Turbulentes Spektakel zwischen Lesung und Performance

Von: ptj
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Jülich. Als „Küken zu den renommierten Damen gekommen“, führt Kunsthistorikerin und Journalistin Dorothée Schenk jetzt die Kleinen Hände. Nach fünf Jahren Vorsitz kandidierte Rose-Marie Kommnick nicht mehr – aus familiären Gründen. „Danke allen Mitgli

Jülich. Wer ihn vorher nicht kannte, erlebte die ungewöhnlichste Lesung seines Lebens. Der Wahl-Dürener Osiris Pausch, der in Bremen, Düren und Nairobi aufwuchs, stellte in der KuBa-Kneipe Jülich seine Kleinstadt-Musikbiografie „Als die blaue Nirvana kam“ vor.

Sein unterhaltsames Bühnenprogramm im Zeichen des Freaks begann der Sohn eines kamerunischen Sozialwissenschaftlers und einer deutschen promovierten Studienrätin erstaunlicherweise mit der Lektüre „Wir beginnen das Wunschkonzert für die Wehrmacht“. Das hatte er von seinem Großvater mütterlicherseits bekommen, einem nationalsozialistischen Propagandafotografen.

Osiris, dunkelhäutiger „Gentle Punker“ mit Dreadsträhnen in der Stirn, redet schnell, seine Stimme ähnelt auffallend der von Udo Lindenberg. Er trinkt Kaffee, ist aufgedreht, immer wieder unterbricht er durch sein ansteckend wirkendes Gelächter. „In den frühen 1980ern Kind zu sein war, als wäre man in einen Bonbonladen voller Popmusik eingesperrt gewesen. Von allen Seiten regnete es bunte, grelle, kitschige und verstörende, einfach nur genial wirkende Süßigkeiten. Und dann war da Nena!“

Mit dem Verliebtsein eines Siebenjährigen beginnt sein Buch. Der junge Pausch übt sich als Poet von Friedensreimen, bringt sich das Gitarren-, Bass- und Schlagzeugspielen bei und komponiert seit seinem 14. Lebensjahr eigene Songs. Osiris, von seiner Mutter „Osi“ genannt, imitiert Karl Dall, greift zu seiner Gitarre, um seiner Musikerbiografie Leben einzuhauchen und fällt plötzlich wie tot vom Stuhl. Nein, er braucht keinen Leichenbestatter, der in Gestalt seines besten Freundes Dierck Nickel wirklich zu den Gästen zählt.

Der simulierte Zusammenbruch ist ein spontaner Einfall in seiner knapp vierstündigen Show, einer reizvollen Mischung aus amüsanter Lesung, astreiner Comedy, authentischen Musikeinlagen vom Pop über Rock-gegen-Rechts bis zum Grunge und häufigen Zigarettenpausen – natürlich draußen – mit netten Gesprächen. Erwähnenswert ist dabei, dass der Eintritt in Anlehnung an die Zeiten „damals“ nur einen „schnorrerfreundlichen“ Euro gekostet hat, denn: „Wir machen das hier doch nur zum Spaß“. Schuld an Osiris Musikerkarriere, in der er erlebt hat, wie es sich anfühlte, „als die blaue Nirvana kam“ – und „damit das Ja zum Neinsagen“ –, war jedenfalls Nenas Freund und Schlagzeuger Rolf Brendel.

Seit vielen Jahren trinkt Pausch weder Alkohol noch konsumiert er andere Drogen. Und zwar, seit er als 19-Jähriger mit dem Befund einer massiven „drogeninduzierten Mischpsychose aus dem schizoaffektiven Formenkreis“ auf die Station einer Nervenklinik am Stadtrand eingeliefert wurde, auf der er zuvor gearbeitet hatte – außerhalb des „Schweinesystems der Angepassten“. Über das dramatische Ende seines Buches tröstet die Tatsache hinweg, dass Osiris heute als vielfältiger Künstler wieder weit nach oben gerutscht ist – ohne Drogen.

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