Jülich - Störfallbericht: Krebsgefahr durch AVR „wenig wahrscheinlich“

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Störfallbericht: Krebsgefahr durch AVR „wenig wahrscheinlich“

Von: Volker Uerlings
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Die Betonkammern unter dem AVR-Reaktorgebäude sind stark kontaminiert, die radioaktiven Stoffe gelangten ins Grundwasser. Foto: Uerlings

Jülich. Die Vertuschungen, Tricksereien und Manipulationen beim Betrieb des AVR-Versuchsreaktors in Jülich haben eine Diskussion aufflammen lassen, die es überall gibt, wo Strahlung ist oder sein könnte.

Der Bericht der Störfall-Expertengruppe, den unsere Zeitung am Samstag öffentlich gemacht hat, wird vielfach diskutiert und auch in Zusammenhang mit Krebserkrankungen gebracht. Etliche Kommentare in den sozialen Netzwerken nehmen darauf Bezug, zudem Leserbriefe, und auch die Expertengruppe hat sich mit diesem Thema auseinandergesetzt. Es sei von „keiner gesundheitlichen Gefährdung der Bevölkerung durch die Kontamination von Boden und Grundwasser auszugehen“, urteilt das fachkundige Quartett. Eine Abschätzung führe zu dem Schluss, dass ein „Zusammenhang mit in der Umgebung zwischen 1990 und 1992 aufgetretenen Leukämiefällen nicht bestehen kann“.

Diese Aussage überzeugt wohl nicht jeden. Schon 2010 war ein Bericht des Kreisgesundheitsamtes Düren über die „potentiellen Gesundheitsrisiken in der Stadt und dem Altkreis Jülich“ auch mit Blick auf den AVR ergebnislos geblieben.

„Mir fehlt der Glaube“

Ratsmitglied Harald Bleser kommentierte das seinerzeit mit Worten, die heute noch Gültigkeit zu haben scheinen: „Wir haben das jetzt zur Kenntnis genommen. Ehrlich gesagt: Mir fehlt ein wenig der Glaube.“ Betrachtet worden waren die Krebstodesfälle und Krebskrankenhausfälle von 1994 bis 2007. Die Autorin (Dr. Marianne Hoff-Gehlen) schränkte selbst ein, dass es einen „Mangel an Informationen aus den 70er und 80er Jahren“ gegeben habe und „nicht zwangsläufig ein Beweis für die gesundheitliche Neutralität“ des Jülicher Kugelhaufenreaktors erbracht worden sei.

Die Expertengruppe hat nun aktuell eine „extrem konservative Abschätzung“ vorgenommen – frei übersetzt: Sie hat das Schlimmste angenommen und die maximal gemessene Radioaktivität zum Maßstab gemacht.

Dabei wurde laut Bericht unterstellt, dass das kontaminierte Oberflächen-, Grund- und Trinkwasser ganzjährig als Trinkwasser konsumiert worden wäre: mit Mengen von 700 Litern bei Erwachsenen und 430 Litern bei Kleinkindern. „Die tatsächlich im konsumierten Trinkwasser im Jahresmittel mögliche Kontamination wird mit diesem Vorgehen deutlich überschätzt“, heißt es weiter, denn es aus einem Entwässerungskanal oder der Rur selbst hat wohl kaum jemand getrunken.

Bei dieser Simulation hat die Gruppe also theoretische Strahlenbelastungen für ein Jahr ermittelt, die bei Kleinkindern zwischen 0,1 und 0,5 Millisievert liegen. Bei Erwachsenen reichen diese Werte von 0,016 bis 0,08 Millisievert. Daraus leiten sich laut Bericht „geringe Wahrscheinlichkeiten“ ab, an Krebs zu erkranken. Die Expertengruppe schlussfolgert: Die geringen Wahrscheinlichkeiten für eine Krebs- oder Leukämieerkrankung zeigen, dass ein Zusammenhang mit beobachteten Häufungen von Erkrankungen in der Bevölkerung ausscheidet, selbst wenn über einige Jahre Wasser mit den sehr hoch angesetzten Kontaminationen durch einige Tausend Personen konsumiert worden wäre.“

„Nicht nachzuvollziehen“

Unerklärlich ist, dass diese hohe Kontamination in unmittelbarer Umgebung des Reaktors erst nach 20 Jahren entdeckt wurde. Der Meiler stand auf Betonkammern, die mit Wasser gefüllt waren, um ein Heben des Gebäudes bei steigendem Grundwasser zu vermeiden. Im Bericht heißt es: „Es gab – was aus heutiger Sicht nicht nachzuvollziehen ist – weder Kontrollen des Aktivitätsgehalts im Betonkammerwasser noch eine routinemäßige Überwachung der Aktivität im angrenzenden Boden und Grundwasser, obwohl das Wasser der Betonkammern mit dem Grundwasser in Verbindung stand.“

Beim großen Störfall 1978 mit dem Eintritt von 27.000 Litern Wasser ins Reaktorinnere hat es beim Abpumpen ein Leck gegeben, aus dem kontaminiertes Wasser in die Betonkammern und von dort ins Grundwasser gelangen konnte. 1999 wurde schließlich eine hohe Belastung der Betonkammern und des Untergrundes mit Strontium-90 gemessen.

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