Jülich - „Grüne Lunge” des Nordviertels vor Verkauf?

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„Grüne Lunge” des Nordviertels vor Verkauf?

Von: Volker Uerlings
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50 Jahre alt und hoch aufgesch
50 Jahre alt und hoch aufgeschossen: die Bäume im Trommelwäldchen. Unter den Wurzeln ruhen die Trümmer der im November 1944 zerstörten Stadt Jülich. Ein Verkauf der „grünen Lunge” stößt auf Protest. Foto: Uerlings

Jülich. Das „Trommelwäldchen” im Nordviertel liegt versteckt und wirkt zwischen Berliner, Mannheimer und Artilleriestraße recht unscheinbar. Nicht nur für die Anwohner hat es aber unschätzbaren Wert und ohnehin eine bewegte Geschichte.

Die inzwischen 51 Jahre alten Bäume wurzeln praktisch auf den Resten des 1944 zerstörten Jülichs, denn die meisten Trümmer nach dem verheerenden Luftangriff im Zweiten Weltkrieg wurden dort in Gräben und Bombentrichter geschüttet. Nicht zuletzt ist der kleine Wald mit dem merkwürdigen Namen die „grüne Lunge” der Nordstadt. Das sind für einige Anwohner Gründe genug, einen geplanten Verkauf weiter Teile der Fläche kategorisch abzulehnen und Protest anzudrohen.

Es ist das zweite Mal in 20 Jahren, dass dieser Versuch gestartet wird. Genaues wisse man nicht, so viel schon: Einige Anwohner der Berliner Straße wurden von der Stadtverwaltung angeschrieben, um ihnen ebenfalls die Möglichkeit eines Kaufgebotes zu geben. Diese Frist lief am 1. Mai ab.

„Die Politik wurde bislang nicht informiert”, sagt stellvertretender Bürgermeister Wolfgang Gunia, dessen CDU-Parteikollege aus dem Nordviertel, Alfred Hermes, die bekannten Informationen zusammentrug und auch Ortsvorsteher Peter Schmitz einschaltete.

Bekannt ist: Ein Anwohner des „Trommelwäldchens” will eine Teilfläche von etwa 3500 Quadratmetern erwerben - mutmaßlich um einen privaten Park zu errichten. Das ist aber nicht gesichert. Klar ist dagegen: Diese Fläche würde natürlich bei einem Verkauf nicht mehr der Allgemeinheit zur Verfügung stehen. Eas sei ein Problem, sagt der Ortsvorsteher: Seit der Schließung einer Supermarkt-Filiale nutzen vor allem Senioren die Wege durch den kleinen Wald verstärkt, um den Discounter an der Linnicher Straße zu erreichen. Diese Wegeführung gäbe es bei einer Veräußerung nicht mehr.

Zustimmung der Politik fraglich

Als 1996 das Wäldchen einer Bebauung zum Opfer fallen sollte, protestierten dagegen in kurzer Zeit fast 900 Menschen mit ihrer Unterschrift. Die Pläne wurden fallen gelassen. Auch gegen die jetzige Verkaufsabsicht dürften sich viele Jülicher wehren - da sind sich Schmitz, Gunia, Hermes sowie die beiden Anwohner Peter Dech und Franz Wassenhoven sicher. Ob die Kommunalpolitik einem Verkauf zustimmt, wäre eine weitere Frage, denn der Haupt- und Finanzaussschuss musste das absegnen. Die CDU - die stärkste Fraktion - ist schon dagegen.

Die Verkaufsgegner haben den Naturschutzbund (Nabu) eingeschaltet. Dessen Sprecher in Jülich, Wilfried Moll, hat die Fläche genau unter die Lupe genommen und attestiert ihr einen hohen ökologischen Wert. „Städte wie Köln, Aachen oder auch Euskirchen wären froh, wenn sie solche grünen Inseln in der Stadt hätten”, sagt er - und listet Flora und Fauna auf. Eschen, Ahorne, Rotbuchen in „mächtiger Höhe” zu hunderten, Spechte, Waldkäuze, Fledermaus-Anflugstellen und eine vielfältige Bodenvegetation hat er ermittelt.

Unterdessen hat Jurist Peter Dech die Initiative ergriffen und per Bürgerantrag gefordert, „jeglichen Verkauf des Trommelwäldchens oder auch von Teilflächen” zu verbieten und zu unterlassen. Zudem solle das Areal unter Naturschutz gestellt werden.

Der Name des 1961 vor allem von Jülicher Schülern bepflanzten Grundstücks - unter Anleitung des legendären Lehrers Lätzsch - stammt auch aus der Militärvergangenheit der Stadt. Genau hier erlernten die Süpielleute der alten Unteroffiziersschule das Trommelschlagen. Im Boden der „grünen Lunge” befinden auch noch das Bodendenkmal Lünette A (siehe Info unten) - und eben die per Lore dort verkippten Kriegstrümmer. Das veranlasste den profunden Kenner der Jülicher Historie, August Engel, in den Jülicher Nachrichten vom 9. August 1996 eine Frage öffentlich zu stellen: „Sollte nicht für diesen Städtischen Friedhof ein Ruherecht auf viele Jahre gelten?”

Was ist eigentlich eine Lünette?

Die Bezeichnung „Lünette” beschreibt ein kleines und (häufig) in die Erde gelassenes Festungswerk. Die Übersetzung „Möndchen” orientiert sich an der Form: Das halbe Sechseck sieht wie ein Halbmond aus.

Die sieben Lünetten in Jülich stammen aus der Zeit der französischen Besatzung. Unter der Erdoberfläche des „Trommelwäldchens” befindet sich die Lünette A.

Lünetten wurden in der Kriegssprache auch als „Mondschanzen” bezeichnet und dienten in Jülich als dritte Verteidigungslinie vor nahenden Feinden - neben den Bastionen (Linie 1) und den Ravelins (Linie 2).

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