Einblicke in das Lebenswerk des jüdischen Pazifisten Albert Kahn

Von: ptj
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In Titz aufgewachsen: Wiebke Siever referiert als wissenschaftliche Volontärin des LVR-Landesmuseums Bonn in Rödingen über den jüdischen Friedens-Utopisten und Pionier der Farbfotografie, Albert Kahn. Foto: Jagodzinska

Rödingen. Über den jüdischen Pazifisten Albert Kahn (1860 bis 1940) referierte die in Titz aufgewachsene Wiebke Siever im LVR-Kulturhaus Landsynagoge. Sie ist wissenschaftliche Volontärin im LVR-Landesmuseum in Bonn und Projektleiterin der dortigen Ausstellung „1914 – Welt in Farbe. Farbfotografie vor dem Krieg“.

Weil sich der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum 100. Mal jährt, initiierte der LVR ein großes Verbundprojekt mit einem Kongress, Ausstellungen, Exkursionen, Eventprogrammen und Forschungsprojekten, woran sich erstmals alle Museen und Kulturdienste beteiligen. Das Landesmuseum in Bonn hat sich dabei auf „die Vielfalt konzentriert, bevor alles kippt“, wie Siever es ausdrückte.

Kahns „sehr elitäre Geschichte“ ist äußerst ungewöhnlich. Als Sohn eines jüdischen Viehhändlers im Elsass zog er 16-jährig nach Paris und finanzierte als Bankangestellter sein Studium. Dann wurde er Teilhaber eines bedeutenden Bankhauses, Direktor einer eigenen Bank und Milliardär. Weil er glaubte, „das Wissen über andere Kulturen würde Konflikte vermeiden“, gründete er 1909 „Les archives de la planète“ (Die Archive des Planeten).

Der jüdische Pazifist reiste durch die Welt, ließ aber auch Fotografen durch Europa, Asien, Amerika und Afrika touren. Im Verlauf von zwei Jahrzehnten wurden so 72.000 Farbfotos und etwa 100 Stunden Film zusammengetragen. Zum Fotografenteam zählten unter anderem Stéphane Passet, Auguste Léon oder Léon Busy.

Die Fotos wurde im „sehr modern erscheinenden“, aber mit „einem Riesenaufwand“ hergestellten Autochromverfahren in Form eines Diapositivs gefertigt, das 1904 von den Brüdern „Lumière“ (Licht) entwickelt worden war. Der Name passt hervorragend, weil das wegen der Dichte der Filter wenig empfindliche Filmmaterial nur Bilder in strahlendem Sonnenlicht und in relativ starren Posen ermöglichte. Entsprechend lang war die Belichtungszeit.

Bis 1913 „bestand die Autochrom-Farbrasterplatte aus Kartoffelstärke und Ruß“. Grundlage war eine Glasplatte, die einseitig mit einer dünnen, transparenten Klebeschicht überzogen war.

Von Angesicht zu Angesicht

Im Projekt Kahns werden Menschen von Angesicht zu Angesicht abgebildet, wie zwei junge Frauen 1909 in traditioneller jüdischer Kleidung in Tunis, fotografiert von Jules Gervais-Courtellemont. Das Bild „ist farblich konzentriert und fokussiert den Blick auf die Kleidung“, aber auch auf „die Faszination von Fayencen“, eine französische Bezeichnung für kunsthandwerklich hergestellte Keramik. Damit ist ein Bezug zu Kahns französischer Heimat erkennbar.

Kahns Hauptthema ist die Auseinandersetzung der Kulturen mit der physischen Umwelt, wie in „Zwei Frauen aus einem (marokkanischen) Dorf“ von 1913 von Passet. Unverschleiert trotzen sie vor kargem Hintergrund Sonnenglut und Sandstürmen.

Um Macht und Territorien geht es in Léons Aufnahme der friedlich wirkenden Brücke bei Mostar in Bosnien-Herzegowina über einen reißenden Fluss aus 1913. Als Hauptgrund der Kämpfe ist mittig im Bildhintergrund eine Moschee abgebildet.

Kahns Stärke ist die Präsentation materieller Kultur, wie Léon sie in seiner „Ikone“ aus 1914 ausdrückt. Zu sehen ist der Eiffelturm mit Durchblick auf den 1937 wieder abgerissenen Ausstellungspalast „Le Trocadero“ im neomaurischen und neobyzantinischen Baustil. Will heißen: „Kulturen nehmen Elemente anderer Kulturen auf. Weil sie einander aber selten auf Augenhöhe begegnen, duckt er sich unter dem mächtigen Eiffelturm“.

Ein wenig bedauerlich ist die Tatsache, dass das faszinierende Bildmaterial damals nur in einem „sehr kleinen elitären Zirkel“ angeschaut wurde und erst heute öffentlich zugänglich ist. Umso mehr lohnt sich die Ausstellung in Bonn, die noch bis zum 23. März zu sehen ist.

Albert Kahn starb nach der deutschen Besatzung Frankreichs völlig verarmt. An den Friedens-Utopisten und Pionier der Farbfotografie erinnert aber noch heute der Albert-Kahn-Garten mit Museum in Boulogne-Billancourt/Paris.

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