Mit Förster Rosenland auf der Sophienhöhe

Von: Sarah Sillius
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„Wenn ich in Ihr Wohnzimmer k
„Wenn ich in Ihr Wohnzimmer komme, würden Sie es doch auch verteidigen, oder?”, sagt Förster Günter Rosenland (rechts) auf die Frage der Spaziergänger Edelgard und Werner Beckelmann, weshalb der Schwan die Wildgänse auf dem Inselsee jagt. Foto: S. Sillius

Niederzier. Günter Rosenland hat seine Augen überall. Nein, streng genommen geht das natürlich nicht. Wenn Günter Rosenland, 59, von „seinen Augen” spricht, dann sind das nicht nur seine eigenen, sondern auch die der Rentner aus Hambach, die den Förster bei seiner Arbeit unterstützen.

Wenn sie sehen, dass ein Spaziergänger seinen Hund nicht an der Leine hält und im Hambachsee baden lässt, zum Beispiel. Und wenn dadurch die Flusskrebse in Gefahr geraten, die sich am Rande des Hambachsees tummeln.

„Es ist gut, dass ich nicht allein bin”, sagt Rosenland, während er auf den Hambachsee blickt und einen älteren Herrn mit Handzeichen begrüßt, der gerade auf sein Fahrrad steigt. Rosenland ist Förster aus Leidenschaft, sagt er, und denkt noch nicht gern an seine Pensionierung, die ihm spätestens mit 65 Jahren bevorsteht.

Dennoch: Allein für 1700 Hektar Fläche verantwortlich zu sein, sei eine Herausforderung. „Ich nehme die Hilfe dankend an.” Nicht nur befreundete Rentner sind es, die Günter Rosenland zur Seite stehen. Auch Kinder und Jugendliche unterstützen ihn. In regelmäßigen Abständen schauen sie nach, ob die Sophienhöhe sauber ist und sammeln Müll auf.

Auch Rosenland hat wieder etwas gefunden, das eigentlich nicht in den Wald gehört. Einen Plastiktopf für Pflanzen. Er vermutet, dass wohl jemand seine Garten-Blümchen im Wald eingepflanzt hat. „Hier erlebt man die dollsten Sachen”, sagt Rosenland, schüttelt den Kopf und steckt den Plastiktopf ein.

Mülleimer hat Rosenland aus dem Wald entfernen lassen. „Wenn darin Wurstbrote landen, dann kommen die Wildschweine und können sich mit gefährlichen Krankheiten anstecken.”

Wildschweine, so schätzt Rosenland, leben im Lindenberger Wald, der unter Fauna-Flora-Habitat-Schutz (FFH) steht, und auf der Sophienhöhe zurzeit nicht übermäßig viele. Zahlen kann er aber keine nennen. „Es hat drei scharfe Winter mit erheblichen Schneehöhen gegeben.

Fast alle Frischlinge, die im Spätherbst zur Welt gekommen sind, sind gestorben.” Doch nun liegt der Winter ein paar Monate zurück. Neue Frischlinge machen die Wälder unsicher. Rund vier Frischlinge sind es, die eine junge Bache, zwei bis drei Jahre alt, zur Welt bringt.

Bei älteren Bachen kann es im Sommer zu einer zweiten Rauschzeit - so nennt sich die Paarungszeit beim Schwarzwild - kommen. „Die Frischlinge müssen dann im Winter reduziert werden”, erklärt Rosenland, der froh ist, in seinen 30 Jahren als Förster in Hambach noch keinen Fall von Schweinepest miterlebt zu haben.

Ein gesunder Wildbestand sei nur dadurch möglich, dass der Zuwachs des Schwarzwilds weitestgehend erlegt werde. Rosenland ist der ethische Anspruch des Jagdgeschehens wichtig. „Die Tiere werden nur dann geschossen, wenn der Jäger wirklich weiß, dass das Tier mit dem Schuss tot ist. So muss es keine Schmerzen und keine Angst erleiden.”

Kirrungen, Lockfütterungsplätze, würden nur zur Hauptjagdzeit betrieben, sonst seien natürliche Äsungsflächen dazu da, Wühlschäden zu vermeiden. Bachen würden nur im Ausnahmefall geschossen, nur dann, wenn es darum gehe, die Vermehrungsrate erheblich zu drücken. „ Und wenn, dann nur nicht führende Bachen, also solche, die aktuell keine Frischlinge zur Welt gebracht haben”, betont Rosenland. Alte Bachen seien für das soziale Gefüge des Schwarzwilds enorm wichtig, sie würden Wühlschäden geringer halten.

Auch Kaninchen, Hase, Rehe und Hirsche sind auf der Sophienhöhe und im Altwald beheimatet. Ein Mäusebussard fliegt rund 50 Meter vor Rosenland auf eine Baumkrone. Greifvögel wie Mäuse- und Wespenbussarde, Roter Milan, Habichte und Sperber, Eulen wie Waldkäuze und ein Uhu-Pärchen sowie Fledermäuse haben sich im Gebiet niedergelassen. Ebenso wie unzählige Singvögel.

Sie haben laut Rosenland nicht unter der Trockenheit der Monate Mai und April gelitten. „Daher sind die Biotope so wichtig. An den Seen und Tümpeln können sie Wasser schöpfen.” Wanderfalken hätten sich auf Absetzern der Tagebaugeräte ihren Horst erbaut. Das Belassen von toten und hohlen Bäumen habe zu einer umfangreichen Spechtpopulation geführt, erklärt der Förster. Alle in der Region vorkommenden Arten - vom Schwarz-, Grün- bis hin zum Buntspecht - seien auf der Sophienhöhe zu Hause.

Auch auf und im Wasser ist Leben. Allerdings ist das nicht nur auf natürlichem Wege entstanden. Immer wieder kommt es vor, dass Spaziergänger Goldfische oder gar Schildkröten am Insel- oder Niederzierersee aussetzen.

Was zwar gut gemeint ist, sei eigentlich als Eingriff in die Natur zu werten. „Solche Amphibien gehören hier nicht hin”, sagt Rosenland. Doch wie so oft stellt die Natur ihr Gleichgewicht selbst wieder her. Kormorane hätten die Goldfische inzwischen entdeckt, der Bestand sei erheblich zurückgegangen.

Das tierische Geschehen auf dem Wasser ist für die Spaziergänger auf der Sophienhöhe besonders spannend. Edelgard und Werner Beckelmann treffen am Inselsee auf den Förster und erzählen ihm von dem Schwan, der gerade die Wildgänse angreift.

„Wenn ich in Ihr Wohnzimmer komme, dann würden Sie es doch auch verteidigen, oder?”, sagt Rosenland und lacht. „Und warum liegt da unten das ganze Geäst im Wald? Das sieht ja nicht schön aus”, sagt das Ehepaar aus Ellen. Ein Satz, den Förster Rosenland oft und nicht besonders gern hört. Die passende Antwort hat er schnell parat.

„Wenn Sie einen Teller haben, wollen Sie den doch auch für sich.” Werner Beckelmann nickt - und Rosenland lächelt zufrieden. „Jeder Baum braucht einen eigenen Teller. Er braucht Platz, damit er schnell wächst, damit er gesund und vital ist.”

Nur durch regelmäßiges Durchforsten der Bestände und die Auflichtung der Wegeränder entstehen qualitatives Holz, das sich verkaufen lasse, und ein gesunder Organismus: Blumen wachsen, Insekten erhalten Nahrung, und so auch die Fledermäuse. 1978 gab RWE Power den Startschuss für die naturnahe Aufforstung der Sophienhöhe. Noch lange werde die Rekultivierung, zurzeit in Höhe von Alt-Steinstraß, dem Tagebau folgen, sagt Rosenland: „Jedes Jahr entstehen hier 70 bis 100 Hektar neuer Wald.”

Immer wieder kann Rosenland sich davon überzeugen, wie aus dem alten Geäst neue Lebensräume entstehen. Plötzlich entdeckt er einen Ameisenhaufen am Oberen Randweg, den er bislang nicht kannte. „Ein Highlight”, sagt der Förster, der die Umsiedlung von Ameisenhaufen zu seinem Hobby gemacht hat.

Dass sich auch ohne Fremdhilfe eine Population roter Waldameisen angesiedelt hat, ist für ihn ein Zeichen dafür, dass ein naturnaher Wald auf der Sophienhöhe entsteht - auch wenn der Anblick der verrottenden Geäste nicht jedem Spaziergänger gefällt. Letztlich sind die Ameisen für Rosenland auch ein Beweis dafür, dass es sich lohnt, die Augen überall zu haben.

Im Juli und Augustist Haupt-Rehbrunftzeit. Der Deutsche Jagdschutzbund (DJV) und der ADAC raten daher, in den kommenden Wochen auch tagsüber mit verstärktem Wildwechsel zu rechnen.

Nordrhein-Westfalen ist in der aktuellen Wildunfall-Statistik des DJV trauriger Rekordhalter. Dort lässt jedes dritte Reh (32 Prozent) sein Leben auf der Straße. Die Dunkelziffer wird als hoch eingeschätzt. Der Verband appelliert daher an das Verantwortungsbewusstsein der Autofahrer, insbesondere auf Landstraßen entlang der Wald-Feld-Grenzen, mit angepasster Geschwindigkeit zu fahren.

Besonders der Bereich, der einen Kilometer vor und hinter der Hambacher Brücke liegt, sei von Wild-Unfällen betroffen, erklärt Förster Günter Rosenland. Aus den letzten Monaten seien ihm zwar keine Unfälle bekannt, doch rät er Autofahrern insbesondere zurzeit zur Vorsicht, „weil die Rehe wie blind über die Straße laufen”.

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