Erinnerungen an die Kriegszeit aufgeschrieben

Von: Antonius Wolters
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Seine Erinnerungen an die Kriegs- und Nachkriegszeit hat Helmut Wieland aufgeschrieben. Foto: Wolters

Inden/Altdorf. Helmut Wieland aus Inden/Altdorf zählt sich zu den typischen Rheinländern, denn er ist äußerst mitteilsam oder gar geschwätzig. Unmittelbar vor meinem Eintritt in den Ruhestand unternahm er mit meinem Sohn, der gerade sein Studium begonnen hatte, einen Spaziergang und erzählte – wieder einmal – von meinen Kindheitserlebnissen in der Kriegs- und Nachkriegszeit und kam dabei – wieder einmal – vom Hölzchen aufs Stöckchen.

Zudem sprach er über meine Sorge, wie er wohl die „drohende“ Freizeit vernünftig ausfüllen könnte. „Schreib ein Buch“, empfahl ihm Sohnemann Björn. Einige Jahre später blätterte der Pensionär in einem alten Fotoalbum, als ihm der Vorschlag wieder einfiel.

Helmut Wielands Mutter wurde 92 Jahre alt. Sie starb wenige Wochen vor ihrem 93. Geburtstag und 37 Jahre nach meinem Vater. Körperlich war sie stets bei leidlicher Gesundheit gewesen, ihr Herzschrittmacher hatte zuverlässig funktioniert. Ihr geistiges Befinden jedoch hatte in den letzten Jahren mit ihrem körperlichen Befinden nicht mehr Schritt halten können und immer häufiger zeigten sich die Folgen einer fortschreitenden Altersdemenz, in ihrem Gedächtnis machten sich Lücken zunehmend bemerkbar.

Wielands Bruder, ein überzeugter Single, war das letzte bei ihr verbliebene Mitglied der einst siebenköpfigen Familie. Er hatte schrittweise die Haushaltsführung übernommen und die Mutter in ihren letzten Jahren versorgt und umsorgt. Ab und zu besuchte Helmut sie und stöberte dann manches Mal in den wenigen wirklich alten Sachen, die sie ihr Leben lang aufbewahrt hatte. Mit einigen dieser abgegriffenen Schätze verbanden ihn Erinnerungen an seine Kindheit.

Beim Stöbern in ihrem Sammelsurium fiel ihm ein Fotoalbum in die Hände, das sein Vater, der ein geschickter Handwerker gewesen war, in den ersten Nachkriegsjahren aus Pappe und Tapete für die Buchdeckel, einem Stoffstreifen für den Buchrücken und dünnen Kartonblättern, um darauf die Fotos zu kleben, akkurat und liebevoll gefertigt hatte. Wieland schlug es auf und sein Blick fiel auf kleine Schwarz-Weiß-Fotos, leicht verblasst und mit gerade geschnittenem Rand.

Sie zeigten Landschaften, eingerahmt von Waldrändern, deren Bäume sich vom Horizont seitlich bis in den Vordergrund reihten, und ein kleines Haus aus rohem Mauerwerk, in dessen Giebelwand nur zwei Fenster eingelassen waren, eines im Erdgeschoss und ein kleines für den Dachboden. In seiner Längswand hatten das etwas größere Fenster der Wohnküche und die Haustüre gerade noch Platz.

Das war das Behelfsheim, in dem Familie Wieland in der Evakuierung nahe Coburg während der letzten sechs Kriegsmonate und anschließend drei weitere Monate wohnten, die Mutter, seine dreijährige Schwester Christel und Helmut, damals fünf Jahre alt.

„Wir schliefen ungestört und tief und fest in dem kleinen Haus. Die Matratzen unserer Betten waren aus brauner Jute genäht, mit einem groben Karomuster aus roten und blauen Streifen bedruckt und mit Stroh gefüllt“, erinnert sich der Buchautor. Vor allem aber: „Nachts heulten keine Sirenen, um herannahende alliierte Bomberverbände anzukündigen und uns in einen in der Nähe liegenden Luftschutzkeller zu jagen, so wie wir das zuhause gewohnt waren.“

Denn zuvor, als die Familie im Raum Köln-Bonn wohnte, war es (fast) jede Nacht das gleiche Ritual: „Meine Mutter legte uns abends angekleidet schlafen und auch sie war entsprechend vorbereitet, bei Fliegeralarm mit wenigen Handgriffen angezogen. Es lief immer das gleiche Verfahren ab: Fliegeralarm – Kinder wecken – Christel auf den einen Arm heben, an dem noch eine Tasche mit den wichtigsten Papieren hing– mich mit der anderen Hand fassen – Haus abschließen und mit hastenden Schritten in den Luftschutzkeller eilen“, erinnert sich Wieland. Sein Vater konnte der Familie damals nicht beistehen, denn er lag in einem Lazarett.

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