Eine virtuelle Flucht aus dem Kongo

Von: DANIELA MARTINAK
Letzte Aktualisierung:
4575263.jpg
Andrea Fischer (l.) erklärt den beiden Schülern Katrin Frechen und Tim Höhnen, was in den nächsten fünf Räumen auf sie zukommt. In der Hand halten sie bereits ihre neue Identität in Form einer Karte. Foto: Martinak
4575273.jpg
Tim Höhnen hat sich in Raum 5 die Kopfhörer aufgesetzt und lauscht gespannt der Geschichte über die Flüchtlingslager.

Barmen. Tim Höhnen schaut seine Mitschülerin Katrin Frechen verunsichert an. Keiner von beiden weiß im ersten Moment, wie er mit der Situation umgehen soll. Plötzlich sind die 14-Jährigen nämlich nicht mehr Katrin und Tim sondern Falon und Ntumba. Sie wohnen nicht mehr in Jülich, sondern in der Demokratischen Republik Kongo.

Tim und Katrin erleben gerade eine Führung durch den Missio-Truck. Diesen hat ihre Klassenlehrerin Christa Lowis für einen Tag zum Haus Overbach bestellt – und dort wird ihnen gleich zu Beginn eine neue Identität verpasst. „So können sie sich viel intensiver in die Menschen dort hineinversetzen“, erklärt Lisa-Marie Schulz, die hauptamtliche Mitarbeiterin des Trucks. Sie begleitet die Schüler durch insgesamt sechs Räume.

Während im ersten Raum, genannt „Der Markt“, eine kleine Einführung stattfindet und die Teilnehmer sich ein wenig mit der anderen Identität vertraut machen können, befinden sich Katrin alias Falon und Tim alias Ntumba nur wenige Augenblicke später auf der Flucht. „Es ist komisch, plötzlich ein 22-jähriger Markthändler zu sein und davon zu träumen, bald in den Coltan-Minen zu arbeiten und mehr Geld zu verdienen“, gibt Tim zu.

Auch Katrin muss sich daran gewöhnen, nun eine 18-jährige Verkäuferin zu sein, die auf dem Markt Prepaid–Handys verkauft. Für Falons Wunsch, später Lehrerin zu werden, muss sie noch viel Geld verdienen. So steht es auf den Identitätskarten, die die beiden Neuntklässler erhalten haben. „Die Schüler erleben im Körper eines Flüchtlings eine Flucht. Dabei kommt es nicht nur darauf an, sich darauf einzulassen, sondern auch zu überlegen, wie eine solche Flucht gelingen könnte“, wendet sich Andrea Fischer, die elf Monate im Jahr mit dem Truck unterwegs ist, an Tim und Katrin und weiter: „Ab jetzt seid ihr Falon und Ntumba, viel Glück.“

In Raum zwei, der Kirche, erfahren die zu Afrikanern gewordenen Jugendlichen, dass das Dorf, in dem sie leben, angegriffen wird und sie fliehen müssen. Sie sollen entscheiden, was sie mit auf die Flucht nehmen. Zur Auswahl: Zahnbürste, Pass, Zeugnis, Wasser, MP-3-Player, Adressbuch. Erst zwei Räume weiter wird ihnen bewusst, was tatsächlich für die Flucht wichtig gewesen wäre. Ohne Zeugnis keine Arbeit, ohne Pass keine Hoffnung auf Asyl, ohne Adressbuch keine Chance, Freunde und Verwandte aus der Heimat zu kontaktieren. Zuvor haben sie auf einer Lkw-Fahrt vom netten Fahrer, der sie aufgesammelt hat, erfahren, dass zahlreiche Freunde und Verwandte umgekommen sind.

Wieder ein Zimmer weiter setzen sich die Missio-Truck-Erkunder Kopfhörer auf und lauschen der Geschichte über Flüchtlingslager. Wo es welche gibt, wie sie aufgebaut werden und was die Flüchtlinge erwartet. Noch ein Zimmer weiter werden aus Falon und Ntumba wieder Katrin und Tim.

Aufgrund von Technik-Problemen hat an diesem Tag nur eine Klasse Gelegenheit, die virtuelle Flucht aus dem Kongo mitzuerleben. Auch Tim und Katrin haben nur dank Lisa-Marie Schulz an einer exklusiven Führung teilnehmen können. „Hier läuft so gut wie alles über Kurzfilme und Tonbänder, sogar die Identitätskarten müssen an Scanner gehalten werden“, klärt die Mitarbeiterin auf.

Aber den Schülern des Gymnasiums Haus Overbach reicht die Erklärung ihrer Mitschüler aus. Wie gebannt hängen sie auch an den Lippen der beiden Studenten Karolina Erlich und Felix Schmitz, die den Truck zwei Wochen begleiten und sich ein Improvisationsprogramm ausgedacht haben, um die Schüler mit der Situation im Kongo vertraut zu machen. So wird ein Film über die „Coltan-Problematik“ im Kongo angesehen. „Die Jugendlichen im Kongo bauen Coltan ab, das zur Herstellung von Handys benötigt wird. Das Handy ist wie eine Brücke für die Schüler“, sagen die Truck-Mitarbeiter.

Und Tim und Katrin? Sie haben einiges zu verarbeiten. Ein wenig werden die Jugendlichen wohl brauchen, um die Rolle von Falon und Ntumba verlassen zu können.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert