Jülich - Kirchberg will nicht „Dorf Eichhorn“ sein

CHIO-Header

Kirchberg will nicht „Dorf Eichhorn“ sein

Von: Volker Uerlings
Letzte Aktualisierung:
8361675.jpg
Nicht nur bei Regen keine schöne Optik: Links vorn die Ruinen der Kirchberger Papierfabrik, links hinten die Wellpappen-Produktionsstätten, die auf der anderen Straßenseite in großem Stil erweitert werden sollen. Viele Kirchberger sind gegen eine weitere „Industrialisierung“. Foto: Uerlings
8363414.jpg
Kirchberg und die Industrie: Die Bürgerinitiative hat in diesem Modell die Betriebsflächen (gelb) dargestellt. Oben links ist der heutige Eichhorn-Komplex. In Rot daneben inklusive Brücke die geplanten Erweiterungsbauten mit Hochregallager. Foto: Uerlings

Jülich. Vom Ortsschild an dauert es mehr als einen halben Kilometer, bis der Jülicher Stadtteil Kirchberg den Eindruck erweckt, ein bewohntes Dorf zu sein. Zuvor passieren Auto- und Radfahrer auf der schmalen Ortsdurchfahrt In­dustriegebäude: alte und jüngere, leerstehende Ruinen und belebte Produktionshallen.

Diese ersten mehr als 500 Meter sind rechts (und teilweise links) der Straße das Reich der Carl Eichhorn KG, die früher zunächst Papier produzierte und heute Wellpappe herstellt.

Das Traditionsunternehmen besteht seit 1855, ist fast 160 Jahre alt und erfolgreich. Kirchberg lebte viele Jahrzehnte mit und auch von Eichhorn. Das soll sich nicht grundsätzlich ändern, aber die Teile der jüngst veröffentlichten Ausbaupläne sind einer großen Mehrheit im Ort ein Dorn im Auge. So regt sich Widerstand. Die im Juni gegründete Bürgerinitiative „Zukunft Kirchberg“ will vor allem einen „monströsen Bau“ am Ortseingang verhindern, wie Mitglieder diese Woche sagten.

Gemeint ist damit ein 40 Meter hohes, 45 Meter breites und 110 Meter langes Hochregallager. Ein solches wäre in der näheren Umgebung bislang ohne Beispiel. Zum Vergleich: Das Hochregallager von Schoeller in Huchem-Stammeln an der B 56 ist 28 Meter hoch.

Nicht nur Protest im Sinn

Die Pläne des Unternehmens mit 280 Beschäftigten an drei Standorten wurden Ende März in einer Ausschusssitzung öffentlich. Einige Politiker, aber in Folge auch Kirchberger Einwohner kritisierten das Vorhaben. Im Juni gründete sich die Bürgerinitiative, die sich den Namen „Zukunft Kirchberg“ gegeben und nicht allein Protest im Sinn hat. Die Frauen und Männer – 60 an der Zahl – sehen Probleme in ihrem Stadtteil, die nicht allein mit den ansässigen Betrieben zu tun haben.

Die Carl Eichhorn Wellpappenwerke sind ja nur eines von mehreren Jülicher Unternehmen, die in Kirchberg ansässig sind und auch für reichlich Schwerlastverkehr sorgen. Damit haben sich die Einwohner arrangiert, hieß es bei einem Treffen der BI in dieser Woche. „Es ist noch zu ertragen, auch wenn Lastwagen, die sich begegnen, die Spiegel einklappen müssen. Und auch wenn wir an der Ampel zur B56 oft mehrere Rotphasen warten müssen, weil vor uns Lkw stehen. Aber es darf nicht noch mehr dazu kommen“, sagte eine Frau, die sich in der Initiative engagiert.

Das wirtschaftliche Interesse eines Unternehmens dürfe nicht vor Allgemeinwohl gehen, erklärte eine andere. Mehrere Mitglieder befürchten, dass es durch eine weitere Industrialisierung mit Großbauwerken „unattraktiv wird, hier zu wohnen. Wir haben Angst, dass das Dorf ausstirbt.“

Thomas Filser bringt es auf diese Formel: „Ein Hochregallager dieser Größe gehört nicht in so ein Dorf. Und wir wollen keine Industriebrücke über der Straße.“ Auch die ist vorgesehen. Insofern fordert die Bürgerinitiative, dass diese beiden Punkte ausgeschlossen werden, hat aber grundsätzlich gegen eine Betriebserweiterung nichts einzuwenden, wenn in „ortsangemessener Höhe“ und nach Möglichkeit auf dem Altgelände gebaut wird. Diese Haltung stößt in Kirchberg auf große Zustimmung. Die Initiative hat inzwischen 1100 Unterschriften für ihr Anliegen gesammelt, davon stammen über 1000 aus Kirchberg direkt, andere von ehemaligen Einwohnern.

Fragen sind offen geblieben

Der Zusammenschluss hat mit der Firmen-Geschäftsführung um Hellmuth Eichhorn das Gespräch gesucht. Es habe in freundlicher und offener Atmosphäre vor gut einem Monat stattgefunden, sagten Teilnehmer der Bürgerinitiative. Es seien allerdings einige Fragen offen geblieben. So beschäftigt die Initiative, warum die Eichhorn KG nicht die Altgebäude der Papierfabrik abreißt und dort baut.

Wie die Bürgerinnen und Bürger recherchiert haben, soll für die rechte Seite der Ortseinfahrt schon Baurecht bestehen, um dort ein 30 Meter hohes Hochregallager zu bauen und die Produktionsstätten zu erweitern. Am Anblick der leerstehenden Altgebäude stören sich viele Menschen, auch die Jülicher Kommunalpolitiker haben bei der ersten Erörterung reflexartig genau auf diese Flächen verwiesen.

Zudem zweifeln einige BI-Mitglieder an, dass das nun geplante 40-Meter-Lager ausschließlich mit der eigenen Eichhorn-Produktion zu füllen ist. Dann wäre es überdimensioniert und müsste gegebenenfalls externen Produzenten als Lager angeboten werden, was die Verkehrsbelastung erhöhe.

Um die Dimensionen der Eichhorn-Pläne zu verdeutlichen, haben die BI-Mitglieder Modelle angefertigt und eine Simulation erstellt, die das 40-Meter-Lager in Kirchberg und am Jülicher Stadteingang zeigen (siehe rechts), um die Wirkung eines solchen Gebäudes zu zeigen. Die „Botschaft“ steht unten links: Aus „Kirchberg (alt)“ könnte „Dorf Eichhorn (Neu)“ werden. Mit diesen Informationen wurden am Dienstagabend mehrere Fraktionen des Jülicher Stadtrats „gefüttert“, da der Bebauungsplan bald thematisiert wird.

Grundsätzlich hofft die Initiative, die sich auch den weiteren dörflichen Problemzonen (Mühlenteich-Ufer, Bürgerhallensanierung, Spielplatz-Standort) widmet, dass ihre Heimat lebenswert bleibt. Dafür sollte nach ihrer Meinung am besten das Unternehmen aus freien Stücken sorgen – oder aber die Jülicher Politik.

Die Redaktion hat auch die Eichhorn KG um ein Gespräch gebeten, das später stattfinden soll.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert