Experten-Vortrag über den Ursprung der Angst vor den Osmanen in Europa

Von: ptj
Letzte Aktualisierung:
15699978.jpg
Nuran Tanriver spricht über das Osmanen-Bild in Europa. Foto: Jagodzinska

Jülich. „Die Osmanen – Furcht und Faszination in Europa“ war Thema des Referates der türkischstämmigen Islamwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin Nuran Tanriver in der VHS. Vor zwei Jahren hatte sie bereits in Jülich zum Thema „Mythos Harem“ referiert.

Der aktuelle Vortrag auf Einladung der VHS Jülicher Land in Zusammenarbeit mit dem Verein „Kultur ohne Grenzen“ führte von der Expansion des Osmanischen Reiches, verbunden mit „Türkenangst“ und „Dämonisierung der Türken“, über Minderheiten im osmanischen Reich bis hin zur „Sehnsucht nach dem Orient“.

Breiten Raum im Referat nahm das Byzantinische Reich ein, eine griechische Hochkultur christlich-orthodoxen Glaubens im römischen Staatswesen. Sie galt als „Maßstab für Kultur, Macht und Reichtum im Abendland“. Ihre Hauptstadt Konstantinopel war das erste Eroberungsziel, das vom Sultan als „Kizil Elma“ (Goldener Apfel) ausgerufen wurde. Mit der Eroberung Konstantinopels 1453 befand sich „Europa im Schockzustand“.

„Unbesiegbare Türken“

Als Gründe für den Fall Konstantinopels nannte Tanriver die Artillerie und die zahlenmäßige Überlegenheit der Osmanen und erfolglose Hilfsappelle von Kaiser Konstantin an Spanien, Ungarn, Venedig und Neapel, auch der Papst reagierte sehr spät. Nach der Eroberung Belgrads 1521, der ersten Belagerung Wiens 1529 und der Eroberung Budapests und des Großteils von Ungarn 1541 sprach man von den „unbesiegbaren Türken“.

In diesem Zusammenhang klärte die Referentin einige Begriffe: „Akinci“ sind irreguläre Truppen, die vor einem Eingriff plündernd und mordend in Gebiete einfielen. „Sipahi“ ist die Kavallerie der osmanischen Armee, die Yeniçeri (Janitscharen) sind geraubte Christenjungen aus dem Balkan, die islamisiert wurden und eine harte militärische Ausbildung durchliefen. Sie waren dem Sultan verpflichtet und „kämpften nach ihrer Umerziehung am liebsten gegen Christen“. Wichtig war auch Tanrivers Feststellung: „In der damaligen Zeit wurden alle Muslime als Türken bezeichnet“. „Kruzitürken“ (Kreuztürken) waren protestantische Ungarn, die an der Seite der „Türken“ kämpften, weil sie unter osmanischer Herrschaft in den Genuss von relativer Religionsfreiheit und Minderheitenrechten kamen.

Auch Luthers Werke „Wider die Türken“ fanden Erwähnung, verbunden mit der „Angst vor der Islamisierung des Abendlandes“. Die „Schlacht am Kahlenberg“ 1683, als Polens Panzerreiter Wien vor den Türken retteten, gilt als Wendepunkt für die Beziehungen zwischen dem Osmanischen Reich und Europa. Die große Angst löste sich zunächst auf in Spott, gefolgt von der „Versöhnung von Orient und Okzident in der Literatur“, wie Goethe es 1819 in seinem Gedicht „West-Östlicher Divan“ anschaulich beschrieb.

Im abschließenden Kapitel führte die „Türkophilie“ zur Verklärung. Während Porträts und Skulpturen zur Zeit der Türkenkriege Europas Macht und Überlegenheit darstellten, ließen sich nun große Europäer in orientalischer Kleidung porträtieren. Die letzten Bildbeispiele zeigten die Schönheit und Erotik der Aktmalerei in idealistischer Vorstellung. In punkto Lebensstil begann durch den Reiseführer Georg Kolschitzky der Siegeszug des Kaffees in Westeuropa.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert