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Ganztagsunterricht : Schule, Schule und nochmal Schule

Von: DANIELA MARTINAK
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In der Cafeteria des Mädchengymnasiums sitzen die Klassenkameradinnen beisammen. Hier wird allerdings nicht nur gegessen, sondern auch gelernt. Was in der Mittagspause an Hausaufgaben erledigt werden kann, muss schließlich nicht mehr am Abend daheim erledigt werden. Foto: Martinak
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Noch schnell eine Kleinigkeit essen, bevor es auf in die siebte Stunde geht. Anna und ihre Freundinnen lernen für die Lateinarbeit in der Kantine.

Jülich. Anna schaut ein bisschen mürrisch. Die 15-Jährige hat wie so viele ihrer gleichaltrigen Freunde nicht immer Lust auf Schule. Und dann beginnt der Montag auch gleich mit zwei Stunden Matheunterricht. Das Wochenende hat sie bisher mit den Hausaufgaben, die sie am Freitag aufbekommen hat, und dem Lernen für die Englischarbeit nächsten Donnerstag verbracht.

Viel Zeit für ihre Hobbys und dafür, Jungs kennen zu lernen, ist da nicht. „Ich sehe meine Lehrer öfter als meine Eltern. Da kann ja ‘was nicht stimmen“, beschwert sich das Mädchen. Und weiter: „Was ich später mal machen möchte? Hätte ich Zeit, mich zu informieren, wüsste ich es vielleicht. Von Beruf bin ich Schülerin. Und das den ganzen Tag. Mein Leben dreht sich nur noch um Schule, Schule und noch mal Schule.“ Und dennoch wird sie auch den heutigen Tag wieder in der Schule verbringen. Und das bis zum frühen Abend.

„Mittlerweile ist es ja aufgrund der G8-Situation so, dass ein Ganztagsunterricht zumindest in den Oberstufen unumgänglich ist“, erklärt Norbert Billstein, der stellvertretende Schulleiter des Mädchengymnasiums (MGJ) Jülich.

Die Fünftklässler seien die einzigen Schüler, die noch verschont blieben. Bereits ab der sechsten Klasse haben die Kinder heutzutage mindestens einen Nachmittag Unterricht.

Und seitdem der Samstagsunterricht nicht mehr stattfindet, müsse dieser Tag nun auf die anderen Wochentage aufgeteilt werden, um den Stoff abzuarbeiten, den die Kinder und Jugendlichen verinnerlichen sollen.

Die Form des Ganztagsunterrichts an Gymnasien in Nordrhein-Westfalen weiterhin auszubauen, ist allerdings nach Auffassung der Kommunen in NRW derzeit zum Scheitern verurteilt. Das sei hauptsächlich dem akuten Lehrer- und Finanzmangel zuzuschreiben. Der Zeitpunkt für die Einführung eines flexiblen Ganztagsangebots an weiterführenden Schulen ist laut der Schulexpertin des NRW-Städtetages, Professorin Angela Faber, bereits verstrichen. Das zumindest erwähnte sie bei einer Anhörung des Düsseldorfer Landtags.

Maßgeblich seien auch Vorbehalte von Lehrern, die ihre herkömmlichen Arbeitsbedingungen nicht aufgeben wollen, heißt es in Düsseldorf. Schließlich wollen sicherlich nicht nur die Schüler nicht den ganzen Tag in der Schule verbringen.

Auch Lehrer und Schüler der anderen beiden Gymnasien in Jülich, des Gymnasium Zitadelle und des Gymnasiums Haus Overbach, sehen das ähnlich. Es werde an sich immer komplizierter für die Kinder und Jugendlichen, Privatleben und Schule zu trennen. Oft müssen sie sich in ihrer Freizeit mit zusätzlichen Praktika oder Referaten auseinandersetzen.

Von den insgesamt 1130 Schülern des Gymnasiums Zitadelle essen je nach Wochentag gerade einmal 15 bis 40 Kinder in der Schule. Dort gibt es täglich Mittagessen, auch die Schulleitung isst dort. Der Nachmittagsunterricht beginnt ab der 8. Klasse. „Die Schüler haben teilweise eine 35-Stunden-Woche, das ist mit dem normalen Fünftageunterricht nur bis mittags nicht zu schaffen“, erklärt Karl-Heinz Kreiner, Schulleiter des Gymnasiums Zitadelle. Dennoch lege man viel Wert darauf, den Kindern die Freizeit zu geben, die sie brauchen. Auch den Eltern sei das wichtig.

Gerade einmal 30 Schüler nehmen an der Hausaufgabenbetreuung teil. „Diese Welt, wie sie heute in der Schule ist, ist eine Welt der Erwachsenen und nicht die der Kinder. Das ist nicht gut, und das sage ich aus vollem Herzen auch, wenn sich leider nichts daran ändern lässt“, bedauert Kreiner, der „Schulleiter der Herzen“, der in diesem Jahr den Ruhestand antritt.

Der Ganztag dürfe „nicht verlängerter Schultag mit Suppenküche“ sein, äußerte sich Ralf Leisner, Vorsitzender der Landeselternschaft der Gymnasien in NRW.

Überzeugende Konzepte und nicht nur ein Flickenteppich aus zufällig zur Verfügung stehenden Angeboten seien erforderlich.

Norbert Billstein (MGJ): „Also hier bei uns in Jülich funktioniert es momentan gut, so wie es ist. Wie es weitergeht werden wir abwarten müssen. Auch das Lehrerkollegium muss sich ja erst mal mit der neuen Situation des Abiturs innerhalb von zwölf Klassen vertraut machen, und wir machen das Beste daraus.“

Natürlich müsse auch darauf geachtet werden, dass die Kinder dennoch nicht überfordert werden. Notwenig seien flexible Organisationsmodelle, auf den Bedarf vor Ort zugeschnitten.

Anna und ihre Freundinnen haben dazu allerdings eine eigene Meinung: „Früher sind die Schüler auch zum Mittagessen nach Hause gekommen und haben trotzdem ihr Abi gemacht. Manchmal ist es ja auch schön, aber wir haben ja kaum noch Zeit neben der Schule.“

Eins steht für die Jugendlichen jedenfalls einstimmig fest: „Lehrer wollen wir auf keinen Fall werden. Die sind ja genauso arm dran wie wir.“

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