Krauthausen - Eine private Tour de France: In drei Tagen von Krauthausen nach Paris

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Eine private Tour de France: In drei Tagen von Krauthausen nach Paris

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Eckhard Siegert am Arc de Triomph, dem Ziel seiner persönlichen Tour de France. Foto: Siegert

Krauthausen. Eckhard Siegert aus Krauthausen ist bekannt für seine Langstreckentouren mit dem Rennrad. Diesmal war Paris das Ziel des 75-Jährigen. Hier sein Bericht „‚Hinter den Kulissen von Paris“.

Ein Schlager von Mireille Mathieu aus dem Jahr 1969 beschreibt die französische Hauptstadt Paris als romantischen Sehnsuchtsort. Doch diesen mit dem Rennrad zu erreichen, ist ohne Zweifel nicht unbedingt das einfachste Verkehrsmittel.

Dies um so mehr, als die Stadt mit mehr als 2,2 Millionen Einwohnern die fünftgrößte Stadt der Europäischen Union sowie mit über 12,4 Millionen Menschen nach London die zweitgrößte Metropolregion der EU ist. Aber wer es geschafft hat, hat in der Tat aus eigener Erfahrung optisch und gedanklich hinter die Kulissen geschaut.

523 Kilometer in drei Tagen erfordern trotz der über 40 Jahre Radsporterfahrung mit dem ebenso alten Peugeot-Rennrad, äußerste körperliche und mentale Konzentration. Zum 75. Geburtstag von Krauthausen nach Paris, so stand es auf der am Rad befestigten Rahmenplatte, und jetzt im Juni 2018 sollte der alte Traum mit einem einmal in Frankreich erworbenen Original gelben Trikot bis spätestens zum Ende der 105. Tour am 29. Juli des nun 75-jährigen Seniors aus Krauthausen erfüllt werden.

Egal welches Wetter, Allein mit sich Selbst und der Natur, Minigepäck, gute Vorbereitung und Durchhalten, das sind die ausschlaggebenden Schlagworte. Und so wird schon einmal der erste Tag von Krauthausen über unser noch heimatliches Schevenhütte, Kornelimünster, Aachen-Oberforstbach, weiter durch das wallonische, quirlige Lüttich, am umstrittenen Kernkraftwerk Tihange vorbei nach Namur zurückgelegt. Schließlich noch durch das malerische Dinant mit seiner gewaltigen Zitadelle, bis weit hinter die Grenze Frankreichs nach Revin an der Maas und dem Canal de la Meuse mit guten 200 Kilometern. Vorgebuchte Unterkünfte und ein Vier-Gänge-Menü a la France lassen am Abend kein Risiko aufkommen und nichts anbrennen.

Am nächsten Tag: Das Departement Ardenne im leichtem Nieselregen verheißt nichts Gutes, denn unterbrochen geht es auf und ab, der für die klassifizierten D-Straßen übliche Rollsplit zerrt ununterbrochen an den Reifen, und der kaum Abstand haltende Schwertransport verhilft zu verheerenden Ängsten. Ein buntes Tüpfelchen in dieser Gruselfahrt ist jedoch Reims, denn in der historischen Region Champagne-Ardenne, im Nordosten des Landes, gilt sie als inoffizielle Hauptstadt der Weinbauregion Champagne. Die imposante Kathedrale Notre-Dame von Reims, in der mehr als 1000 Jahre lang die französischen Könige gekrönt wurden, haut einen fast vom Sattel. Doch halt – sitzen bleiben, denn das durfte im Prinzip erst nach 180 Kilometern in der malerischen Kleinstadt Dormans im Departement Marne zur nächsten Übernachtung passieren.

Trotz Nebels verheißt der Ankunftstag in Paris ein schöner zu werden, wenn die höherliegende Straße an der Marne nicht jede Steigung mitmachen würde, und so ist recht schnell das französische Petit-Dejeuner (Kleines Frühstück), übrigens das größte Problem der morgendlichen Langstreckenfahrer durch Frankreich, verrauscht. Doch bald lassen die Steigungen nach und der stundenlange erbarmungslose Großstadtkampf mit den anderen kraftstrotzenden Kfz-Benutzern der Autobahnen und vierspurigen Nationalstraßen hinter die Kulissen beginnt, und selbts der Geübteste weiß, auch wenn man Recht hat, kann man baden gehen, und das für ewige Zeiten!

Nur eine gute Karte, der siebte Sinn für Himmelsrichtungen und darüber hinaus Nerven wie Drahtseile lassen den Radveteran von der Rur den äußeren und den inneren Autobahnring über Meaux an der Marne am Canal de l’Ourcq, rund 40 Kilometer östlich von Paris, erreichen. Jetzt heißt es, rücksichtslos wie ein Auto, aber hin und wieder zum Überleben klein beigeben, zum Place de la Bastille und Place de la Concorde über die mehrspurigen Straßen zu pedalieren. Spätestens auf der 2,5 Kilometer langen kopfsteinpflasterartigen Avenue des Champs Elysees beginnt die Triumphfahrt zum Arc de Triomphe. Keiner jubelt, klatscht und keiner schreit. In Bescheidenheit und unglaublicher Freude, mit nassem Rücken, denn es ist geschafft, ist das erste Ziel mit dem Zielbereich der Tour de France für den einsamen Krauthausener in seinem gelben Trikot erreicht.

Lebensgefährlich

Die Runde um den sechsspurigen Arce de Triomphe erscheint lebensgefährlich, aber die Übung macht dem Meister und schließlich wird nach weiteren nervigen drei Kilometern der Eifelturm, das Wahrzeichen der Stadt, auch erreicht. Mehr kann man hier nicht tun und sogleich beginnen die letzten acht Kilomter nach Montmartre unweit der Basilique Sacre Coeur und dem vorgebuchtem Hotel für zwei Nächte. Die mit der Post vorausgeschickte Radtasche, welch ein Glück, ist auch bereits angekommen, denn für die Heimreise mit dem Thalys, zwei Tage später, muss das Rad demontiert und darf kein Rad mehr sein.

Noch ist kein Ende, und die Anreise mit dem Rad war das Aufbautraining für die beiden übrigen Besichtigungstage mit Hilfe der U-Bahn und Tickets im Zehnerpack von der Basilika Sacrè Coeur, zum und auf den geschichtsträchtigen Arc de Triomphe mit seiner Traumaussicht und dem Grabmal des Unbekannten Soldaten. Ebenso auf den nicht minder interessanten 300 m hohe Eiffelturm, dem Wahrzeichen der Stadt, Hotel Invalides mit Napoleons Grab und auf der ILe de la Citè, die ehrwürdigen Kathedrale Notre Dame von innen und bis zu den riesigen, ehrwürdigen Glocken in 70 m Höhe.

Der Tag geht schnell zur Neige, und so bleibt für den folgenden Abreisetag noch Zeit für die beiden größten Friedhöfe der Metropole an der Seine – Cimetière Père-Lachaise und Montmartre. Nur mit Spürsinn aus der Pfadfinderzeit findet der Geübte nun die berühmten Persönlichkeiten hinter den Kulissen von Paris, die er zu Lebzeiten nie gesehen hat, wie z.B. Edith Piaf, Yves Montand, Chopin, Jim Morrison Moustaki, Oscar Wild, den Diktator Trjillo, Dalida, France Gall, Heinrich Heine, Jacques Offenbach oder Andre Marie Ampere, nur um einige zu nennen.

Keine Hand ist zu viel für alle Utensilien und die 900 Meter Fußweg vom Hotel zum hektischem Gare du Nord am späten Nachmittag, um den Thalys zu erreichen. Das Fazit der so genannten Tor-Tour heißt: Es war nicht die längste Radfernfahrt, aber sicherlich kurz und herzhaft, durch gefährlichsten Großstadtverkehr, der fehlenden Radwege und schlechtem Straßenbelag, eine der Anspruchs- und Eindrucksvollsten mit dem Blick hinter die Kulissen von Paris.“

 

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