erste Nummer am 15. Januar 1609 in Wolfenbüttel erschien. Um 1615 entstand die Frankfurter Postzeitung, die in den folgenden 250 Jahren regelmäßig von Postillons verteilt wurde und kuriose Neuigkeiten, später auch amtliche Nachrichten, im ganzen Land verbreitete, und erstmals eine mit heutigen Blättern vergleichbare überregionale Bekanntheit erreichte. Überregionale Bekanntheit erlangten später auch Linnicher Ausgaben.

Nicht nur in den Kreisen Heinsberg, Geilenkirchen, Jülich, Erkelenz, Düren, Schleiden, Grevenbroich und Bergheim interessierten sich die Leute für das Blatt. Weit über die Grenzen Aachens hinaus, bis nach Belgien, Frankreich und den Niederlanden, wurde die „Linnicher Zeitung“ gelesen. Exemplare der Tageblätter sind im internationalen Zeitungsmuseum in Aachen zu sehen. Dort erkundigte sich Koch, besuchte das Museum regelmäßig und machte Entdeckungen, mit denen zuvor wohl niemand gerechnet hätte.

„In Linnich ist eine der ersten kreisungebundenen Zeitungen erschienen. Sie finanzierte sich über Anzeigen und profitierte von der Entstehung der Presseagenturen. Die anderen Exemplare waren kreisgebunden. Das heißt, sie wurden kontrolliert“, verdeutlicht Koch. Und weiter: „So konnten in der unabhängigen ‚Linnicher Zeitung‘ auch Neuigkeiten aus der ganzen Welt gedruckt werden.“ Dass diese Neuigkeiten erst verzögert bei den Menschen ankamen, störte niemanden. Hauptsache sie erreichten sie überhaupt. Fernsehen und Radio gab es damals nämlich noch nicht.

In noch vereinzelnd vorhandenen Ausgaben dieser alten Linnicher Zeitungen, stößt der Leser auf Wissenswertes über Verwandte und Bekannte, über Persönlichkeiten, über ehemalige Vereine... „Zu tief wollte ich in meinem Buch nicht eintauchen, ein paar Themen, die ich besonders interessant fand, habe ich angeschnitten oder so kurz wie möglich wiedergegeben“, äußert der 73-Jährige.

So kurz wie möglich waren damals übrigens auch die Artikel. Der Druck von Hand und die Tinte waren teuer und zeitaufwendig. Zudem bestanden die Blätter höchstens aus 20 Seiten. Als Tageszeitung bezeichnet wurde das Blatt, welches häufiger als einmal die Woche erschien. Die älteste noch erscheinende Tageszeitung ist heute die Wiener Zeitung (1703). Übrigens kostete ein Abonnement inklusive Stempelsteuer und Bringlohn pro Quartal damals etwa 7,5 Silbergroschen. Zum Vergleich: Der Eintritt zum Festball bei der St. Hubertus-Bruderschaft Linnich kostete zu dieser Zeit 5 Silbergroschen.

Zeitungsgegner

Kritik an den Blättern mit Neuigkeiten wurde bereits im 15. Jahrhundert geübt. So bezeichneten Zeitungsgegner das Lesen der Neuigkeiten und Ereignisse als „eine gefährliche Sucht“. Es sei ein „Missbrauch von Nachrichten“ und wurde als „eitles, unnötiges, und daher arbeitsstörendes, mit unersättlicher Begierde getriebenes Zeitungslesen” geschimpft. Auch die Kirche gehörte wohl zu den Gegnern. Sie entschied, wie aufgrund der nicht vorhandenen Anzeigen anzunehmen ist, dass etwa Bekanntmachungen zu Sterbefällen oder Hochzeiten, nichts in dieser Form der Verbreitung von Neuigkeiten zu suchen haben. Wer diese Neuigkeiten erfahren wollte, musste das zuständige Gotteshaus aufsuchen.

Organ der Impfgegner

„Was mich gepackt hat, waren die Ausgaben des ,Impfgegners‘, eine Fachzeitung gegen Impfung und Impfzwang“, muss der Autor zugeben. Diese Fachzeitung wurde im Jahr 1883, zum Organ der Impfgegner Deutschlands und übrigen Deutsch sprechenden Nationen.

Dr. Karl Kochs Bücher über die Stadtgeschichte und die der Zeitung sind bislang nur im Linnicher Schreibwarenhandel Kaufmann, im Rathaus sowie bei der Buchhandlung Fischer in Jülich zu erwerben. „Die Geschichte ist noch nicht zu Ende“, sagt Koch. Wer Informationen oder gar alte Zeitungen aus Linnich und der Umgebung hat, soll sich an Dr. Karl Koch wenden: Telefon 02462/8332, wenn er nicht gerade am Frühstückstisch sitzt und Zeitung liest....

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