Jülich ist „so alt wie Weihnachten“

Von: ptj
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Ein Blick in das Ravelin Leyebeck der Zitadelle: Das „unterirdische Jülich“ wird immer weiter erschlossen und zugänglich gemacht. Das Bauwerk entstand vor rund 470 Jahren. Die Ursprünge der Stadt Jülich sind noch viel älter und liegen in der Römerzeit. Foto: Jagodzinska
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Museumsleiter Marcell Perse präsentiert Phantombilder des römischen Kaisers Augustus, die im Mai 2015 in Jülich zu sehen sind. Foto: Jagodzinska

Jülich. „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.“ So beginnt die Weihnachtsgeschichte nach dem Evangelisten Lukas, die im 2000. Todesjahr des ersten römischen Kaisers (63 vor Christus bis 19. August 14 nach Christus) besonders ins Auge sticht.

Deutsche und niederländische Historiker und Archäologen beschäftigten sich mit der Frage: Wie alt sind unsere Städte eigentlich? Nach intensiven Untersuchungen eines deutsch-niederländischen Forschungsverbundes zwischen den archäologischen und musealen Einrichtungen der Städte Maastricht, Heerlen, Aachen und Jülich und dem Lehrstuhl für Alte Geschichte der RWTH Aachen lautet die Antwort: „Wir sind so alt wie Weihnachten.“ Alle genannten Orte verfügen über eine römische Vergangenheit in Form kleinstädtischer Siedlungen, so genannten „vici“.

Die Ausstellung „Fahndung nach Augustus“ auf der Suche nach den Wurzeln der Euregio, die am 17. Mai 2015 nach Jülich kommt, ist nur ein Produkt unter vielen dieser „Euregionalen Vicusgruppe“. Nettes Detail dieser Ausstellung sind Phantombilder des bislang stets als jugendlicher Held dargestellten Herrschers Augustus mit Anfang 20, etwa 50 Jahren, als er sich wahrscheinlich in unserer Region aufhielt, und mit etwa 70 Jahren kurz vor Ende seines Lebens. Die Bilder entstanden in Zusammenarbeit mit dem Landeskriminalamt in Düsseldorf.

„Die gewichtigen Aussagen über die Ursprünge unsere Städte basieren auf relativ kleinen bröseligen Funden. Man braucht eine systematische Archäologie, sonst gehen die einem durch die Lappen“, betonte Museumsleiter Marcell Perse. Dank dieser Systematik weiß der Historiker, dass „die römische Welt darauf angewiesen war, hochproduktiv zu sein und Straßen zu bauen, um darauf Handelsgüter zu transportieren“. Denn durch die Verlegung römischer Legionen an den Rhein waren rund 50.000 Soldaten zu ernähren, die „ihre Nahrung nicht selbst erzeugten“.

Etwa um Christi Geburt wurde die erste befestigte Trasse der römischen Fernstraße von der Provinzhauptstadt Köln über Jülich, Heerlen und Maastricht bis nach Bavay angelegt. Praktisch über Nacht kam eine voll ausgebildete Geldwirtschaft mit einer ungeheuren Nachfrage an den Rhein. Die extrem zunehmenden Handelsströme erforderten den Aufbau einer leistungsstarken Infrastruktur, also auch die Gründung oder den Ausbau von Siedlungen und die Ausbeutung von Bodenschätzen. Kernpunkt der Ausstellung sei der Mensch Augustus, „ein mächtiger Mensch, der nur dadurch mächtig wird, weil man ihn mächtig werden lässt“.

Interessant ist, dass laut Perse „Jülich neben der Metropole Köln der zentrale Ort des Hinterlandes war“. Auch „in der Zeit der Renaissance spielte sich in Jülich wieder Weltgeschichte ab“. Dann kam die Zeit der Romantik, und „wir können zu viel mehr Epochen etwas erzählen“. So verwaltet das Museum „mit kleiner Logistik ein großes Erbe“. Vor dem Hintergrund dieses „naturgegebenen Potenzials“ kommt natürlich die taktische Frage auf, „auf diese Schiene zu setzen und mit diesen Pfunden zu wuchern“. So wie die belgische Stadt Tongeren „vor einer Weile erkannt hat, Geschichte ist das Einzige, was wir haben. Wir setzen voll auf diese Karte und es lohnt sich“ – in punkto Gastronomie, Geschäfte und Fremdenverkehr.

Wenn auch Jülich nicht Tongeren ist, Unterstützung könnten auch die Jülicher Geschäftsleute gebrauchen, Kosteninvestitionen würden sich auf vielfältige Weise rechnen. „Wir werden irgendwann keine Braunkohle mehr haben, und sind der einzige Ort in dieser ganzen Region, der einen historischen Kern hat.“ Eine archäologische Zone nach dem Beispiel Kölns werde es in Jülich sicher nicht geben, aber das „unterirdische Jülich wächst von Seiten des Landes“. Will heißen: Im Hof der Zitadelle wird auf Landeskosten weitergegraben, die Baustelle ist „ein Fenster in unserer Geschichte.

Es werden weitere Gänge entstehen, da kann man auch demnächst durchgehen. Und: „Das Museum Zitadelle mit seinen gesammelten Relikten ist ja noch im Werden.“ Einige Räume, wie das Pulvermagazin seien ja schon „sehr gut gestaltet“, andere, wie der Museumskeller renovierungsbedürftig. Zum Thema „unterirdisches Jülichs“ hat die ehemalige Herzogstadt auch jetzt schon Potenzial. Ein Beispiel ist das Ravelin Leyebeck, das größte der vier Ravelins der Zitadelle. Seit der Restaurierung seiner Grabenwand ist es in das Führungskonzept des Museums einbezogen.

Ursprünglich als Schutzschild vor der östlichen Wallmauer vorgesehen, baute man unter französischer Herrschaft einen zusätzlichen Kranz mit Lünetten (selbstständigen Festungswerken) und ein Fort auf der nordöstlichen Anhöhe.

Nachgewiesen ist eine konstante militärische und zivile Nutzung bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. So wurden die intakten Räume des Ravelins nach 1933 auch als Luftschutzkeller ausgebaut und genutzt.

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