Die K.o.-Tropfen sind schnell im Glas

Von: Nicola Gottfroh
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So auffällig wie auf diesem Foto sind die Täter in der Regel nicht. K.o.-Tropfen sind schnell und unbemerkt im Glas. Foto: Imago

Jülicher Land. Kathrin redet nicht gerne über ihre Geschichte. Sie will nicht einmal ihren richtigen Namen nennen. Zu groß ist die Scham. Auch jetzt noch, zwei Jahre nach der schlimmsten Nacht ihres Lebens. Dabei hatte diese so schön angefangen.

Es war in der heißen Phase, kurz vor ihrem Abitur. Ein ganz normaler Samstag. „Wir wollten einfach in der Disko tanzen, Spaß haben und den Kopf frei bekommen”, erzählt die junge Frau aus der Nähe von Linnich. „Es war eigentlich alles wie immer”, sagt Kathrin. Nur, dass sie an diesem Abend keinen Alkohol getrunken hat - sie musste am nächsten Tag für eine Matheklausur lernen. Das Schlimmste, was sie sich bis dahin vorstellen konnte.

Letzte schöne Erinnerung

„Irgendwann habe ich dann ihn getroffen”, erzählt sie. Mit „ihn” meint sie einen flüchtigen Bekannten. „Nach dem üblichen Small-Talk hat er uns Getränke geholt”, erinnert sie sich. Es ist eine der letzten schönen Erinnerungen an diesen Abend. Kurz darauf wurde ihr schwindelig, und sie konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Ihr „Bekannter” bot ihr an, sie nach Hause zu bringen - danach erinnert sie sich an nichts mehr. „Er hat mir etwas in den Drink geschüttet”, sagt Kathrin. Vermutlich waren es sogenannte K.o.-Tropfen.

Die unter diesem Begriff zusammengefassten Substanzen werden oft unbemerkt verabreicht, um Personen willen- und hilflos zu machen. „Die verschiedenen Substanzen und verabreichten Menge wirken bei jedem Menschen unterschiedlich”, erklärt Sabrina Dickens von der Jülicher Beratungsstelle Frauen helfen Frauen. Kathrin haben sie in die Besinnungslosigkeit geführt.

Welche Substanz es genau war, das kann sie nicht sagen. „Was es auch war - ich wünschte, es wäre mehr gewesen”, sagt die heute 21-Jährige. Denn die Menge, die der flüchtige Bekannte in das Glas seines Opfers gekippt hatte, reichte nicht aus, um sie ganz „auszuschalten” und durchgängig bewusstlos zu machen. Das nächste woran sie sich nach dem Schwindelanfall in der Disko erinnern kann, ist, in einem fremden Schlafzimmer aufgewacht zu sein - als der Mann sie gerade vergewaltigte. Schreien oder sich wehren konnte sie nicht. Auch wenn sie bei Bewusstsein war - ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr. Bald dämmerte sie wieder weg.

Als sie das nächste mal aufwachte, war es draußen schon hell. Der Mann, der sich in der Nacht an ihr vergangen hatte, lag neben ihr im Bett. „Ich konnte mich zuerst an gar nichts erinnern. Ich wusste noch nicht einmal, wie ich dort hingekommen war”, berichtet die junge Frau. Auch an die Ereignisse der Nacht konnte sie sich nur schemenhaft erinnern. „Ich dachte schon, ich hätte die ganze Sache nur geträumt. Es konnte doch nicht sein, dass der Typ mir das antut und anschließend seelenruhig neben mir schläft.” Ihre Schmerzen waren allerdings real. Weinend zog sie sich an, flüchtete aus der Wohnung und fuhr allein mit der Bahn nach Hause.

Mit wenigen Menschen hat sie bislang darüber gesprochen - mit der Polizei aber nicht. „Ich kann die Sache jetzt ohnehin nicht mehr beweisen”, sagt sie. Und deshalb regelt sie die Situation so wie viele andere Frauen - sie macht es mit sich allein aus.

Auch aus diesem Grund sind in der Jülicher Region nur wenige K.o.-Tropfen Fälle bekannt. „Zudem sind K.o.-Tropfen im Blut nicht lange nachzuweisen”, sagt auch Willi Jörres, Pressesprecher der Polizei Düren. Deshalb sollte man möglichst schnell die Polizei einschalten. Angst und Scham nützen nur dem Täter. Aber selbst wenn die Opfer früh genug zur Polizei gingen - meist könne gar nicht nachverfolgt werden, wer Drogen verabreicht hat, gibt Jörres zu bedenken. „Das erschwert die Sache noch.”

Glück im Unglück

Deshalb hat auch die 20-Jährige Corinna aus Jülich im vergangenen Jahr keine Anzeige erstattet. Sie hat sich in der Region einen Karnevalszug angeschaut, dabei ein wenig getrunken. „Nicht so viel, um mich in den Orbit zu schießen”, erklärt sie. Während des Zuges habe sie ihre Flasche auf den Boden gestellt und einen Moment nicht darauf geachtet, sagt sie. Ein fataler Fehler. „Ich dachte nicht, dass mir so etwas passieren könnte. Ich war wohl etwas naiv”, sagt sie heute. Dabei hatte sie Glück im Unglück.

Im Gegensatz zu Kathrin wurde sie nicht bewusstlos, sondern drehte richtig auf. „Noch bevor ich mein Bier ausgetrunken hatte, hatte sich mein Wesen verändert. Ich wurde aggressiv, habe herumgeschrien und war richtig hemmungslos”, berichtet sie. Das haben ihr die Freunde erzählt, denn ihr selbst fehlt jede Erinnerung. Nachdem sich der Zustand verschlimmerte, haben die Freunde einen Krankenwagen gerufen. Im Blut der Jülicherin wurden dann verschiedene Substanzen nachgewiesen - auch Liquid Extasy. Fünf Frauen wurden an diesem Tag mit ähnlichen Symptomen ins Krankenhaus eingeliefert - alle hatten Drogen im Blut. Vergewaltigt wurde aber glücklicherweise keine.

Corinna hat aus dieser Situation gelernt. „Es ist das Schlimmste, nicht zu wissen, was man getan hat”, sagt sie. Deshalb achtet sie jetzt immer genau auf ihr Glas. Und bleibt stets in der Nähe der Freunde.

„Es ist ganz wichtig, dass die jungen Frauen gegenseitig auf sich aufpassen und Sorge tragen, dass der Täter sie nicht aus der Gruppe herauszieht”, sagt Sabrina Dickens von der Beratungsstelle. Sie rät dazu, ein Glas nie unbeaufsichtigt zu lassen und bei Flaschengetränken den Finger über die Öffnung zu legen. Vor allem, wenn man Getränken von Unbekannten annimmt, sollte man sehr vorsichtig sein.
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