„Hoffentlich gibt es jetzt keinen Krieg”

Von: hfs./ptj/gep
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Ein Stück der Berliner Mauer
Ein Stück der Berliner Mauer in Jülich: Über einen neuen Standort des Denkmals auf dem Schlossplatz wird zurzeit diskutiert. Foto: gep

Jülicher Land. „Hoffentlich gibt es jetzt keinen Krieg”, dachte der Jülicher Karl Viertmann (80), als er vor 50 Jahren in der „Tagesschau” sah, dass die DDR die Sektorengrenze in Berlin hermetisch abriegelte.

„Ziemlich weit weg” war der Bau der Berliner Mauer dagegen für den Aldenhovener Günther Schorn (81). Noch recht gut in Erinnerung sind die Tage um den 13. August 1961 der Hottorferin Christel Knapp (85). „Meine Mutter sowie meine drei Brüder Manfred, Heinz und Siegfried lebten zu dieser Zeit in Ost-Berlin, hatten dort ihre Familien. Ich lebte damals mit meinem Mann in Ostfriesland”, sagt die rüstige Witwe, deren Familie durch die Kriegswirren getrennt worden war.

„Um so erschrockener waren wir dann, als wir im Radio hörten, was in Ostberlin vor sich ging. Jeder dachte direkt an einen neuen schlimmen Konflikt, aber den Gedanken an einen Dritten Weltkrieg schoben wir ganz weit weg.” Sie versuchte mit ihren Brüdern in Kontakt zu treten. „Aber wir hatten keine Chance, um so größer wurde denn Tag für Tag die Ungewissheit.” Viertmann, damals als Zöllner an der Kaffeeschmuggler-Grenze in der Eifel im Einsatz, ist noch heute dankbar dafür, dass die „Amerikaner schlau genug waren”, nicht militärisch zu intervenieren.

Auf der Zeche Emil Mayrisch, auf der Schorn damals als Steiger arbeitete, war der Bau der Mauer kaum Gesprächsstoff, erinnert er sich. Er selbst war stark in den Ausbau der Schachtanlage und der Grubenrettung eingebunden und zudem als junger Ingenieur „nicht sonderlich an Politik interessiert”.

Auch Johann Zalfen (74) aus Schophoven hatte „keine Angst”, weil es „weit weg war”, als er in seinem Elternhaus die Ereignisse vom 13. August auf dem Bildschirm verfolgte. Damals transportierte Zalfen mit einem Traktor der Marke Ferguson und einem zweiachsigen Anhänger die Milchkannen von den Bauernhöfen zur Molkerei. Da blieb wenig Zeit für einen Plausch, und am Nachmittag musste die Ernte eingebracht werden. Über die Geschehnisse in Berlin „wurde zu Hause nicht diskutiert”, erinnert er sich.

Im Dezember 1962, als er seinen ersten Milchsammelwagen beim Hersteller abholte, sah er am Grenzübergang Helmstedt zum ersten Mal die abgeschottete DDR-Grenze. „Das war schlimm.” Die Mutter und die Brüder von Christel Knapp waren nun in der DDR „eingesperrt. Ich habe nicht mehr geglaubt, dass die Mauer einmal fallen würde.” Ihre Familie sah die ehemalige Lazarett-Schwester erst viele Jahre später wieder, als „die Besuchsvorschriften gelockert waren”.

Gertrud Hoven (82) aus Schophoven erfuhr in jenem Sommer 1961 im gerade bezogenen Eigenheim abends in der „Tagesschau”, dass Einheiten der Volkspolizei, der Bereitschaftspolizei und der paramilitärische Betriebskampfgruppen in der ehemaligen Reichshauptstadt mit Stacheldraht die Sektorengrenze unpassierbar machten. Es waren gerade gute Bekannte zu Besuch. „Wer weiß, was das gibt?”, fragte sich Gertrud Hoven, als sie die Fernsehbilder sah. „Es darf keinen Bruderkrieg geben”, dachte sie. Die Stimmung im Dorf sei damals „gespannt” gewesen. Erst 1990 auf der Durchreise nach Polen sah sie zum ersten Mal die DDR-Grenzlagen. „Da ist mir ein Schauer über den Rücken gelaufen. Die armen Leute.”

Riesige Fluchtwelle

Pastor i.R. Hermann Frey (83) in Titz hat an den Mauerbau „gar nicht mehr so viel Erinnerung. Damals konnte ich das noch nicht im Fernsehen verfolgen, wir erfuhren davon durch Zeitung und Radio”, erinnert er sich. 1961 war er für ein halbes Jahr im Jülicher Krankenhaus als Seelsorger eingesetzt. „Das ist von den Menschen schon als schlimme Sache empfunden worden”, erzählt er. „Die Hilflosigkeit war das Schlimmste. Wir Deutschen konnten einander ja nicht helfen. So mächtig war die Bundesrepublik noch gar nicht.” Als Grund für den Mauerbau sieht der Priester die „riesige Fluchtwelle aus dem Ostsektor. Es flüchteten bestimmt 20.000 Menschen im Monat, die Arbeitskräfte, nicht die 60-Jährigen”.

Die Mutter und die Brüder von Christel Knapp waren nun in der DDR „eingesperrt, denn ich habe nicht mehr geglaubt, dass die Mauer einmal fallen würde.” Ihre Familie sah sie erst viele Jahre später, als „als die Besuchsvorschriften gelockert waren.”

Der ÖTV-Gewerkschafter Viertmann besuchte in der zweiten Hälfte der 60er Jahre zum ersten Mal West-Berlin. Bei einem Abstecher in der Osten der Stadt hielten er und seine ÖTV-Kollegen in einer Kneipe alle Gäste frei, nur 28 Ost-Pfennig kostete das Bier. Die Mauer empfand er als „schrecklich”, zumal die Schwester seiner Frau „drüben” lebte - in Wartha-Herleshausen, einer Grenzübergangsstelle.

„Wir fühlten uns stark und sicher”, erinnert sich der Bergmann Schorn, der ebenfalls Verwandte in der DDR hatte. Dass die Westdeutschen damals „auf der besseren Seite” standen, sei auch daran deutlich geworden, dass bis 1961 viele Neu-Bergleute aus Berlin und Thüringen ins Aachener Revier „rübergelockt” werden konnten. Denn im Westen „ging es wirtschaftlich aufwärts”, jedes Jahr gab es mehr Lohn und mehr Urlaub.

Über den Kalten Krieg machte man sich „keine großen Sorgen”, erzählt der Siersdorfer, einer der späteren Initiatoren der Aldenhovener Online-Geschichtswerkstatt Spurensuche. Pastor Frey verfolgte 1989 in Breinig die „brenzlige Situation” der DDR im Fernsehen. „Der Fall der Mauer kam dann doch plötzlich”, meint er. Menschen aus Ost-Berlin, die in Breinig zu Besuch waren, „die waren glücklich”. Der Fall der Berliner Mauer, so der Geistliche „war ja eine Befreiung im doppelten Sinn: Erstens für die Menschen und zweitens brach das System zusammen”.
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