Jülicher Land - Tagebau Inden: Zeitzeugen erinnern sich an Umsiedlung

Tagebau Inden: Zeitzeugen erinnern sich an Umsiedlung

Von: Adi Zantis
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Für den Dürwißer Landwirt J
Für den Dürwißer Landwirt Josef Schmitz eine kostbare Erinnerung an seine ehemalige Heimat: die Glocke der ehemaligen Obermerzer Valentin-Kapelle. Foto: Zantis

Jülicher Land. Wie war das damals vor 50 Jahren, als im Süd-West-Zipfel des Jülicher Landes an den Abbaukanten des Braunkohletagebaues für die Bewohner der Ortschaften Obermerz, Langweiler, Laurenzberg und Lürken der Verlust ihrer Heimat immer näher rückte?

„Umsiedlung” hieß das für die betroffenen Dörfer schicksalhafte Phänomen, mit dem zahlreiche Menschen aus der heimischen Umgebung herausgerissen wurden. Eingebettet in die Idylle des Merzbachtales hatten sich die Ortschaften über Jahrhunderte hinweg zu einem Verbund im grünen Gefilde der Landschaft entwickelt.

An diese Zeit der „Dorfidylle” erinnert sich das heute in Linnich beheimatete Lehrerehepaar Alfred und Else Breuer (von 1961 bis 1966 Schulleiter und Grundschullehrerin an der Volksschule Langweiler) noch, als wäre es gestern gewesen: „Man spürte förmlich die Anspannung unter den Dorfbewohnern, und man hatte das Gefühl, dass die Menschen in irgendeiner Form etwas halten wollten, um es nicht zu verlieren.” Trotzdem, so Alfred Breuer, „gab es kein Wehklagen, denn die Dorfgemeinschaft blieb intakt, und das Zusammengehörigkeitsgefühl verfestigte sich.”

„Für uns”, so ergänzte Ehefrau Else, „waren die Jahre an der Langweiler Schule trotz allem eine glückliche Zeit mit unvergessenen Erlebnissen!” Dazu gehörten auch viele Ereignisse im schulischen Bereich und sportliche Erfolge in regionalen Wettkämpfen. Das alles aber, so das Ehepaar, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es mit der Schule bald ein Ende haben würde.

„Langweilers Tod beginnt in der Schule”, so titelte damals die Heimatzeitung. Das alles geschah ausgerechnet zeitgleich mit dem 100-jährigen Bestehen der Volksschule Langweiler im Jahre 1966. Alfred Breuer hat das wohl letzte Großereignis in einer interessanten Denkschrift dokumentiert.

„Aus dem leeren Schulgebäude sind wir als Letzte ausgezogen und wurden vom letzten Langweiler Bürgermeister Jakob Breuer verabschiedet”, blicken die Eheleute zurück. „In der Erinnerung sind wir immer mit Langweiler verbunden. Dazu gehörten die Dorffeste und Veranstaltungen in der Gemeindehalle. Bis heute halten wir in vielen Begegnungen und Klassentreffen immer noch Kontakt zueinander.”

Für den letzten Laurenzberger Bürgermeister Heinz Esser ist der Rückblick auf die Zeit der Umsiedlung noch immer mit „unvergesslichen Fragen” von damals verbunden: „Es war sehr, sehr hart, was da alles auf uns einstürmte!” Maßgebend und für viele eine zentrale Entscheidung war zunächst die Frage: „Wohin sollen wir umsiedeln?” Heinz Esser versuchte im Kontakt mit dem Langweiler Bürgermeister Jakob Breuer eventuell eine gemeinsame Ansiedlung in Richtung Aldenhoven zu finden. Letztlich scheiterten aber alle Versuche an einer „zunehmenden Zersplitterung”. Langweiler orientierte sich nach Kinzweiler, und Laurenzberg mit Lürken siedelte in Dürwiß an.

Trotzdem freute sich der 82-jährige Heinz Esser heute noch über „eine Nachbarschaftshilfe, die sich gerade in den schwierigen Zeiten der Entscheidungen bewährt hat”. Die „gegenseitige Unterstützung” war nach Meinung des rüstigen Seniors „auch in der Verbindung durch die Vereine im Heimatort gewachsen”: Theaterverein, der legendäre Fußballclub SC Bewegung Laurenzberg, die St.-Laurentius-Schützenbruderschaft oder die kirchlichen Gemeinschaften. „So konnten wir die große Abschieds- und Lebenskatastrophe mit den unseligen Enteignungsverfahren überstehen”, argumentiert der „lebenslange” Fußballanhänger Esser. Lobend erwähnte er auch den Einsatz von Pfarrer Josef Heyers, der sich in der schweren Zeit „als eifriger Kämpfer” für die Rechte der Dorfbewohner engagiert hatte.

In dieser Zeit der großen „Umsiedlungsaktion” stand auch der Obermerzer Landwirt Josef Schmitz mit seinem Betrieb (wie auch viele seiner bäuerlichen Kollegen) angesichts der großen Ereignisse vor einer schwierigen Entscheidung: Hier die Familie mit Ehefrau Elisabeth, den vier Söhnen und dem betagten Vater und dagegen die Situation einer ungewissen Zukunft.

„Für mich”, so erinnert sich Josef Schmitz, „gab es nur die Frage: Beruflich weitermachen oder nicht?” Nach dem Entschluss für einen Neuanfang ergab sich dann die nächste Frage: „Wohin?”. Rückblickend stellt er fest: „Es gab aber keine Alternative, wir mussten umsiedeln!” Und bei der Auswahl waren auch der Zustand der Gebäude und die Beschaffenheit der Ackerböden von entscheidender Bedeutung.

Heute weiß der ehemalige Obermerzer Bauer, dass sein Entschluss zu einer Betriebsneugründung auf einem rekultivierten Gelände in Dürwiß richtig war. „Ich musste abwägen und wollte mit unserem Betrieb weitläufiger und größer werden.”

Die Heimatverbundenheit besonders von Ehefrau Elisabeth war wiederum gefestigt worden. Gleichzeitig kann mit dem Sohn Rudolf die landwirtschaftliche Familientradition in der Nachfolgegeneration weiterhin Bestand haben. „Die Anfangsjahre”, so erinnert sich Landwirt Josef Schmitz, „waren nicht leicht!” „Die Umgebung war anders, die neuen Ackerflächen, dann der zweigleisige Betrieb mit Viehwirtschaft und Ackerbau, alles das stellte in den ersten Jahren große Ansprüche an unsere Familie.”

Josef Schmitz bewahrt aus seinem ehemaligen Heimatdorf Obermerz ein geradezu einmaliges Andenken auf: Aus den Trümmern der kriegszerstörten Valentins-Kapelle in Obermerz hatte er die beschädigte Glocke geborgen. Offiziell wurde ihm später das kostbare Relikt von der Kirchengemeinde Laurenzberg durch Pfarrer Heyers übereignet. Es hat im „Obermerzer Hof” der Dürwißer Landwirtschafts-Familie einen Ehrenplatz erhalten.
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