Triebwagenführer Jakob Wallraff: „Wir haben echt Glück gehabt”

Von: Saskia Zimmer
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Hier verhindert keine Schranke die Weiterfahrt: Lokführer Jakob Wallraff am Bahnübergang in Broich, an dem es beinahe zu einem tragischen Unglück gekommen wäre. Foto: Zimmer

Jülich. Eine Mülltonne markiert den Punkt der Wendung. Es ist eine dieser dunkelblauen, für Papier und Pappe, rund 50 Meter vom Bahnübergang entfernt. Links von ihr lässt das Grün der Büsche, von einem braunen Zaun begrenzt, das Ende eines Gartens vermuten. Rechts der Tonne liegen Bahnschienen, Meter um Meter das grelle Sonnenlicht reflektierend.

Jakob Wallraff steht an diesem Bahnübergang in Jülich-Broich, lehnt sich ans Andreaskreuz. Sein Blick folgt den Schienen in Richtung Linnich, bis diese in ein paar hundert Meter Entfernung durch eine Kurve aus dem Blickfeld des Triebfahrzeugführers verschwinden.

Genau diese Kurve nahm Wallraff am Montagmorgen. Kurz darauf rettete sein geistesgegenwärtiges Handeln einem Autofahrer vermutlich das Leben.

Wallraff fuhr seine „Heimatstrecke”, wie er sie nennt: Von Linnich nach Düren, manchmal auch bis Heimbach. Es muss ziemlich genau 9.44 gewesen sein, als der 44-Jährige mit „seiner” Bahn die Kurve passierte. Die Geschwindigkeitsanzeige pendelte zwischen 40 und 50 km/h, 80 hätte Wallraff fahren dürfen. Aber aufgrund der kurz hinter dem Bahnübergang liegende Haltestelle reduzierte der erfahrene Lokführer schon einmal das Tempo.

Fast 16 Jahre Erfahrung

Nach fast 16 Jahren Dienst bei der Dürener Kreisbahn, jetzt Rurtalbahn, kennt Wallraff seine Strecke sehr gut, wenn auch nicht im Schlaf. Denn: „Wachsamkeit ist das oberste Prinzip beim Bahnfahren, auch nach vielen Jahren darf sich keine Routine einschleichen”, sagt Wallraff.

So wisse er um jede Gefahrenstelle auf der Strecke und die beiden Bahnübergänge in Broich gehören dazu. Keine Schranken, allein Ampeln und ein mittellautes, gleichmäßiges Hupen warnen hier vor dem herannahenden Zug. Wallraf wirft einen Blick auf seine Uhr und sagt: „In einigen Minuten müsste die Ampel umspringen, gleich fährt der Zug in Linnich los.”

Dass er diese Warnsignale - nach eigenen Angaben - nicht wahrnahm, wurde einem 78-jährige Autofahrer am Montagmorgen fast zum Verhängnis. Wallraff stockte beinah das Blut in den Adern, als er den Pkw langsam auf den Bahnübergang rollen sah. In Bruchteilen von Sekunden riss er den Bremshebel durch alle Abstufungen hinweg zu sich, aktivierte so die für Schnellbremsungen notwendige Magnetbremse.

Zusätzlich drückte er den Knopf für das Notpfeifen, immer und immer wieder. Am liebsten hätte er dem Autofahrer entgegen gerufen, ja gebrüllt: „Gib Gas - dann schaffst du es noch!” Gas gab dieser nur gemächlich, aber er schaffte es trotzdem. Vielmehr schaffte Wallraff es. In der Mitte des Bahnübergangs kam der Zug quietschend zum Stehen. Waggon und Pkw trennte in diesem Moment wohl kein Meter.

Wenn der Lokführer Wallraf jetzt an den Schienen in Broich steht, an diese brenzlige Situation zurückdenkt, dann atmet er tief durch und sagt: „Der Opi und ich, wir haben echt Glück gehabt. Nur eine Sekunde später, nur wenige Meter weiter - ich hätte ihn bestimmt erwischt, und er würde jetzt nicht mehr leben.” Und dass jeder Lokführer vor solch einer Situation enorme Angst hat, gibt Wallraff offen zu. Er konnte bislang glücklicherweise immer rechtzeitig bremsen.

Nachdem Wallraff nach dem Bremsmanöver realisierte, dass er genau im letzten Moment den Zug zum Stehen gebracht hatte, sprang er auf, verließ seine Kabine, um sich um seine Fahrgäste zu kümmern. Ein Mann musste aufgrund seiner Verletzungen von einem Krankenwagen abgeholt werden. „Das ist natürlich nicht optimal, aber ein Verletzter ist mir tausendmal lieber als ein Toter”, sagt er.

Warum schließlich der Autofahrer die Warnsignale nicht wahrgenommen hat, wagt Wallraff nur zu vermuten. Gerade springt die Ampel am Bahnübergang Broich an, erst auf Gelb, dann auf Rot und schließlich ertönt das warnende Hupen. „Der Zug aus Linnich”, erklärt der Lokführer, entfernt sich einige Schritte vom Andreaskreuz und zeigt auf die Ampel: „Je nach Blickwinkel und Sonneneinstrahlung ist das Rot nur schwer zu erkennen.”

Die Bahn fährt vorbei, Wallraff folgt mit seinem Blick noch einmal den Schienen. An der blauen Tonne bleibt er hängen. Das ist der Punkt, an dem er den Pkw auf die Schienen rollen sah, in 50 Meter Entfernung. Die blaue Tonne - sie markiert den Punkt, an dem sich entschied, dass es statt eines Toten nur einen Verletzten gab.
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