Der Pastor, der in Aachen kurte

Von: Silvia Jagodzinska
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Fulminanter Vortrag über Casparus Sibelius: Der evangelische Pfarrer i.R. Dr. Thomas Kreßner „erleuchtet” die zahlreichen Besucher in der Schlosskapelle. Foto: Jagodzinska

Jülich. „Stellen Sie sich das mal vor: Da will ein evangelischer Pastor in der (kreuzkatholischen) Schlosskapelle predigen”, rief Museumsdirektor Marcell Perse augenzwinkernd in Erinnerung, welch ein Aufsehen die Antrittspredigt des reformierten Pfarrers Casparus Sibelius (1590 - 1658) an Ort und Stelle vor 399 Jahren erregte.

„Froh darüber, hier im Jahr 2010 vor Ihnen zu stehen”, zeigte sich der evangelische Pfarrer i.R. Dr. Thomas Kreßner, der im Rahmen der Mittwochsvorträge des Jülicher Geschichtsvereins zum 400-jährigen Bestehen der evangelischen Gemeinde über Sibelius referierte.

Originalpassagen

Ihm zur Seite standen seine Gattin Martina, die als Historikerin einzelne Originalpassagen verlas und Susanne Richter, die ihre selbst erarbeitete Powerpoint-Präsentation zeigte. Quelle war Sibelius´ Autobiografie in „fürchterlicher Schrift und auch noch in Latein”, die Kreßner im niederländischen Deventer aufgetan hatte. Der Plural in der Überschrift der Präsentation: „... und die Anfänge der evangelischen Gemeinden in Jülich 1610” ließ bereits auf die Entstehung einer lutherischen und einer reformierten Gemeinde schließen.

Hintergrund ist der komplizierte Erbfolgestreit nach dem Tod Johann Wilhelms 1609 in Düsseldorf und dem „Aussterben der männlichen Linie”. Seine beiden (bis zur späteren Konversion) lutherischen Schwiegersöhne Wolfgang Wilhelm und Johann Siegesmund kämpften als „possedierende (in Besitz nehmende) Fürsten” mit europaweiter Unterstützung durch eine protestantische und antikaiserliche Koalition gegen den ebenfalls am Besitz interessierten katholischen Kaiser und besiegten ihn.

Auf Wunsch des reformierten Stadtkommandanten Frederik Pithan wurde Casparus Sibelius 1611 als erster Prediger der reformierten Gemeinde berufen. Prediger der Lutherischen Gemeinde wurde Johann Jakob Stuber. Mit „frommer Begeisterung über die Worte des Christus” rief Sibelius in seiner lateinischen Antrittspredigt in der Schlosskapelle aus: „Er hat alles wohlgemacht”.

Sibelius wurde als Kaspar Sibel am 9. Juni 1590 als Kind wohlhabender Eltern in Elberfeld geboren. Sein Vater war ein geschäftstüchtiger Textilunternehmer und rechtschaffener Presbyter. Nach der Lateinschule und dem Gymnasium „gab es nur einen Ort zum Studieren”, die Hohe Schule in Herborn im Westerwald. Dort war Johannes Piscator der berühmteste reformierte Theologe und zugleich der erste Bibelübersetzer nach Luther.

1610 kam Sibelius an die calvinistische Universität in Leiden, bis er in einem Brief aufgefordert wurde, mit dem Studium aufzuhören: „Disputiert und räsonniert hast du jetzt genug”. Kreßer bot einen Exkurs in die „doppelte Prädestinationslehre von Calvin” und die Frage: Hat der Mensch einen freien Willen zur Gotteserkenntnis? Als „Prädikant” in Randerath heiratete Sibelius 1609, von dort kam er „mit Familie und Gesinde” nach Jülich und wohnte im Breidenbender Haus.

„Leichenpredigt”

Über seine Zeit in Jülich besteht eine „fließende Quelle”, deren Übersetzung allerdings derzeit noch in Arbeit ist. Sibelius war gesellig, las und reiste viel (vermutlich per pedes) und war ein „kleiner Hypochonder”, der mit seinen Leiden oft in Aachen kurte. Beispiele für „schöne Konflikte” in Jülich waren die später untersagte „Leichenpredigt” auf dem Friedhof, die Anbetung des Kruzifixes oder die Reliquienverehrung, konkret ging es um das Annahaupt in Düren.
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