Weniger Soldaten, weniger Verwaltung

Von: Nicola Gottfroh
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40 Prozent der Stellen des Jü
40 Prozent der Stellen des Jülicher Kreiswehrersatzamtes sind schon gestrichen. Werden es noch mehr? Oder wird das Amt gar ganz geschlossen? Foto: Nicola Gottfroh

Jülich. Die Wehrpflicht gehört der Vergangenheit an. Aber werden mit der Abschaffung der Wehrpflicht auch die Kreiswehrersatzämter überflüssig?

„Jede Vorhersage wäre reine Spekulation”, sagt Benjamin Schultz, Leiter des Kreiswehrersatzamtes in Jülich. Sichtbare Veränderungen im Amt gibt es aber schon jetzt: Nachdem der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg die Wehrpflicht ausgesetzt hat, sind rund 40 Prozent der Stellen im Jülicher Kreiswehrersatzamt bereits „sozialverträglich abgebaut” worden, sagt Schultz. Von den ehemals 48 Beschäftigten sind nur noch 30 übrig geblieben. Die ehemaligen Jülicher Mitarbeiter sind nun in anderen Bundeswehrdienststellen beschäftigt oder im Ruhestand.

Mit diesem Schicksal steht das Jülicher Kreiswehrersatzamt nicht alleine da. 3800 Angestellte und Beamte sind in Deutschlands Kreiswehrersatzämtern beschäftigt. Und sicherlich werden nicht alle 52 Ämter erhalten bleiben können. Die Mitarbeiter in den Ämtern stehen nach der Guttenbergschen Reform vor einer ungewissen Zukunft. Wolfram Kamm, Vorsitzender des Verbandes der Beamten der Bundeswehr, rechnet mit zahlreichen Versetzungen von zivilen Beamten in der Bundeswehr. An betriebsbedingte Kündigungen glaubt er aber nicht, vielmehr sollen die Betroffenen, wie auch ein Großteil der Mitarbeiter in Jülich, in anderen Behörden unterkommen.

Trotzdem hält sich Kamm mit Kritik an der Umstrukturierung der Kreiswehrersatzämter nicht zurück: „Hier wurde eine Grundentscheidung getroffen, ohne dass man ansatzweise ein Konzept hatte, wie eine Nachfolgeorganisation aussehen soll”, schimpft er. Auch Ingrid Herden, Leiterin des Kölner Kreiswehrersatzamtes, sagt: „Wir haben deutlich weniger Arbeit, keine Frage.” Dabei stehe Köln mit einem großen Zuständigkeitsgebiet noch gut da.

Benjamin Schultz zeigt sich aber optimistisch: „Natürlich gibt es Unsicherheiten bei den Mitarbeitern, wie es nun wohl weitergeht. Doch große Angst herrscht nicht. Die Personalmaßnahmen sind alle sozialverträglich. Niemand verliert seinen Job” oder werde gegen seinen Willen weit weggeschickt, sagt er. Als Gesamtarbeitgeber aller Ämter und Bundeswehrdienstleistungszentren sorge die Bundeswehr dafür, dass die Mitarbeiter der Kreiswehrersatzämter an anderer Stelle Arbeit finden. Und im Bundeswehrdienstleistungszentrum in Aachen sei stets Bedarf an Arbeitskraft, glaubt Schultz.

Dass in Jülich - bis zu einer immerhin ja möglichen Auflösung des Amtes - noch mehr Stellen gestrichen werden und noch mehr Mitarbeiter in anderen Dienststelle abgestellt werden, glaubt Schultz ohnehin nicht. „Die Mitarbeiter, die jetzt noch hier sind, brauchen wir unbedingt, und Arbeit haben sie in jedem Fall genug”, sagt Schultz. Immerhin müssen auch die Reservisten aus den Landkreisen Düren, Heinsberg und der Städteregion Aachen betreut und Freiwillige rekrutiert werden. „Die Aufgabenbereiche haben sich mit der Reform einfach ein wenig verschoben”, sagt Schultz.

Doch was macht ein Musterungsarzt, wenn niemand mehr zum Untersuchen da ist? Diese Frage kann Barbara Königsfeld nicht beantworten. Denn auch die Jülicher Musterungsärztin hat noch immer alle Hände voll zu tun. Auch wenn seit Jahresbeginn kein Wehrpflichtiger mehr seine Tauglichkeit prüfen lassen muss. „Wir mustern jetzt Freiwillige. Das ist nun unsere wichtigste Aufgabe”, sagt Königsfeld. Vor der Reform haben drei Ärzte täglich durchschnittlich 40 junge Männer auf ihre Tauglichkeit hin untersucht. Jetzt untersucht Königsfeld alleine, die ehemaligen Kollegen arbeiten jetzt als Truppenärzte. Und Königsfeld untersucht nur noch Freiwillige, die mal in größerer, mal in kleinerer Zahl im Amt auflaufen. Hinzu kommt die Aktenarbeit, Routineuntersuchungen, Sehtests. „Zum Däumchendrehen haben wir hier ganz bestimmt keine Zeit”, sagt sie.

Und auch die übrigen Mitarbeiter sind ausgelastet. „Wir müssen jetzt einfach umdenken”, sagt Schultz. „Früher waren die Männer verpflichtet, zu uns zu kommen, jetzt müssen wir die junge Männer und Frauen werben. So wie jeder andere Arbeitgeber auch.” In den vergangenen Monaten haben die Mitarbeiter einen Fragebogen entworfen und diesen an 2000 potenzielle Freiwillige verschickt. „Die Fragebogenaktion war erfolgreich. Wir konnten zum 1. März schon 36 Männer zum Freiwilligendienst einberufen”, sagt Schultz.

Er und seine Mitarbeiter tun alles, damit sie auch weiterhin gebraucht werden. Und als Resonanz auf eine zweite Fragebogenaktion werde das Musterungsaufkommen dann in den nächsten Wochen wohl wieder deutlich ansteigen. Dann kommen nicht nur Männer zur Musterung, sondern auch Frauen. Die können sich nämlich ab dem 1. Juni freiwillig einberufen lassen.
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