Jülich - Der Lazarus-Strohmann als Vorbote des Frühlings

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Der Lazarus-Strohmann als Vorbote des Frühlings

Von: Guido Jansen
Letzte Aktualisierung:
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„Als Lazarus gestorben war“: So beginnt die Strophe, die die Mitglieder der Historischen Gesellschaft singen, bevor sie ihre geheimen Spottverse aufsagen und den Lazarus anschließend mit einem Tuch aufwerfen. Foto: Jansen
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Ein Gespräch über Tradition: Senatspräsident Dr. Linus Wiederholt und der scheidende Präsident Heinrich Ningelgen reden über die vielen Geschichten rund um die Jülicher Lazarus-Tradition.
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40 Jahre für die Sicherheit zuständig, zuerst als Polizist, jetzt als Schutzmann: Wilfried Gorisek.

Jülich. Veilchendienstag zur Arbeit gehen? „Das habe ich noch nie getan“, sagt Will Romes, einer der Brüder der Historischen Gesellschaft Lazarus Strohmanus aus Jülich. „Dienstag ist Lazarus. Karneval ohne Lazarus ist nichts“, sagt er, während er als Mitglied der Tuchgruppe durch die Innenstadt stiefelt.

Seit 42 Jahren ist er beim Lazarus dabei, seit er 18 Jahre alt ist. Vorher war er in der Kindergruppe. Und jetzt Tuchgruppe – das sind die Männer, die am Dienstag den ganzen Tag über die Lazarus-Strohpuppe an wenigstens 25 Stellen in der Innenstadt mit Hilfe eines großen Tuchs in die Luft katapultiert haben. „Das hier ist Arbeit satt“, wirft ein anderer Mann aus der Tuchgruppe ein und alle lachen.

Willi Romes bestätigt das und hat sogar Beweise dafür. Seine schlaue Armbanduhr zählt die Schritte an jedem Tag. „Im vergangenen Jahr war der Umzug etwa 25.000 Schritte lang“, berichtet er. Rund neun Kilometer vom Start morgens um neun am Hexenturm bis zum feuchten Ende des Lazarus-Strohmanns abends nach Einbruch der Dunkelheit.

„Der Lazarus nimmt die Sünden mit in sein Grab“, berichtet Guido von Büren, im normalen Leben Historiker in Diensten Jülichs, am Dienstag aber als Taufpate, besser gesagt Pattühm, des Lazarus, der sein Patenkind bis zum Versinken im nassen Grab begleitete. Von Berufs wegen kennt von Büren einiges vom Hintergrund des Lazarus-Brauchs.

„Der geht durchaus zurück bis ins Mittelalter. Die Strophe, die bei jedem Aufwerfen gesungen wird, findet sich auch in ähnlicher Form in alten Überlieferungen aus der Eifel oder dem Hunsrück“, weiß von Büren. Beweise gebe es dafür nicht, erste schriftliche Zeugnisse stammen aus dem 19. Jahrhundert. Der Senatspräsident Linus Wiederholt hat dafür eine einfache Erklärung, die zur allgemeinen Erheiterung beiträgt. „Vorher konnten die Menschen hier noch nicht schreiben.“

Im Ernst: Wiederholt erklärt, dass im Mittelalter Menschen, die sich kleinerer Vergehen schuldig gemacht hatten, mit Tüchern in die Luft geworfen wurden. Daher stamme das Aufwerfen, Precken lautet der Jülicher Fachbegriff dafür. Wiederholt vermutet sogar noch weiter zurückreichende Wurzeln, bis ins Keltische. Guido von Büren nickt, als der Senatspräsident von Parallelen spricht, die ganz gut passen.

40 Jahre als Lazarus-Polizist

Auch im Keltischen gibt es Rituale, mit denen der Winter vertrieben wird, auch hier spielt das Verstoßen der menschgewordenen Sünde eine Rolle. Der Lazarus also als Vorbote für den Frühling? Gut möglich. Was sicher passt, ist die Bezeichnung Historische Gesellschaft. Parallelen zum Karneval sind erst im Verlauf der Geschichte der Gesellschaft entstanden.

Die Vorvergangenheit liegt also leicht verschleiert hinter den Nebelschwaden der Geschichte. Die Gegenwart ist real. Und sie heißt beispielsweise Wilfried Gorisek, ist 78 Jahre alt und war zum 40. Mal im Lazarus-Einsatz. Früher war Gorisek Polizist und hat den Umzug beruflich begleitet, der Sicherheit halber. Seit seiner Pensionierung 2001 macht er das immer noch. Seine Uniform ist historisch. Die Bekleidung ist originalgetreu auf alt gemacht, der Helm, eine preußische Pickelhaube aus dem Jahr 1904, ist echt. „Ich werde das machen, solange es geht“, sagt der persönliche Schutzmann des Lazarus.

Genauso lange, also solange es geht, will der aktuelle Präsident Heinrich Ningelgen dabeibleiben. Wenn auch nicht mehr als Präsident. Der Chef der Strohmänner hat angekündigt, den Vorsitz zu räumen. Die Gesellschaft wählt also in diesem Jahr einen Nachfolger. „Dem Lazarus bleibe ich aber weiter treu. Das ist keine Frage.“

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