„Die Früchte am Ende des Zweiges“ lösen lebhafte Diskussion aus

Von: ptj
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Autorin Susanne Rocholl (r.) im Gespräch mit der Jülicher Gleichstellungsbeauftragten Mandy Geithner-Simbine. Foto: Jagodzinska

Jülich. Ein bunt gemischtes internationales Publikum fand sich auf Einladung des Internationalen Frauenforums und der Gleichstellungsstelle der Stadt Jülich in der Stadtbücherei ein. Susanne Rocholl stellte dort ihren Debütroman mit dem blumigen Titel „Die Früchte am Ende des Zweiges“ vor, der 2013 in der Edition Contra-Bass erschienen ist.

Dabei erwies sich die eigentliche Lesung genauso interessant wie der anschließende lebhafte Austausch untereinander. Hier wie dort ging es um das Leben zwischen zwei Kulturen, um Geschenk und Bereicherung, aber auch um Heimweh und Verlust.

Was bewog die Newcomerin zum Schreiben dieses Romans? Seit 26 Jahren ist Susanne Rocholl mit einem Iraner verheiratet. Das Paar hat drei Kinder und bereist oft seine Heimat. „Die Iraner sind alle sehr herzlich, aufgeschlossen, zuversichtlich, im Gegensatz zu uns Deutschen“, betonte Rocholl. Sie habe iranische Akademiker in Deutschland und deren Hin-und-Her-Gerissenheit zwischen zwei Kultur beobachten können, und im Gegenzug Asylsuchende, die „auch nicht zufrieden sind, weil sie nicht mehr zurück können“.

So ersann die Autorin in ihrem Roman, der in verschiedenen Handlungsebenen spielt, die Protagonistinnen Nasrin und Latife. Erstere, intellektuell und intelligent, verlässt nach der islamischen Revolution Ende der 1970er Jahre den Iran in Richtung Deutschland, um dort Karriere zu machen. Sie taucht in die Business-Welt ein und ist schon fast überintegriert. Ihre jüngere Schwester Latife, zart und traditionell, trifft nach den Überredungskünsten ihrer Schwester später als Asylantin in Deutschland ein und kümmert sich um Nasrins Kinder. Ihr fehlt spürbar die Wärme fern der Heimat.

Eine psychologisch gut gezeichnete, dramatische Geschichte zwischen dem traditionellen Iran und der westlichen Konsumgesellschaft und ihrer verschiedenen Denkweisen und Sprachformen entwickelt sich. „Auch Ausländer können in Deutschland alles erreichen, wenn die Augen nicht zu dunkel und die Haare nicht zu schwarz sind. Vor allem aber, wenn sie fließend Deutsch sprechen“, sagt etwa Nasrin zu „Baba“, ihrem geliebten Vater, nach dessen Tod sich ihre gespürte Rastlosigkeit noch verstärkt.

Rocholls Lieblingspassage ist das Kapitel „Latife im Glück“, in dem sich „zwei wohlerzogene schüchterne Iraner annähern“, also auch Latife ein Licht im gefühlten Dunkel erlebt. Weil aber Nasrin in ihrer Karrieresucht den Blick für ihre sie liebende Familie verliert, nimmt das Drama seinen Lauf.

Politische Argumentation

Politische oder religiöse Themen werden in dem Roman nur am Rande behandelt, der hauptsächlich in Deutschland spielt. So verwendet Nasrin ihrer Schwester gegenüber etwa das politische Argument für ein Leben in Deutschland, weil der Iran arm sei an diplomatischen Beziehungen und deshalb kriegsgefährdet.

Das Thema Religion wird gestreift, als Nasrin ohne ihren deutschen Ehemann Hendrik in den Iran reist, weil sie „nur nach deutschem Recht verheiratet sind und deshalb nicht zusammen in der Öffentlichkeit auftreten können“. Dazu müsste Hendrik erst zum Islam konvertieren. Was er auch tut – wie Susanne Rocholl, die ohne Konversion nicht Familie und Heimatland ihres Mannes hätte kennenlernen dürfen.

Die Zuhörer, die entweder selbst nicht deutscher Herkunft sind oder einen Partner mit Migrationshintergrund haben, fühlten sich nach der Lesung angeregt, aus ihren eigenen Erfahrungen zu berichten. Die meisten kamen zu einem ähnlichen Schluss wie eine Marokkanerin: „Ich fühle mich in Deutschland wohl, habe hier Familie und Freunde, doch mir fehlt etwas. In Marokko ist Leben, ich habe dort auch Familie und Freunde, aber mir fehlt etwas“.

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