Linnich - Reibungslose Zusammenarbeit bei Bombenentschärfung

Reibungslose Zusammenarbeit bei Bombenentschärfung

Von: gep
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Feuerwerker Hellmut Bauer im Ewart: Er entschärfte die Fünf-Zentner-Bombe unter der Jan-von Werth-Straße. Foto: Horrig

Linnich. Die 120 Kilogramm Trinitrotoluol (TNT) - das entspricht etwa der Sprengwirkung einer Autobombe im Irak - hätten im Umkreis von 300 Metern in der Jan-von-Werth-Straße alles plattgemacht, sagt Hellmut Bauer (61) vom NRW-Kampfmittelbeseitigungsdienst nach seinem Einsatz in Linnich. Der Feuerwerker kommt gerade von einer Bombenentschärfung im Rhein bei Köln.

Darunter war, neben einer Zehn-Zentner-Bombe, auch eine Fünf-Zentner-Bombe wie die in Linnich. Sie hätte, wenn sie in Linnich hochgegangen wäre, einen Krater von zehn Metern Durchmesser und vier bis fünf Metern Tiefe gerissen, und aufgrund der 20 Millimeter dicken Stahlhülle hätte eine enorme Splitterwirkung entfaltet.

Die Entschärfung der Bombe war, so Bauer, „fast unproblematisch”. Weil die Bombe sehr tief in der Kanaltrasse lag, wäre er „fast verschüttet” worden, da das Erdreich nachgab.

Dass die Bombe so tief lag, kann er sich nur damit erklären, dass sie in einen vorhandenen Bombentrichter gefallen und dann zu flach aufgeschlagen ist, um zu explodieren.

Sie hatte am Kopf einen normalen direkt wirkenden Aufschlagzünder und am Heck einen Trägheitszünder, die sich, kurz mit der Zange angedreht, mit der Hand herausschrauben ließen. Somit war die Zündkette unterbrochen und die Explosionsgefahr gebannt. Die Zünder waren „nicht korrodiert, fast wie neu”.

Als ein Baggerführer bei Kanalarbeiten für das Neubaugebiet Ewart den Blindgänger entdeckt worden war, traten - nach der Alarmierung durch die Kreisleitstelle der Feuerwehr in Stockheim - nicht nur Hellmut Bauer und sein Kollege Holger Jakobi in Aktion, sondern auch Feuerwehr, Polizei, Deutsches Rotes Kreuz (DRK) und das städtische Ordnungsamt.

250 Personen evakuiert

Immerhin musste die städtische Feuerwehr, die mit 45 Wehrleuten anrückte, rund 250 Personen aus den umliegenden Wohngebäuden evakuieren, die erst gegen 19.30 Uhr zurückkehren konnten.

Das DRK war mit vier Behindertenspezialtransportern, drei Krankenwagen und Rettungswagen sowie einer Komponente des Betreuungsdienstes vor Ort.

Die rund 30 Rotkreuzler übernahmen den Sanitäts- und Betreuungsdienst für 62 Evakuierte, die in der Aula der Hauptschule untergebracht wurden. Sie erhielten Kaltgetränke und Kaffee.

Die Polizei sperrte mit einem Dutzend Beamten und sechs Funkstreifenwagen den Fundort ab, so dass Bauer in die Grube steigen konnte.

„In der Woche mindestens eine Bombe” - das ist Alltag für Bauer, der sich nach rund 37 Jahren Berufserfahrung als „alten Sack” bezeichnet und auch immer wieder auf Tagebau-Baggern in 80 Meter Höhe Bomben entschärfen muss.

Täglich tourt die Truppe, die insgesamt zwölf Mann, darunter sechs Feuerwerker, zählt, durch den Regierungsbezirk Köln. Sie untersteht organisatorisch der Bezirksregierung Düsseldorf.

„Die schlimmsten Einsätze” sind, so erzählt Bauer, die, bei denen die Blindgänger Säurezünder haben. Das sind chemisch-mechanische Langzeitzünder, die nicht sofort nach dem Aufprall auf den Zündbolzen durchschlagen, sondern erst Stunden später zünden.

Diese Zünder erhalten das Lösungsmittel Aceton, das die Zündung auslösen soll und mit der Zeit immer unberechenbarer wird. Zudem sind sie mit einer „Ausbausperre” ausgestattet.

Darum werden bei diesen Blindgängern mit einem Wasser-Granulat-Schneidegerät die Hülle zwischen Schlagbolzen und Sprengstoff getrennt. Der Wasserstrahl drückt dabei den herausgelösten Zünder etwas hervor und und kann dann herausgezogen werden.

Nach all den Jahrzehnten können aber schon kleine Erschütterungen bei der Freilegung ausreichen, um die Bombe zur Detonation zu bringen. So kamen Anfang Juni in Göttingen drei Experten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes des Landes Niedersachsen mit mehr als 600 Einsätzen ums Leben, als eine Zehn-Zentner-Fliegerbombe mit Säurezünder hochging.

Auch in Linnich „hätte was passieren können”, sagt Dierk Schumacher, Leiter des Ordnungsamtes Linnich. So sei der Einsatz „für alle Beteiligten eine wichtige Erfahrung gewesenen - für den nächsten Ernstfall, denn das Jülicher Land sei „Kampfgebiet” gewesen, in dem noch nicht alle Blindgänger entschärft worden sind.

Kampfmittel geräumt

Die Linnicher Bombe wird zunächst in der Wahner Heide zwischengelagert, bis sie mit Sammeltransport zum Munitionszerlegebetrieb (MZB) in Büren-Ringelstein bei Paderborn gebracht wird, einem von zwei MZB, die das Land NRW unterhält. Im MZB Hünxe bei Wesel werden kleinere Blindgänger wie Karabinermunition und Handgranaten entsorgt.

2008 wurden in NRW mehr als 26500 Kampfmittel geräumt, die gut 200 Tonnen auf die Waage brachten, davon waren 32 Tonnen Explosivstoff. Geräumt wurden 1143 Bomben, 16321 Granaten, 341 Minen, 3276 Handgranaten, 3,4 Tonnen Infanteriemunition und 27 Tonnen Munitionsteile.

Der Sprengstoff wird verbrannt, der Stahlschott geht in die Wiederverwertung.
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