Rödingen/Vettweiß - Einzigartiges Relikt aus Synagoge

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Einzigartiges Relikt aus Synagoge

Von: ptj
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Das Referat über die Menora aus der Synagoge Vettweiß fand viele Zuhörer. Foto: ptj
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Das Objekt der Recherche: Die Menora aus der Synagoge Vettweiß. Foto: ptj

Rödingen/Vettweiß. Bis auf den letzten Stehplatz gefüllt war die 58 Quadratmeter große, ehemalige Landsynagoge in Rödingen, wo Historikerin und Judaistin Dr. Ursula Reuter über „die Menora aus der Synagoge in Vettweiß“ referierte. Viele Vettweißer hatten aus diesem Grund den Weg ins LVR-Kulturhaus gefunden. Der Landschaftsverband Rheinland hat es sich als Eigentümer zur Aufgabe gemacht, „immer mal wieder Forschungsaufträge für einzelne Ausstellungsstücke zu vergeben“, führte die LVR-Judaistin Monika Grübel ins Thema ein.

Vieldeutig und vielschichtige Einblicke in die jüdische und deutsche Geschichte seien das Ergebnis. Das zentrale Exponat in der Ausstellung ist etwas ganz Besonderes: „Ich bin bei meinen Recherchen auf keinen ähnlichen Leuchter gestoßen“, betonte die Referentin Reuter. Vermutlich habe ein Handwerker aus der Region ihn gefertigt, die Frage bleibt, in wessen Auftrag das geschehen ist.

Der siebenarmige Leuchter „Menora“, Teil des israelischen Staatswappens, wird im Alten Testament in Exodus, Kapitel 25, „kunsthistorisch beschrieben“. Dementsprechend fertigte das Volk Israel das Kultgerät für seinen Tempeldienst im Stiftszelt in der Wüste und später im Tempel in Jerusalem an. Nach der Tempelzerstörung 70 n. Chr. durch Titus dient sie heute symbolischen Zwecken. Stattdessen wird heute die achtarmige „Chanukkija“ entzündet – nach dem „Ölwunder von Jerusalem“, in dem ein kleines Fläschchen koscheres Öl die Flammen acht Tage lang speisten.

Die 1890 erbaute Landsynagoge in Vettweiß war bis zu den Pogromen im November 1938 „eine aktive jüdische Gemeinde, und die Menora stand an ihrem angestammten Platz“, so Reuter. Seit wann sie dort stand und wer ihr Stifter war, bleibt hingegen im Dunkeln.

Von der Synagoge, einem 8,60 Meter langen, 6 Meter breiten und 6 Meter hohem Gebäude plus drei bis vier Meter hohem Satteldach, existiere nur eine Zeichnung der straßenseitigen Fassade.

Der mutmaßliche Erbauer hieß Naftali Bruch. Das Verhältnis der „sehr liberal eingestellten“ jüdische Gemeinde in Vettweiß zur konservativ eingestellten Geschwistergemeinde in Düren sei „nicht spannungsfrei“ gewesen. In den frühen Morgenstunden des 10. November 1938 sei die Synagoge wegen der Gefahr für die nebenstehenden Gebäude nicht in Brand gesteckt, „aber gezielt attackiert und im Inneren zerstört worden“.

Rädelsführer soll nach diversen Zeugenaussagen der NSDAP-Ortsgruppenleiter und Molkereidirektor Josef Dohmen gewesen sein. Er habe auch den Befehl gegeben, im Vorfeld ausgesuchte Bänke, Möbel, Tücher und Bücher auf einen Wagen zu verladen, der in seine Molkerei gefahren wurde. 1949 wurden im dortigen Keller auch vier Torarollen gefunden, was eine Strafanzeige gegen Dohmen zur Folge hatte. Er habe sich allerdings geschickt herauszuwinden gewusst und sei freigesprochen worden. Die Menora landete in der Scheune des der Synagoge gegenüber wohnenden Landwirts Bernhard Weber, dem es „offensichtlich widerstrebte, etwas Wertvolles zu zerstören“.

Einige Jahre später gelangte sie in den Besitz des Landarztes Dr. August Bender, der von 1949 bis 1988 als Hausarzt im Nachbarort Kelz praktizierte und zuvor Lagerarzt im KZ Buchenwald und Militärarzt in der 3. SS-Division „Totenkopf“ war. Benders Sohn Walter verriet der Referentin auf Anfrage, er sei Mitte der 1960er Jahre auf Bitten seines Vaters zu einem alten Mann nach Vettweiß gefahren, wohl einem Patienten seines Vaters, nämlich Landwirt Weber, um die auf dessen Speicher befindliche Menora abzuholen.

Bender ließ sie restaurieren und platzierte sie auf einem Treppenabsatz in seinem Hause. Nach Bekunden von Benders Sohn wurde sie „als Sammlerstück gezeigt“, aber „über ihre Geschichte wurde nicht gesprochen“. Obwohl der ehemalige KZ-Arzt nach Bekunden Reuters nicht über „sein verbrecherisches Mittun reflektierte“, lag ihm anscheinend am Ende seines Lebens am Herzen, dass die Menora „in gute Hände“ kommen sollte.

Die Judaistin hatte ihren Vortrag mit „Heimatmuseen als Volksbildungsanstalten“ begonnen. In diesem Zusammenhang dokumentierte sie auch eine Heimatschau 1925 mit eigener „jüdischer Abteilung“ im Jülicher Rathaus – mit Objekten aus Rödingen. Ferner verfolgte Reuter die Geschichte des Vettweißer Synagogengrundstücks nach 1938, die Entwicklung der Landjuden und ihre Verfolgung in der NS-Zeit, gespickt mit Einzelschicksalen.

Die vielen Gäste bombadierten Grübel und Reuter mit vielen Fragen über die jüdische Geschichte ihrer eigenen Herkunftsorte. Forschungsbedarf herrscht offensichtlich vor allem in der Geschichte Bedburgs.

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