Die Händler der Region schreien nicht vor Glück

Von: Volker Uerlings und Otto Jonel
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Auf der Kölnstraße in Höhe des Jülicher Schlossplatzes flanieren die Kunden gern. In Richtung Markt ebbt der Strom spürbar ab. Foto: Guido Jansen

Jülich/Linnich. Wer fühlt sich nicht gut aufgehoben, wenn ihn der Einzelhändler seines Vertrauens beim Namen nennt und begrüßt? Wenn kompetentes Personal nur ein paar knappe Informationen braucht, um treffsicher das passende Buch, um Hemd, Bluse oder Jeans in perfekter Größe und Farbe hervorzuzaubern.

Und sich noch erinnert, dass die Ehefrau am Morgen schon da war, um das Geburtstagsgeschenk für den Sohnemann zu kaufen. Diese Spezies wird immer seltener. Die so genannten inhabergeführten Einzelhandelsgeschäfte, die den Reiz und die Besonderheit vieler Städte ausmachen, sind auf dem Rückzug – langsam, aber sicher. Das ist auch in Jülich oder Linnich nicht anders und hat viele Gründe.

Die beiden Vorsitzenden der Werbegemeinschaften Jülich und Linnich, Wolfgang Hommel und Rudi Venrath, halten im Redaktionsgespräch nicht hinter dem Berg. Wolfgang Hommel: „Das Weihnachtsgeschäft war noch das beste am Jahr, konnte das Jahr aber nicht retten.“ Rudi Venrath stimmt kopfnickend zu. Ein prozentual einstelliges Minus hat es bundesweit nach ersten Erkenntnissen gegeben.

Venrath hat nicht nur im eigenen Geschäft die Tendenz ausgemacht, dass immer mehr Menschen auf den letzten Drücker einkaufen, so dass sich das stressige Geschäft am Jahresende, das viele schlechte Monate im Jahreskalender kompensieren muss, noch stärker auf wenige Tage konzentriert.

Nicht auf den letzten Drücker, sondern per Mausklick einzukaufen, ist ein Trend, der immer mehr Händlern zu schaffen macht. Während die Buchhändler schon seit gut einem Jahrzehnt die Konkurrenz aus dem World Wide Web zu spüren bekommen, stehen die Schuhhäuser erst seit vergleichsweise kurzer Zeit unter Druck – und kein niedergelassener Händler „schreit vor Glück“, wenn ihm die „Logistiker“ Kunden abspenstig machen. Wolfgang Hommel nennt die Rivalen „Logistiker“, denn viel mehr sind sie nicht, nicht nur in seinen Augen.

Die Werbegemeinschaft Jülich lässt regelmäßig die Zahl der potenziellen Kunden in der Kernstadt ermitteln. „Die Frequenz ist so schlecht wie seit Jahren nicht“, hat er den Zahlen entnommen. Auf mancher Jülicher Straße sind nun nur noch 8000 Menschen unterwegs, vor einem Jahrzehnt waren es noch 11.000. Das muss sich bemerkbar machen.

Ein weiteres Beispiel aus Jülich: Vor 20 Jahren gab es noch etwa 20 Einzelhändler, die ihrem Geschäft in den eigenen Immobilien nachgingen. „Heute sind es noch fünf“, weiß der Vorsitzende der Jülicher Werbegemeinschaft.

Die Ladenleerstände sind weder in Linnich noch in Jülich ein sich verschärfendes Problem. Das ist aber nur auf den ersten Blick eine gute Nachricht, denn einige Eigentümer haben es aufgegeben, für ihre Häuser und Lokale gewerbliche Nutzer zu suchen und letztlich Wohnraum geschaffen. Der verschwindet aus der Leerstandsstatistik...

Die kleine Rurstadt Linnich hat ihre eigenen Sorgen: Sie ist in der Mittagszeit gastronomische Diaspora, weil immer mehr inhabergeführte Gaststätten dicht gemacht haben oder sich auf das Abendgeschäft beschränken. Venrath: „Das lädt tagsüber natürlich nicht zum Verweilen ein.“

In der Herzogstadt hingegen gibt es noch ausreichend Schänken, aber sehr unterschiedliche Kundenströme. Während die Kölnstraße in Höhe des Schlossplatzes noch ordentlich brummt, sackt die Kundenfrequenz auf dem Weg zum Hexenturm immer stärker ab. Wolfgang Hommel: „Der Marktplatz ist ein Flanierloch!“ Nachdem sich nun das „Dienstleistungszentrum“ im Alten Rathaus mangels finanzieller Möglichkeiten der Stadt Jülich erledigt hat, setzt die Werbegemeinschaft ihre Hoffnungen auf eine Bebauung des Walramplatzes.

Überall in der Region ist es zudem schwierig bis unmöglich, Unternehmensnachfolger zu finden. Venrath: „Einige überlegen, ob sich das überhaupt noch lohnt.“ Wolfgang Hommel sieht natürlich auch einen Zusammenhang mit der Eigentumsfrage: „Mieten müssen erwirtschaftet werden. Außerdem fehlt für manche Bereiche die Perspektive, und das Ranking des Einzelhandels bei den Banken war auch schon einmal besser.“ Grundsätzlich wird die Nachfolge-Findung außerhalb der eigenen Familien immer schwieriger.

Die beiden Werbegemeinschaften stehen indes so gut da wie lange nicht. Der Zusammenschluss der Kaufleute in Linnich zählt 60 Mitglieder nicht nur aus der Kernstadt, sondern auch aus den Ortsteilen. In Jülich sind es knapp 90. Venrath: „Wir haben mehr Mitglieder, weil die Gemeinschaft stärkt.“ Hommel: „Der Vorstand arbeitet in der Breite gut, und das wird anerkannt.“

Beide Einzelhändler sehen sich und ihresgleichen kurzfristig nicht in existenzieller Gefahr. Mittelfristig sind Prognosen natürlich schwierig bis unmöglich. Die Frage ist auch, ob und wie sich der Internet-Trend verstetigt. In der Hand haben das nur bedingt die Einzelhändler. Wolfgang Hommel sieht das so: „Die Kundenmacht über die Handelsgestaltung vor Ort ist die entscheidende.“ Die führenden Köpfe der Jülicher und der Linnicher Werbegemeinschaft hoffen, dass es „klick“ macht – und zwar in ihrem Sinne.

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