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„Ökopunkte für die Tagebau-Kommunen”

Von: gep
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Fruchtbarer Boden: Erich Gusse
Fruchtbarer Boden: Erich Gussen, Kreisbauernvorsitzender, auf einem Acker vor der Sophienhöhe. Foto: gep

Güsten. Die Bauern im Jülicher Land machen Front gegen den „Landfraß” durch Straßen- und Wohungsbau sowie Bergbau und Energieerzeugung. Es musss endlich etwas gegen den Flächenverbrauch getan werden, fordert der Kreisbauernvorsitzende und Güstener Landwirt Erich Gussen.

Angesichts des global zunehmenden Nahrungsmittelbedarfs sei es unvermeidlich, dass „die produktivsten Flächen”, wie sie etwa in der Jülicher Börde zu finden seien, dem Ackerbau vorbehalten sein müssten.

Das müsse ein „Flächenschutzprogramm” sicherstellen. Gerade die Einbußen auf leichteren Böden bei der laufenden Ernte lehrten: „„Gute Böden, gute Erträge auch in extremen Jahren.” Was aber geschehe stattdessen: „Wir machen aus unseren Flächen Freizeitanlagen”. Zugleich sei es aber, so fügt er hinzu, natürlich „vernünftig”, Grenzertragsböden wie in der Ruraue für Ausgleichsmaßnahmen zu renaturieren.

Gussen macht konkrete Vorschläge. Nach dem 3. Rahmenbetriebsplan Hambach zur Fortführung des Tagebaus bis 2030 sollen im Umfeld in den nächsten Jahren zwecks Artenschutz auf derzeit landwirtschaftlich genutzten Flächen knapp 100 Hektar (ha) neuer Wald angelegt werden und 580 ha Fläche in baumbestandenes Grünland und linienhaft verlaufende Grünstrukturen umgewandelt werden. Diese Flächen will der Bergbau- und Energiekonzern dauerhaft pachten oder erwerben.

Während viele Tierarten in der Rekultivierung einen geeigneten Ausweichlebensraum finden, trifft dies beispielsweise für solche Arten nicht zu, die auf alte Waldlebensräume angewiesen sind. Das gilt insbesondere für die Bechsteinfledermaus, die mit zwei Kolonien im Hambacher Forst vorkommt und die hohe Ansprüche an ihren Lebensraum stellt. Aber weitere 900 Hektar des Hambacher Forstes, einem Maiglöckchen-Stieleichen-Hainbuchenwald, müssen den Schaufelradbaggern weichen.

Gussen fordert, dass die 680 Hektar von RWE-Power „umsonst” auf einem Ökokonto den Anliegerkommunen gutgeschrieben werden. Die Gemeinden könnten dann, wenn Flächen versiegelt würden, Ökopunkte von diesem Konto abbuchen, so dass in den kommenden Jahren keine Ausgleichsflächen beschafft werden müssten - zu Lasten des Ackerbaus.

Gussen hatte Anfang Mai gefordert, dass im Zuge der Rekultivierung des Tagebau Hambachs mehr Flächen für die Landwirtschaft vorgesehen werden müssten. Zur Not, so der Kreisbauernvorsitzende, müsse die Sophienhöhe, eine 1300 Hektar große Abraumkippe, wieder abgetragen werden. Derzeit sieht die RWE-Planung vor, bis zum Jahr 2030 insgesamt 2320 Hektar forst- und nur 850 Hektar landwirtschaftliche Fläche zu rekultivieren.

Gussen fordert auch die „Trennung des räumlichen Zusammenhangs” beim Ausgleich für Eingriffe in den Landschafts- und Artenschutz. So sollten auch Ausgleichsmaßnahmen für die Jülicher Börde etwa in der Eifel möglich sein, wenn das zur Erhaltung der dortigen Kulturlandschaft (Dauergrünland) oder zu Bestandsverbesserung des Waldes (Buche statt Fichte) führe. „Man kann alles zusammenkriegen”, hofft der Güstener Landwirt auf einen Interessenausgleich, mit dem alle Beteiligten leben könnten.

Gussen, CDU-Ratsherr und Ortsvorsteher, setzt auch auf Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Die Regierungschefin hatte auf dem Bauerntag des Deutschen Bauernverbandes (DBV) in Koblenz angekündigt, „bessere Regelungen für den Ausgleich zu finden”. Nach Angaben des CDU-Bundestagsabgeordneten Johannes Röring soll es noch in dieser Wahlperiode zu einer Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes kommen.

Dadurch soll der Verlust an Agrarland, bedingt durch Ausgleichsregelungen zugunsten des Naturschutzes, begrenzt werden. CDU-Agrarier Röring mit Blick auf den beschlossenen Atomausstieg: „Ich bin der Meinung, dass Infrastrukturmaßnahmen für die Energiewende keinen Ausgleich hervorrufen dürfen. Ich bin erst zufrieden, wenn wir kein Agrarland mehr verlieren.”

In Koblenz hatte der Bauernverband massiv gegen den Landfraß mobil gemacht. Jede Sekunde gingen bundesweit elf Quadratmeter Ackerflächen für Siedlung und Verkehr verloren. Auch die übliche Umsetzung von Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen könne so nicht weitergehen. „Höhere Biomasseerträge und gesicherte land- und forstwirtschaftliche Nutzflächen sind der Schlüssel zu einem erfolgreichen Beitrag der Bauern zu einer nachhaltigen Neuausrichtung der Energie- und Rohstoffpolitik”, hieß es in einer Entschließung der DBV-Mitgliederversammlung, die Gussen jüngst an die Bürgermeister im Kreis weitergeleitet hat.

Auch die Bauernschaft im Kreis stellt sich, so der Güstener Landmann, der Herausforderung, im Zuge der Energiewende mehr Flächen für die Rohstoff- und Energieversorgung zur Verfügung zu stellen. Das erfordere aber zurzeit, dass immerhin pro Windenergieanlage (WEA) vier Hektar Ausgleichsfläche erforderlich seien. Dagegen hatte Merkel in Koblenz erklärt, dass der Ausgleich für ein Windrad etwa anders bewertet werden müsse, als der für eine Industrieanlage. Und zum Naturschutzausgleich im Netzausbaubeschleunigungsgesetz, das auf einen schnelleren Bau von Stromleitungstrassen zielt, hatte sie gemeint: „Ein Strommast ist etwas anderes als ein Gebäude.”

Erklärtes Ziel der Bundesregierung ist es, den Flächenverbrauch in Deutschland bis 2020 auf 30 ha pro Tag zu senken. 2010 lag er bei leicht abnehmender Tendenz bei 100 ha. Zum Vergleich: Rein rechnerisch würde das bedeuten, dass das Gebiet etwa der Stadt Linnich in weniger als zwei Monaten vollständig zugeteert und zubetoniert wäre.

Die Jülicher Börde ist ein Top-Standort unter den deutschen Ackerbau-Regionen

Erich Gussen ist Ackerbauer in Güsten. Der Ort zählt insgesamt sechs Landwirte, darunter einen Milchviehalter.

Gussens Betrieb umfasst 54 Hektar mit den Hauptkulturen Zuckerrüben, Winterweizen, Wintergerste und Biogasmais. Daneben führt er für verschiedene Saatgutunternehmen Exaktversuche mit Triticale, Hafer, Sommer- und Winterweizen im Feldversuch durch. Fruchtbar ist dort die Erde, es ist durchweg Parabraunerde aus Löss mit 80 bis 90 Punkten.

Löss, das Ausgangssubstrat für Parabraunerde, ist, da es aus den verschiedensten Mineralen zusammengesetzt ist, äußerst nährstoffreich und ein guter Wasserspeicher. Der geringe Tongehalt sorgt für einen lockeren, leicht zu bearbeitenden Boden.

Solche Top-Standorte gibt es in Deutschland ferner in der Hildesheimer Börde, der Magdeburger Börde oder der Soester Börde. Flächen mit weniger als 20 Bodenpunkten gelten als landwirtschaftlich kaum noch nutzbar, sie eignen sich etwa noch für den Spargelanbau.1934 erfolgte auf Drängen der deutschen Finanzverwaltung eine Bodenschätzung.

Dabei wurde der Schwarzerde-Boden in der Eickendorf in der Magdeburger Börde, der ebenfalls auf Löss basiert, mit 100 Bodenpunkten bewertet. Er war somit der fruchtbarste Boden im Deutschen Reich und forthin das Maß der Dinge.

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