Große Probleme bei der Entschärfung der Bombe werden nicht erwartet

Von: gep
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Entschärft: Horst-Dieter Daen
Entschärft: Horst-Dieter Daenecke hält im Oktober 2011 den zerlegten Zünder einer Zehn-Zentner-Bombe in Aachen in der Hand. Foto: Roeger

Jülich. Noch liegt er in etwa zwei Metern Tiefe - der 20-Zentner-Blindgänger im Bereich der Berliner Straße. Am Mittwoch wird Horst-Dieter Daenecke die Luftmine angehen. Er ist technischer Einsatzleiter des Kampfmittelräumdienstes (KMRD) für den Regierungsbezirk Köln und der Mann am Zünder.

Die Jülicher „Großladungsbombe ist verhältnismäßig selten”, erläutert er. Aber es wird „eine ganz normale Entschärfung, die uns nicht vor große Probleme stellt”, erwartet er.

Zuletzt hat Daenecke vor etwa 25 Jahren in Merzenhausen ein derartiges Großkaliber unschädlich gemacht: Es war eine 40-Zentner-Bombe, die beim Bau eines Aussiedlerhofes entdeckt worden war. Tagesgeschäft sind für den KMRD Fünf- bis Zehn-Zentner-Bomben.

Bei dem Jülicher Blindgänger handelt es sich um eine britische HC 2000 LB. HC steht für High Capacity, das bedeutet, dass die Sprengbombe relativ viel Sprengstoff (mindestens 70 Prozent) enthält und nur einen dünnen Mantel hat. 2000 LB zeigt die Gewichtsklasse in Pfund (lb) an, tatsächlich sind es 1733 Pfund (etwa 790 kg), davon entfallen 625 kg auf den Sprengstoff Amatol. Die im Dezember vorigen Jahres in Koblenz entschärfte Luftmine war eine HC 4000 LB, also doppelt so stark.

„Badeofen” im Boden

Amatol ist ein Sprengstoff, bei dem das sehr teure TNT mit billigem Ammoniumnitrat, einem Kunstdünger-Bestandteil, gestreckt wurde. Es könnte sich aber auch, so Daenecke, um eine andere Sprengstoffmischung handeln. Die Briten verwendeten damals, um HC-Bomben zu füllen auch RDX/TNT oder Torpex 2, die neben TNT Hexogen enthalten.

Die Bombe im Bereich der Berliner Straße hat, so der Feuerwerker, „ganz normale Aufschlagzünder”, es sind drei, die „schön nebeneinanderliegen”. Es dürfte sich damit höchstwahrscheinlich um eine HC 2000 LB Mk III handeln mit einer flach gerundeten Stirnfläche, den drei Kopfzündern und einem Blechleitwerk.

Sie hat einen Durchmesser von 47 Zentimetern und eine Länge von 265 Zentimetern, mit Blechleitwerk von 333 Zentimetern. Wegen ihrer zylindrischen Form wurden die Luftminen während des Kriegs vom Volksmund „Badeofen” genannt.

Entsetzliche Druckwelle

Die Bombentrichter waren klein, die Splitterwirkung gering, aber entsetzlich war die enorme Druckwelle. Sie waren „Wohnblock-Knacker” („Block Busters”). Eine einzige Leichtgehäuse-Bombe deckte im Umkreis von mehreren 100 Metern Dächer ab, riss Türen und Fensterrahmen heraus und ließ Fensterscheiben zerbersten.

Die dann abgeworfenen Brandbomben konnten somit leicht Dachböden und -stühle entzünden, und das Feuer konnte sich zügig in den Häuserzeilen entfalten. Es folgte, so Daenecke, der Abwurf von Splitterbomben. Sie zerstörten das Straßen- und Leitungsnetz, behinderten somit Lösch- und Rettungsarbeiten. Waren sie mit Zeitzündern ausgestattet, explodierten sie erst nach Stunden.

Fünf bis 20 Prozent der abgeworfenen Bomben, so Daenecke, waren Blindgänger, aber auch sie hatten einen taktischen Wert, weil ihre Räumung Einsatzkräfte erforderte.

So erlebte auch Jülich ein Inferno, als am 16. November 1944 britische Bomber Jülich angriffen. Insgesamt wurden fast 4000 Sprengbomben abgeworfen, dazu 123.500 Stück Brandbomben, teilweise in Behältern zu gut 100 Stück. Die Stadt wurde völlig verwüstet und brannte mehrere Tage lang. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels notierte in sein Tagebuch: „Düren und Jülich geradezu umgepflügt”.

Auf die heutige Kreisstadt waren damals rund 5500 Spreng- und 149.000 Brandbomben niedergegangen.

Kleine Krater

Die Zielfotos, die die West-Alliierten damals nach der Bombardierung aufgenommen haben, sind für den KMRD heute eine große Hilfe. Auf diesen hochauflösenden Luftaufnahmen sind die Bombenkrater erkennbar. Große Krater zeigen an, dass die Bombe detoniert ist, kleine, dass es sich um einen Blindgänger handelt. Fotos von damals, so Daenecke, haben die Feuerwerker auch auf die Spur der Luftmine in Jülich-Nord geführt, als im Vorfeld einer Baumaßnahme eine routinemäßige Prüfung erfolgte. Allerdings, so Daenecke, ist es „sehr, sehr schwer”, in bebautem Gebiet Blindgänger zu orten.

Wie groß die Gefahr noch heute sein kann, zeigt folgendes Beispiel: Eine 250-kg-Sprengbombe, die in sieben Meter Tiefe liegt, kann bei der Detonation einen Krater mit den Ausmaßen eines Einfamilienhauses hinterlassen.

Wenn Daenecke am Mittwoch die Luftmine angeht, assistiert „ein jüngerer Kollege, der Erfahrung sammeln soll”. Dann werden zunächst die verrosteten Zünder „vernünftig saubergemacht”, bevor die Zünder herausgeschraubt werden, um die Zündkette zu unterbrechen. Als Werkzeug steht das zur Verfügung, „was ein normaler Handwerker hat” - wie Zange oder Hammer und Meißel. Es gibt aber auch Spezialgeräte wie die „Raketenklemme”, um den Zünder maschinell herauszudrehen.

„Wir sind keine Hasardeure”, betont Daenecke, der seit 1975 vom Fach ist, sondern „gut ausgebildet”. Und man sei „auch Manns genug”, noch einen erfahrenen Kollegen um Rat zu fragen, wenn es knifflig werde : „Guck Dich das Teil mal an.”
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