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Flüchtlingsbetreuer zwischen Job, Integration und Abschiebung

Von: Daniela Mengel-Driefert
Letzte Aktualisierung:
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Zwei „Kumpels“ in Linnich: Zwischen Damakou Abdou und Flüchtlingsbetreuer Stefan Helm hat sich im Laufe der Jahre eine Freundschaft entwickelt. Foto: Mengel-Driefert
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So sieht ein Mehrbettzimmer in der Linnicher Notunterkunft aus.

Linnich. Wenn über die Situation der Flüchtlinge in Deutschland berichtet wird, steht die Unterbringung oft im Zentrum der Diskussion. Stefan Helm, Sachbearbeiter im Sozialamt Linnich, ärgert das, und er sagt: „Die Unterbringung ist das geringste Problem.“ Wichtiger sei die Betreuung der Asylsuchenden.

Gerade in den ersten Tagen nach der Ankunft gebe es Unsicherheiten und Probleme in der Bewältigung des Alltags. Da könne der Besuch beim Hausarzt bei Krankheit eine große Schwierigkeit darstellen. Und selbst, wenn ein Arzt gefunden, der Patient mit einem Rezept in der Hand wieder entlassen ist, weiß der Flüchtling nicht unbedingt, was mit dem „rosa Schein“ zu tun ist.

Stefan Helm ist seit sechs Jahren für die Asylbewerber in der Rur-stadt zuständig. Die Flüchtlinge in Linnich sind überwiegend in Gevenich in einer früheren Bundeswehr-Halle untergebracht, einige in Mietwohnungen der Kernstadt. Im Übergangswohnheim leben nur Männer – in Vierbettzimmern, die einfach ausgestattet sind mit Etagenbetten, Tisch und Stühlen, Schränken, Gemeinschaftsküche, Duschen im Keller. Kommen die Asylsuchenden in Linnich an, tragen sie oft nicht mehr als zwei Beutel Gepäck bei sich. Zuletzt kam eine Mutter mit drei Kindern. Ihre Habseligkeiten aus Armenien steckten in vier Tragetaschen von Aldi, schildert Helm und fragt: „Was würden Sie mitnehmen, wenn Sie nur vier Plastiktüten Platz für ein neues Leben hätten?“

Stefan Helm und Hausmeister Thorsten Meuser versuchten, bei der Einrichtung ihrer Unterkunft zu helfen. Sie brachten Regale an, stellten den Schrank um. Helm begleitete die Familie einige Tage zur Schule, in die Kindertagesstätte. Zu seinen Aufgaben gehört das nicht, es ist sein Engagement. „Gut wäre“, sagt er, „wenn jemand den Asylbewerbern bei den ersten Schritten helfen würde.“ Er denkt an eine Art Patenschaft in der Bevölkerung und verdeutlicht, dass es schon helfen würde, wenn eine Telefonnummer bei Problemen gewählt werden könnte.

Im Übergangswohnheim sind derzeit 60 Personen untergebracht. Damakou Abdou übernimmt anstehende Arbeiten, die nicht unbedingt jeder machen möchte. Er putzt, kümmert sich um die Müllentsorgung, pflegt die Außenanlage, verwaltet das Lager, Bettwäsche, Hausrat. Er hilft bei der Verwaltung der Unterkunft, begleitet Neuzugänge zum Ausländeramt. Zehn Jahre lang leistete er diese Tätigkeiten für 1,28 Euro die Stunde. Ein Taschengeld für einen Vollzeitjob. Nun hatte er Glück, seit dem 1. Oktober ist er bei der Stadt angestellt. Und doch hängt ein Damoklesschwert über ihm. Sein Asylbegehren wurde abgelehnt, Abdou ist geduldet in Deutschland, kann jederzeit abgeschoben werden. Auf seine Arbeit in Gevenich will aber niemand verzichten, er ist respektiert von den Bewohnern, zwischen Stefan Helm und Abdou hat sich eine Freundschaft entwickelt.

„Wenn ich anrufe und sage, wir haben eine Neuzuweisung, zum Beispiel aus Somalia, hat Abdou sofort die Geographie im Kopf, weiß, wer sich mit wem versteht, in welches Mehrbettzimmer der Neuzugang passt“, erklärt Helm und stellt die interkulturelle Kompetenz seines Freundes heraus, die überaus hilfreich sei, da rund 20 Nationalitäten in Gevenich leben.

Gemeinnützige Arbeit leisten viele Asylbewerber. Niemand werde gezwungen, aber wem die Decke auf den Kopf fällt, der könne für einen Zuverdienst von 1,28 Euro arbeiten, sagt Helm. Mittlerweile werden die Schulen in Linnich, der städtische Kindergarten in Gevenich, Bauhof und Hallenbad durch die Arbeit von Asylbewerbern unterstützt. Drame Bafode hilft dem städtische Hausmeister Thorsten Meuser, sein Asylantrag wurde ebenfalls abgelehnt, auch er ist nur geduldet. „Ich kann mich noch an den Tag erinnern, als Bafode mit dem Schreiben vor mir stand“, schildert Meuser. Er sei sehr frustriert gewesen, hatte Angst vor der Abschiebung. Bafode ist Stürmer beim SSV Körrenzig.

Eine Abschiebung haben Helm, Abdou und Meuser schon miterlebt. Ein Transporter sei vorgefahren, und der abgelehnte Bewerber habe zu Helm gesagt: „Wenn ich in Indien zurück bin, bin ich tot.“ Dieses Erlebnis steckt auch Helm nicht einfach weg. Er muss oft daran denken und fragt sich mit Sorge, wie es ihm wohl ergangen ist.

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