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Die Geschichte nicht totgeschwiegen

Von: Simone Dolfus
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Die Jülicher Gesellschaft gegen das Vergessen und für die Toleranz zeichnete im Technologiezentrum mehrere Jugendgruppen sowie Günther Schorn, Heinz Bielefeldt, Pfarrer Charles Cervigne und Peter Giesen mit ihrem Preis aus. Als Gast referierte der Essener Sicherheitsexperte Rolf Tophoven (l.) über den Einfluss extremistischer Kräfte in Nahost. Foto: Dolfus

Jülich. Seit dem Jahr 2003 erinnert die Jülicher Gesellschaft gegen das Vergessen und für die Toleranz am Welt-Holocausttag, dem Tag der Befreiung des KZ Auschwitz, an die Opfer der Nazi-Diktatur.

An diesem Tag verleiht die Organsisation seit 2006 den Preis für Zivilcourage, Solidarität und Toleranz.

In einer sehr emotionalen Feierstunde im Jülicher Technologiezentrum wurden nun die Preisträger des Jahres 2010 geehrt. Bei ihrer Begrüßung rief die Vorsitzende der Gesellschaft, Gabriele Spelthahn, die schrecklichen Ereignisse der Nazi-Herrschaft noch einmal ins Gedächtnis.

Sie erinnerte jedoch auch an aktuelle Beispiele für Zivilcourage, die manchmal auch heute noch ein bitteres Ende finden, wie im Fall des in München getöteten Dominik Brunner. „Aktive Erinnerungsarbeit ist die Brücke in die Zukunft”, so Spelthahn. Sie rief dazu auf, „im Alltag einfach ein bisschen wachsam” zu sein.

Die Laudatio für die Preisträger Günther Schorn, Heinz Bielefeldt und Charles Cervigne hielt Heinz Spelthahn an Stelle des verhinderten Rabbiners Max Mordechai Bohrer: „Die drei Geehrten verbindet vieles, vor allem ein unbändiges Engagement, sich für andere einzusetzen.”

Neben individuellen Projekten wie der seit vielen Jahren laufenden Martinus-Aktion fördern die drei gemeinsam die Aufarbeitung der Geschichte der Gemeinde Aldenhoven. Unter anderem betreiben die Internetwerkstatt „Spurensuche Aldenhoven”.

Außerdem kümmern sie sich um die Erinnerung an das einst reiche jüdische Leben in Aldenhoven. Erst im vergangenen Jahr wurde das Mahnmal zur Erinnerung an die ermordeten jüdischen Bürger im Aldenhovener Römerpark eingeweiht. Neben dem christlich-jüdischen Dialog fördern die Preisträger auch den Austausch mit den Muslimen.

Günther Schorn warf einen Blick zurück auf sein Leben und warnte: „Wir müssen die heutige Jugend aufklären über die schlimme Nazi-Diktatur!” Heinz Bielefeldt hob die Wichtigkeit der noch wenigen lebenden Zeitzeugen hervor, die den Nachgeborenen von jener Zeit berichten können.

Heute sei es möglich, über den Holocaust und die Diktatur frei zu sprechen. Doch direkt nach der Befreiung durch die Alliierten und auch Jahrzehnte später sei die Nazi-Vergangenheit vieler hochrangiger Personen in der Öffentlichkeit verheimlicht worden.

Charles Cervigne (Jahrgang 1959): „Ich habe es als Jugendlicher erlebt, dass diese Geschichte totgeschwiegen wurde!” Er schilderte Begebenheiten aus seiner eigenen Familie, in der der SS-Großvater hochgejubelt und der Onkel, der von Konzentrationslagern im Osten berichtete, auch Jahre später noch als Lügner dargestellt wurde. Mit Blick auf die geplante NPD-Kneipe in Merken appellierte er: „Wehret den Anfängen!”

Wenn damals konsequenter über die Nazi-Vergangenheit mancher Personen gesprochen worden wäre, hätten diese vielleicht keine Möglichkeit gehabt, die heutige Neonazi-Generation „anzulernen”.

Leuchtendes Beispiel für eine Jugend, die sich interessiert und die richtigen Schlüsse aus der Vergangenheit zieht, sind die Konfirmanden, die Jugendgruppe und die Pfadfinder aus Aldenhoven, die Konfirmanden von Karin Latour und Dr. Peter Jöcken aus Jülich, die Schüler der Gemeinschaftshauptschule Linnich und der Realschule Linnich.

Sie haben sich aktiv mit dem Reichspogrom in der Nacht des 9. November 1938 beschäftigt und in die Gedenkfeiern im vergangenen Jahr mitgestaltet. Dr. Walter Liedgens überreichte ihnen die Urkunden. Als weiterer Preisträger wurde Peter Giesen, Ehrenbürgermeister der Gemeinde Jüchen, benannt.

Giesen habe sich stets kritisch mit seiner Rolle als Wehrmachtssoldat auseinandergesetzt und später als Lehrer dazu beigetragten, seine Schüler darüber aufzuklären „wie es wirklich war”.

„Der Dialog mit den überlebenden Juden aus der Gemeinde Jüchen war Ihnen wichtig”, so betonte Laudator Spelthahn weiter.

Giesen selbst betonte, dass er bis heute Scham empfinde, wenn er an die Übergriffe auf die Juden in der Nachbarschaft zurückdenke. „Wir öffneten Frau Nathan nicht die Tür”, erinnerte er sich an den Tag, als die Nazis das Haus der Nachbarsfamilie kurz und klein schlugen. Die Angst seiner Familie vor Repressalien war einfach zu groß.

Heute würde ihm das nicht mehr passieren: „Nie wieder Diktatur, nie wieder Krieg”, lautet sein Credo.
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