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Reihe „Lebensgeschichten“: Die Befreiung aus dem KZ

Von: ptj
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Besonders viele Menschen hatten sich in die ehemaligen Landsynagoge in Rödingen begeben, um der Lebensgeschichte von Ellen Eliel-Wallach (r.) zu lauschen, der Urenkelin des Synagogenstifters Isaak Ullmann. Foto: Jagodzinska

Rödingen. Mucksmäuschenstill war das überfüllte LVR-Kulturhaus Landsynagoge Rödingen beim Start der Reihe „Lebensgeschichten“. Niemand wäre geeigneter gewesen, die Reihe zu eröffnen, als Ellen Eliel-Wallach, Urenkelin des Synagogenstifters Isaak Ullmann.

„Ganz gerührt, dass ich die Synagoge noch mal sehen darf“, zeigte sich die heute 85-Jährige, die seit 1945 in Amsterdam wohnt. Teils ergriffen, insgesamt jedoch äußerst souverän, schilderte die alte Dame, wie sie als Kind „Tante Billchen“ in Rödingen besuchte und sich nach dem Aufwachen als erstes ein Glas Kakao wünschte.

Erst spät zur Flucht entschieden

Die Großtante war auch der Grund, warum ihr Vater, der Getreidehändler Richard Wallach, sich 1933 nicht sofort zur Emigration aus dem nationalsozialistischen Deutschland entschließen mochte. „Ein Fehler“! Erst Heiligabend 1939 verabschiedete sich die Familie von der Tante und flüchtete: Von Gronau aus, wo „Schmuggler“ mit Fahrrädern auf sie warteten, ging es weiter nach Enschede und von dort per Taxi nach Amsterdam, wo die Eltern sogleich vor der Fremdenpolizei untertauchen mussten.

1940 kam Ellen in Arnheim zum ersten Mal in eine niederländische Schule, bis auch dort jüdische Kinder – wie daheim – eine jüdische Schule besuchen mussten. 1941 wurden die Juden zum Tragen des Judensterns verpflichtet, aber Ellen war „eigentlich ganz stolz darauf“.

Die Deportationen begannen 1942: Ellen und ihre Mutter, später auch der Vater, kamen nach Westerburg, wo es jeden Dienstag Transporte von mindestens 1000 Leuten nach Polen gab. „Wir wussten nur: Wir sollten in Polen arbeiten. All die alten Leute und Babys, wie sollten die arbeiten?“, lautete die bange Frage. Der Hunger fing in Bergen-Belsen an, hier erwähnte die alte Dame auch die durch ihr Tagebuch bekannte Anne Frank mit ihrer Mutter Margot. Dann ging es weiter – ohne Wasser und ohne Tonne für die Notdurft – nach Theresienstadt, wo Sibilla Ullmann am 9. November 1942 verhungerte.

Am Rande berichtete Eliel-Wallach über Hitlers 1944 gedrehten Propagandafilm, der als Verschleierungstaktik die angeblich guten Lebensverhältnisse der Juden im Ghetto Theresienstadt dokumentieren sollte. In Wahrheit wurde Drehbuchautor Kurt Gerron mit den meisten Mitwirkenden und fast allen Kinder-Darstellern nach den Aufnahmen deportiert und ermordet.

Im tschechischen Sammellager war es Ellens Aufgabe, für die Babys zu sorgen, was sie „sehr gerne gemacht hat“. Auch die medizinische Versorgung dort „war ganz gut“. Aber: Jedesmal, wenn die Stadt voll war, gab es Transporte. Vater Richard kam nach Auschwitz, wo er später starb. Im Oktober 1944 war Ellen an der Reihe. Ihre Mutter wollte sie freiwillig begleiten, aber die damals 16-Jährige nahm allen Mut zusammen und befahl ihr: „Du bleibst hier“ und stieg alleine in den Zug nach Birkenau. Sie erzählte vom Abschneiden ihrer Haare und der „Entlausung“ unter der Dusche: „Bei uns kam Wasser raus.“

Für den kalten Winter viel zu spärlich in Lumpen gehüllt, mit etwas Kaffee und einem Stück Brot am Morgen und lediglich einer Kohlsuppe am Abend litten Ellen und ihre Freundin Hella furchtbaren Hunger. Später kam Ellen als eine von 500 Frauen in eine „halb zerschossene“ Papierfabrik bei Linz, wo sie bei der Arbeit schutzlos Schwefelsäure ausgesetzt war.

Die Tatsache, dass sie vor einem Kölner Meister ihr Kölsch zum Besten gab, rettete ihr das Leben: Sie durfte im Laboratorium spülen und putzen und dort „frei herumlaufen“. Aber „bald mussten wir am Lager graben“. Es war klar, dass sie ihr eigenes Grab schaufelten, aber völlig demoralisiert vor Hunger und Kraftlosigkeit wurde ihnen dieser Umstand immer gleichgültiger.

Als die Amerikaner immer näher kamen, flüchteten die Oberaufseher mit dem Fahrrad. Mit den Worten: „You are free“ wurden die völlig apathischen Zurückgebliebenen von den Amerikanern am 5. Mai 1945 befreit.

Die vielen Zuhörer in der Synagoge spendeten Applaus. Aus dem Gespräch mit Judaistin Monika Grübel erfuhr das Publikum, dass Mutter Mathilde und Ellens Brüder ebenfalls überlebten und sie selbst und ihre Freundinnen und Leidensgefährtinnen Hella und Judith jüdische Männer heirateten, die „alle im Lager waren“: „Sie haben das Gleiche miterlebt wie wir, und wir brauchten nur zwei Worte, um uns zu verstehen“, fasste Ellen Eliel-Wallach zusammen.

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