Jülich - Landestheater Detmold: Sinnsuchend im Haifischbecken Leben

Landestheater Detmold: Sinnsuchend im Haifischbecken Leben

Von: mavo
Letzte Aktualisierung:
15838374.jpg
Nikitas (Lukas Schrenk, v.l.)) Erscheinen verändert das Leben von Christiane (Kerstin Klinder), Moana (Marie Luisa kerkhof) und Boris (Stephan Clemens). Foto: Vomberg

Jülich. „Bretter, die die Welt bedeuten“, die berühmte Metapher von Friedrich Schiller wird mit der Theaterbühne assoziiert. Im technischen Sinne mit einem stabilen Schauplatz, auf dem Akteure ihre Rollen spielen. Die Autorin Laura Naumann, Shootingstar in der deutschsprachigen Drama-Szene, relativiert dieses Bild.

In ihrem Schauspiel „Raus aus dem Swimmingpool, rein in mein Haifischbecken“ bewegen sich die Schauspieler auf im wahrsten Sinne des Wortes unsicherem Boden.

Das karg wirkende Bühnenbild der welligen Poolplane ist eins von vielen symbolträchtigen Elementen des Schauspiels. Das Protagonisten-Trio bewegt sich schwerfällig und stolpert oft über die unerwarteten, unsichtbaren Hindernisse. Während der Intermezzos balancieren die Schauspieler auf ihren Bühnenwegen unsicher wie im Nebel oder unklarem Wasser. Das für ein zeitgenössisches Bühnenspektakel zahlreiche Publikum – das klassische Theater der alten Meister sorgt nach Aussage des Jülicher Kulturbüro-Leiters Christoph Klemens für mehr Zuschauer – wurde mit den Schauspielcharakteren konfrontiert.

Die junge Moana (Marie Luisa Kerkhoff) mit ihrem bedingungslosen Streben nach beruflichem Erfolg in einer Unternehmensberatung verkörpert die Generation Y. Zynisch und ohne Rücksicht auf Verluste, weil die Welt doch nicht mehr zu retten ist, beschreitet sie den Weg des skrupellosen aggressiven Kapitalismus. Zudem beinhaltet diese Figur gezielt karikaturistische Merkmale der blind leistungsorientierten Gesellschaft. Aus vermeintlichem Pflichtgefühl wohnt sie ostentativ wieder mit der von ihrem Vater verlassenen Mutter Christiane (Kerstin Klinder) zusammen. Diese einst sozial engagierte Journalistin ist zu einer scheinbar emotionslosen Nachrichtensprecherin mutiert.

Moana definiert die Beschäftigung ihrer Mutter als „Hauptsätze vorlesen“. Christiane sind die krampfhaften Bemühungen ihrer Tochter, sich ans vorherrschende System eines Rattenrennens anzupassen, völlig fremd. Die beiden Frauen sind nur auf sich selbst und ihr Ausharren fixiert. Durch gesellschaftliche Zwänge getrieben, kreierten sie ihre persönliche Alltagshölle. Gelegentlich bekommen sie Besuch von Moanas Freund Boris. Der von sexistischen Piloten und arroganten Passagieren gemobbte Flugbegleiter fühlt sich nirgendwo zu Hause. Seine mit Galgenhumor geschilderten bitteren Arbeitstage sorgten für nachdenkliches Lächeln im Publikum. Vor langer Zeit der ärmlichen Kindheit und biederen Familie entflohen, findet Boris nirgends erholsame Rast.

All dies erfährt der Zuschauer in Anlehnung an das Epische Theater bei Brecht aus Erzählungen der Protagonisten. Das mit minimalen Requisiten auskommende Bühnenbild setzt weniger auf die Wirkung des Gesehenens, sondern auf die kritische Betrachtung der von Schauspielern dargestellten Ereignisse und Empfindungen. Die andauernde konzentrierte Aufmerksamkeit des Publikums zeugte von der Überzeugungskraft der schauspielerischen Leistungen.

Anders als bei Brecht kommt es bei Naumann zu einem in der klassischen Dramaturgie traditionell vorkommenden Wendepunkt der Aktion. Die desillusionierte Weltretterin Christiane „stöpselt sich ab“ während einer Live Sendung. Ein weiterer der unzähligen Katastrophenberichte lässt sie das berufliche Harakiri mit einem Aufruf zum Massensuizid verbinden. Ihr tragikomischer Alkoholexzess ist die kurzfristige Folge. Die fanatische Leistungsverfechterin Moana stößt endlich an ihre körperlichen und psychischen Grenzen und heißt das auf sie zukommende Auto willkommen. Sie denkt dankbar: „Endlich“. Im kritischen Moment der vollkommenen Erschöpfung und Verlorenheit aller drei Figuren erscheint noch jemand auf der Bühne. Nikita (Lukas Schrenk) ist plötzlich da. Der vierte Protagonist, der das Lebensdesaster, der anderen auf eine stille einfühlsame Art ordnet. Ein Ruhepol, der viel Wärme und Achtsamkeit spendet. Das lang ersehnte Loslassen kann eintreten.

In dem immer noch egoistischen Bestreben, das Glücksgefühl für sich allein zu beanspruchen, wird Nikita von allen drei Mitstreitern umworben. Denn für jeden von ihnen stellt Nikita etwas dar, was ihm plötzlich als lebensnotwendig erscheint. Für Boris ist es eine mitfühlende, herzliche Frau. Christina sieht in Nikita einen aufgeklärten Mann, der ihr gern zuhört und sie in ihren Nöten tröstet. Moana wiederum glaubt, ein Wesen gefunden zu haben, das sie aus ihren Zwängen befreit. Nikita kann eine Sie, ein Er, oder Es sein. Ergo kann Nikita all das symbolisieren, was einem unglücklichen, auf der Suche nach Lebenssinn verirrten Menschen zur Neuorientierung verhilft. Danach verschwindet Nikita spurlos, einem Engel gleich.

Christina, Moana und Boris bleiben in dem Haifischbecken, jetzt schwimmen sie aber nicht mehr einsam und sinnlos umher. Sie betrachten einander - und das tun sie vielleicht das erste Mal – mit Achtsamkeit. Nach einem gebührenden Applaus verlässt das Publikum ungewöhnlich leise den Bühnensaal. Unsichere Kommentare über das Stück beinhalten mehr offene Fragen als eindeutige Feststellungen. „Interessant, aber gewöhnungsbedürftig“, „Wie ein ARTE – Film“, hört man die Zuschauer reden. Ein Theaterliebhaber bemerkt nachdenklich: „Es war anders. Die nächsten zwei, drei Tage wird mich das beschäftigen“ Vielleicht noch länger. Das wäre sicherlich die größte Genugtuung für die Autorin und ebenfalls für alle an der Vorstellung mitwirkenden Künstler.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert