Die Schreiberei gibt ihm Halt

Von: Saskia Zimmer
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Der 89-jährige Lyriker Hans Vogt im Schreibzimmer seines Jülicher Reihenhauses. Foto: Zimmer

Jülich. Hans Vogt hat schon aus Büchern vorgetragen, bevor er überhaupt lesen konnte. Wenn seine Mutter, Franziska Vogt, an dem schweren, hölzernen Küchentisch saß, über ihr eine kleine, schwach leuchtende Lampe, vor ihr die alte, klapprige Nähmaschine und daneben ein Kinderbuch, dann klebten die Blicke des kleinen Hans an den Lippen seiner Mutter, die ihm Geschichten voller Spannung und Abenteuer erzählten.

Wenn ihm das Nähen zu viel, das Vorlesen zu wenig wurde, griff Hans selbst zum Buch, hielt es verkehrt herum vor seine Nase und beendete die angefangene Geschichte mit dem, was seine Phantasie hergab. Im tack-tack-tack der Nähmaschine machte Hans Vogt auf diese Weise erste Erfahrungen mit dem Erzählen und Erfinden von Geschichten.

Viele Jahre liegen mittlerweile zwischen diesen ersten Berührungen mit Literatur im dörflichen Boslar (Linnich) und der Sammlung unzähliger Gedichte und Kurzgeschichten, über denen inzwischen sein Name geschrieben steht. Für 14 seiner Gedichte wurde Vogt, heute 89 Jahre alt, mit dem so genannten Nahbell-Preis ausgezeichnet, einem Literaturpreis für deutschsprachige zeitgenössische Lyrik. Diesen verleiht das Berliner G&GN-Institut als eine Art alternativen Nobelpreis seit zehn Jahren an lebende Dichter (siehe auch „Nachgefragt”).

Warum und wofür Vogt diesen Preis verliehen bekommen hat, weiß er eigentlich selbst nicht so genau. „Aber âNahbell-PreisÔ, das klingt doch ganz gut, oder?”, sagt er, lacht und zeigt dabei dieses schelmische Grinsen, das immer wieder unter seinem fast weißen Schnurrbart hervor huscht. Ende September, pünktlich zu Vogts 90. Geburtstag, werden die 14 ausgezeichneten Gedichte im Verlag des G&GN-Instituts veröffentlicht. Unter dem Titel „Das Flugzeug über mir weckt keine Sehnsucht” können sie ab Oktober direkt bei G&GN Berlin für fünf Euro bestellt werden; per E-Mail an ggn-institut@web.de.

Die Originalmanuskripte liegen ordentlich sortiert in Ordnern, Heftern und Klarsichthüllen zwischen all den anderen Gedichten und Erzählungen, die Vogt seit seiner Jugend zu Papier gebracht hat. Darunter befinden sich auch die Manuskripte zu seinem zweiten Roman, an dem er zurzeit schreibt. „Annäherung an die Wirklichkeit” soll er heißen.

Wenn es ihm in den Fingern juckt, zieht er sich in das kleine Arbeitszimmer seines Jülicher Reihenhauses zurück, in dem er seit 44 Jahren mit seiner Frau lebt. Das Schreiben helfe ihm dabei, die Probleme des Lebens zu klären und die Welt zu verstehen. So schreibt er in erster Linie für sich selbst. Sobald er die Schwelle zu seinem kleinen „Schreibzimmer” überschritten hat, tritt er ein in eine ganz andere Welt. Alltagsprobleme, körperliche Gebrechen lässt er hinter sich. „Dass ich das kann, darum beneiden mich einige”, sagt er. Das Glück über diese Fähigkeit lässt ihn dabei verlegen schmunzeln.

Seine Erzählungen handeln von allem, was das Leben so zu bieten hat. Einen thematischen Schwerpunkt gibt es nicht. Viele Ideen sammelte er auf den Reisen, die er früher mit seiner Frau unternahm. Der Reichtum eigener Erlebnisse motiviert ihn immer wieder zum Schreiben. Und zum Erzählen, vor allem aus seiner Kindheit.

Auf die Vorlesestunden mit seiner Mutter folgte die Zeit als Jugendlicher, in der er „jedes Buch verschlang, was ich in die Finger bekam”. Vor allem die großen Denker hatten es ihm angetan. Später war ihm auch der Schriftsteller Heinrich Böll ein Vorbild. Dem Nobelpreisträger hat Vogts Frau vor vielen Jahren sogar einige Kurzgeschichten ihres Mannes zukommen lassen.

Ermunterung von Heinrich Böll

Die prompte Antwort Bölls: Vogt solle trotz aller Widrigkeiten nicht aufhören zu schreiben und vor allem seine Werke veröffentlichen. „Irgendwie schienen ihm meine Sachen wohl gefallen zu haben”, sagt er schmunzelnd. Den eingerahmten Brief Bölls hält er voller Achtung und ein wenig Stolz vorsichtig in seinen großen Händen.

Ganz besonders angetan aber haben es ihm immer schon die Gedichte von Nietzsche. „Wenn ich die lese, dann geht mir auch heute noch das Herz auf”, sagt Vogt, atmet tief durch und streicht sich durch sein schlohweißes Haar. Der Gedanke an Nietzsches Gedichte weckt Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend. Und wenn sich Hans Vogt daran erinnert, dann leuchten die wachen, blauen Augen des großen Mannes noch mehr, als sie es ohnehin schon tun. Eben so wie die Augen eines aufgeweckten, gewitzten Jungen, der aus Büchern vorliest, bevor er überhaupt lesen kann.
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