Jülich - Schleichendes Vergessen löscht das Ich aus

Schleichendes Vergessen löscht das Ich aus

Von: spl
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Hochkarätig besetzt war die G
Hochkarätig besetzt war die Gesprächsrunde im KuBa: Dr. Klaus Perrar, Vorsitzender der Alzheimer Gesellschaft Kreis Düren, Prof. Gereon Fink, Moderatorin Helga Hermanns, Prof. Dieter Sturma und Prof. Sebastian Schmidt (v. l.) diskutieren über die Bedeutung der Forschung und den Umgang mit Betroffenen einer Demenz. Foto: Plahm

Jülich. „Ich suche wahrscheinlich den gestrigen Tag”, sagt Eva Mauerhoff. Wo sie ihn sucht? In ihrer Handtasche. Doch sie sucht nicht nur den gestrigen Tag. Sie sucht ihre Sachen, ihr Zuhause, jemanden, der sie kennt, und vor allem - sich selbst.

„Ich bin vollkommen verloren”, erzählt sie Marion Kainz. Eva Mauerhoff ist ständig und beharrlich auf der Suche, sie sucht die „dunkle Wand” vor ihr zu durchbrechen oder, wie sie sagt, nach „Anhaltspunkten”, nach etwas „Durchschlagendem”. Sie wird es nicht finden, denn Eva Mauerhoff ist Alzheimer-Patientin, und Marion Kainz begleitet sie mit der Kamera bei ihrem Leben im Heim.

Der Regisseurin ist ein eindrucksvoller Dokumentarfilm gelungen, der dem Zuschauer Einblicke in eine Welt gewährt, die den meisten Menschen sonst unbekannt bleibt. Der 2002 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Streifen trägt den Titel „Der Tag, der in der Handtasche verschwand” und fesselte am Freitagabend, die Besucher der dritten „Kleinen Nacht der Wissenschaft”, zu der das Forschungszentrum Jülich und unsere Zeitung eingeladen hatten. Das Thema: Demenz und Demenzforschung.

Die zahlreich erschienenen Interessierten lauschten gebannt den Schilderungen Eva Mauerhoffs und konnten so nicht nur teilhaben am Leben einer an Alzheimer erkrankten Person, sondern auch an einem Leben im Heim, das für die schwerkranke Frau ein Leben in der Fremde bleiben sollte. Jeden Tag aufs Neue irrt sie durch die Flure und möchte nur eines: nach Hause. Dass sie längst im Heim zu Hause ist, versteht sie nicht, und so wird die unheilbar kranke Frau besonders von einem Gefühl beherrscht - Angst. Eine Angst, ausgelöst durch das Vergessen. Nur begleitet von gelegentlichen Seufzern der Zuschauer, erzählt die Frau mit beeindruckend treffenden Worten, wie sie sich fühlt, was sie erlebt.

Und nicht zuletzt ging es in der anschließenden Podiumsdiskussion, an der vier Experten teilnahmen, auch darum. So wird im Film ganz deutlich, dass Eva Mauerhoff einer intensiven Fürsorge bedarf. Dr. Klaus Perrar, Vorsitzender der Alzheimer Gesellschaft Kreis Düren, wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass es im Heim von Frau Mauerhoff offensichtlich zu wenig Pflegepersonal gegeben habe. Er sieht einen verbesserten Umgang mit Demenz-Patienten als „gesamtgesellschaftliche Herausforderung”, deren Ziel es sein muss, „die Menschen möglichst lang im gewohnten Umfeld zu lassen.”

Denn wie Prof. Gereon Fink, Direktor des Instituts für Neurowissenschaften und Medizin des Forschungszentrums Jülich, Bereich Kognitive Neurologie, erklärte, ist besonders das episodische beziehungsweise das autobiografische Gedächtnis von einer Alzheimer-Erkrankung betroffen. Die Patienten vergessen nicht nur kurz zurückliegende Episoden, sondern auch Ereignisse und Erlebnisse, die von großer Bedeutung für die eigene Identität sind. Fragen wie „Wo komme ich her?” und „Wer bin ich?” können irgendwann einfach nicht mehr beantwortet werden.

Aus diesem Grund sei es besonders wichtig, den Betroffenen Stabilität im Alltag bieten zu können, das Umfeld so zu gestalten, wie es die Biografie der Erkrankten nahelegt und sie so weit wie möglich in das gesellschaftliche Leben zu integrieren, so Perrar . „Zu Hause ist für die Patienten weniger ein bestimmter Ort als vielmehr ein Gefühl”, erklärte der Vorsitzende der Alzheimer Gesellschaft. Auf den Punkt bringt das auch Eva Mauerhoff, wenn sie auf die Frage, was ihr denn im Heim fehle, antwortet: „Alles”. Besonders wünschenswert wären demnach spezielle Wohngruppen, die Perrar zufolge aber derzeit noch sehr wenig verbreitet sind.

Daher bleibt vielen der geschätzt 4200 an Demenz leidenden Menschen im Kreis Düren früher oder später nur ein Leben im Altenheim, denn die Pflege der schwer Erkrankten ist für viele Angehörige oft nicht mehr zu bewältigen. Auf diesen Umstand wies auch Fink nachdrücklich hin. So sei nicht nur der Dialog mit den Betroffenen, sondern auch mit deren Angehörigen von großer Bedeutung, sei die Pflege schließlich nicht nur zeitintensiv, sondern stelle auch eine außerordentliche psychologische Belastung dar.

Um in Zukunft das späteste Stadium der Erkrankung, den Zustand des verlorenen Selbst, vielleicht gänzlich abwenden zu können, verfolgt die Demenz-Forschung vielfältige Ziele. Prof. Sebastian Schmidt, Mitglied des Vorstands des Forschungszentrums Jülich, sprach besonders drei Zielebenen an: die Grundlagenforschung, die klinische Forschung und die so wichtigen technischen Fortschritte, die die Forschung auf allen Ebenen unterstützen können. Laut Schmidt steht nicht nur der Erkenntnisgewinn, sondern auch die Heilung, die Ursachenaufklärung sowie eine Verhinderung des Ausbruchs der Erkrankung im Fokus des Forschungsinteresses.

Dass besonders die Ursachenforschung von immenser Bedeutung ist, machte Prof. Dieter Sturma, Direktor des Instituts für Neurowissenschaften und Medizin des Forschungszentrums Jülich, Bereich Ethik in den Neurowissenschaften, durch seinen Hinweis auf die Tücke der Krankheit deutlich. „Das Gehirn ist sehr lange in der Lage, Ausfälle zu kompensieren.” Die Ausfallerscheinungen würden erst auffallen, wenn die Zerstörung schon stark fortgeschritten sei.

Um eine frühe Diagnose, insbesondere der Alzheimer-Erkrankung, ermöglichen zu können, bedarf es einer differenzierten Forschung, die in den letzten Jahren zu immer genaueren Diagnosekriterien geführt hat. So ist das Kriterium Nummer eins eine voranschreitende, zunehmende Störung des episodischen Gedächtnisses. Aber auch bestimmte Biomarker, der Zuckerstoffwechsel oder computertomographische Aufnahmen der Schläfenlappen des Gehirns helfen laut Fink bei der Diagnose.

Nach den Erläuterungen der Experten stellten die Besucher der Veranstaltung zahlreiche Fragen, die sich besonders auf den Umgang mit den Betroffen sowie auf verschiedene Behandlungsmethoden bezogen. So stand zum Beispiel die Anwendung des Medikaments Aricept zur Diskussion. Der Wirkstoff Donepezil verhindert teilweise den durch die Krankheit verursachten Abbau des für die Übertragung von Nervensignalen so wichtigen Botenstoffs Acetylcholin.

Obwohl es sich nur um eine Behandlung der Symptome handelt, betont Fink, dass es eine zynische Haltung sei, zu sagen, der Effekt sei nur gering. Die Anwendung von Neuroleptika solle hingegen vermieden werden. Keine grundlose Einschätzung, denn Neuroleptika werden vor allem zur Behandlung von Psychosen angewendet und bringen eine sedierende, eine dämpfende Wirkung mit sich. Es handelt sich also um eine Art Beruhigungsmittel.

Von wachsender Bedeutung

Nach rund eineinhalb Stunden Diskussion mit anschließender Fragerunde, moderiert durch die freie Journalistin Helga Hermanns, war ohne Zweifel allen Gästen umso mehr deutlich, dass es sich bei der Demenzforschung um ein äußerst komplexes und bedeutungsvolles Gebiet handelt. Schließlich geht es um eine Krankheitsform, die die Gesellschaft auch aufgrund des demografischen Wandels hin zu einer immer älter werdenden Bevölkerung in Zukunft in besonderer Weise beschäftigen wird - denn das Risiko an einer Demenz zu erkranken, steigt mit dem Alter.
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