Jülich - Experte Moormann: „AVR-Technik bleibt nicht beherrschbar”

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Experte Moormann: „AVR-Technik bleibt nicht beherrschbar”

Von: hfs.
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Dr. Rainer Moormann bleibt dabei: Die AVR-Technik, wie sie nun in Südafrika betrieben werden soll, ist nicht beherrschbar. Noch nicht. Foto: hfs.

Jülich. Der Störfall im AVR-Reaktor im Mai 1978 hätte zu einer Katastrophe ähnlich der im russischen Tschernobyl führen können. „Natürlich in viel geringerem Ausmaß, aber mit einer großen Kontamination der Umgebung.” Davon ist Dr. Rainer Moormann weiterhin überzeugt.

Erstmals äußerte sich der 59-jährige Wissenschaftler öffentlich über die nicht nur mediale Diskussion, die seine Studie über den Betrieb des damaligen Versuchsreaktors ausgelöst hat.

Moormann ist Wissenschaftler am Forschungszentrum Jülich. Seit 33 Jahren arbeitet er als Sicherheitsexperte. In dieser Funktion veröffentlichte er im Jahre 2008 mit Genehmigung seines Arbeitgebers ein Studie über die sicherheitstechnische Neubewertung des Betriebs des AVR-Kugelreaktors.

Seine Schlussfolgerungen für zukünftige Reaktoren erhitzen seit einigen Tagen die Gemüter, insbesondere bei Gegnern der Kernenergie. Warum Moormann den damaligen Störfall erst viele Jahre später in einer Studie aufgreift, die weltweite Beachtung, ihm aber auch viele Anfeindungen einbrachte, darüber äußert er sich nun erstmals.

„Im Jahre 2006 habe ich zufällig Daten bekommen, die belegen, dass unser Kugelhaufenreaktor eine um den Faktor 1000 größere Menge an Strontium im Kühlkreislauf hatte als ein gleicher Reaktortyp in den USA.” Von einem amerikanischen Kollegen, der fünf Jahre lang ebenfalls im AVR-Reaktor arbeitete, kam dann der Tipp, dass dies mit den hohen Temperaturen zusammenhängen könnte.

„Unsere damaligen Größenordnungen über Vorausrechnungen hatten maximal eine Temperatur von 1100 Grad vorgegeben”, sagt Moormann rückblickend. Und diese waren zum Zeitpunkt des Störfalls mindestens um 200 Grad überschritten. „Das Sicherheitssystem hat am besagten Tag festgestellt, dass eine zu hohe Feuchtigkeit im Reaktor herrscht. Der Reaktor hat sich automatisch abgeschaltet.”

Ursache der zu hohen Feuchtigkeit war ein wenige Millimeter großes Loch im Dampferzeuger. Wasserdampf kam somit mit dem Kohlenstoff der Graphitkugeln in Verbindung. „Die Menge an Wasser war zu gering, es trat über einen Zeitraum von knapp drei Wochen aus”, beruft sich Moormann auf das Störprotokoll, das auch der Öffentlichkeit bekannt wurde.

Errechnet wurde damals, dass rund 25 Kubikmeter Wasser durch das defekte Rohr abgelassen wurden. Damalige Experten räumten ein, dass ein plötzlicher Austritt dieser Wassermenge eine explosionsartige Reaktion hätten auslösen können. Aber das sei bei einer Temperatur von rund 500 Grad nicht möglich, hieß es im Jahre 1978.

Verschwiegen wurde allerdings, dass der Reaktor nach seiner automatischen Abschaltung wieder per Handbetrieb angefahren wurde. „Aber dann erlaubt es die Technik nicht, dass Temperaturen über diesen Bereich zustande kommen”, widerspricht der Sicherheitsexperte Moormann.

Der geht weiterhin davon aus, dass der Reaktor über einen längeren Zeitraum mit zu hoher Temperatur gefahren wurde. „Das ist erst ein Jahr vor der Stilllegung bemerkt worden, da ein Kugelhaufenkern bisher nicht messbar ist.”

Durch die zu hohen Temperaturen, so nimmt er an, kam es auch zum Leck im Kühlkreislauf. Sicher sind sich mit Moormann einige Fachleute auch, dass Temperaturen jenseits von 1100 Grad dazu führen, dass die Kontamination im Kühlkreislauf ansteigt und viel mehr Spaltprodukte, wie zum Beispiel Strontium, abgegeben werden.

Das befindet sich nun im Reaktorbehälter, der für unbestimmte Zeit zwischengelagert wird. „Will man den mit Beton gefüllten Behälter später zerschneiden, geschieht dies gefahrlos erst in rund 300 Jahren. Denn dann strahlen Strontium und Caesium nicht mehr.”

Dass der AVR nun komplett abgerissen werden muss, um an dass hochverseuchte Erdreich unter dem Reaktorgebäude zu gelangen, ist einer Panne zuzuführen. Denn nach dem damaligen Störfall wurde das ausgetretene Wasser abgepumpt, beim Umfüllen in Behälter versickerten rund 300 Liter „Strontium-Wasser” durch eine Betonfuge in den Boden.

Und dieses Wasser lässt nun, so Rainer Moormann, die Entsorgungskosten explodieren. „Aber ich betone, dass die jetzt vorgenommene Entsorgungsmethode des AVR die beste und technisch einwandfreieste Lösung ist.”
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