Der Jülicher, der nicht unter die Erde will

Von: Simone Dolfus
Letzte Aktualisierung:
Prof. Georg Büldt  / Mausoleum
In diesem Mausoleum auf dem Friedhof Stahnsdorf bei Berlin hat der Jülicher Professor Georg Büldt gefunden, was er gesucht hat: Den Ort, an dem er beerdigt werden kann, ohne direkt von feuchter, dunkler Erde umgeben zu sein. Dafür hat er zu Lebzeiten die Patenschaft für das Mausoleum übernommen. Foto: ddp

Jülich. Gräber auf alten Friedhöfen erzählen Geschichten aus einer vergangenen Welt. Denkmalbehörden und Kirchengemeinden haben daher viele Grabstätten auf historischen Friedhöfen unter Denkmalschutz gestellt.

Meist sind die Etats der Verwaltungen jedoch zu gering, um den Verfall dieser Denkmäler langfristig aufhalten zu können. Aus dieser Notlage wurde die Idee geboren, Bürger für Patenschaften zu gewinnen, um erhaltenswerte Grabstätten zu pflegen. In vielen Fällen wurde den Paten erlaubt, diese Grabstätten später für sich und ihre Angehörigen zu nutzen. In der Nähe von Berlin hat sich ein in Jülich ansässiger Professor die Pflege eines solchen Paten-Grabes zur Aufgabe gemacht.

Mit dem, „was die Welt der Biologie zusammenhält”, beschäftigt sich Georg Büldt in seiner Arbeit. Der 67-Jährige leitet im Jülicher Forschungszentrum das Teil-Institut für Molekulare Biophysik und war bis zu seinem 65. Geburtstag Professor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Als Forscher verlässt er sich auf die Regeln der Naturwissenschaft, um die inneren Strukturen natürlicher Stoffe zu vermessen und zu verstehen.

Idee des Daseins nach dem Tod

Büldt ist von einer Idee beseelt, die von einer eher romantischen Sicht eines Daseins nach dem Tod ausgeht. Auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf, einem kleinen Ort in der Mark Brandenburg vor den Toren Berlins, hat der Professor die Patenschaft für ein Mausoleum übernommen, in dem er dereinst selbst bestattet werden möchte. Denn die Vorstellung eines Begräbnisses in feuchter, dunkler Erde behagt dem Biophysiker nicht. „Ich möchte lieber bei den Lebenden bleiben”, sagt er.

In der Grabkammer des 1913 verstorbenen Potsdamer Industriellen Wilhelm Boedefeld, der in Düsseldorf geboren wurde, möchte er sich und seine Familie in einer Kellergruft in frei zugänglichen Särgen ewig ruhen sehen. Wenn er dann dort liege, könne er weiter Besucher empfangen, oder Besucher könnten, „wenn sie Lust hätten”, in seiner Gruft eine Party feiern. „Auf diese Weise würde die drohende Einsamkeit merklich gemildert”, findet er.

Das Thema Friedhofskultur beschäftigt den Biologen schon seit seiner Studienzeit in Berlin. Damals wohnte er in Schöneberg, „einem sehr lebendigen Viertel”. Doch in unmittelbarer Nachbarschaft, eingerahmt zwischen zwei S-Bahnhöfen, lag der St.-Matthäus-Kirchhof, auf dem sich zahlreiche Mausoleen befinden. Der Friedhof war auch interessant, da er letzte Ruhestätte vieler bekannter Persönlichkeiten war, wie etwa der Gebrüder Grimm oder des Arztes Rudolf Virchow. Für manche Gäste ging die Ewigkeit auf diesem Friedhof aber schon in den dreißiger Jahren zu Ende. Hitler plante in Berlin eine Prachtstraße bauen zu lassen, die teilweise durch den St.-Matthäus-Kirchhof verlaufen sollte. Er ließ daher alle Grabmäler und Mausoleen auf diesem Teil des Friedhofs zum Südwestkirchhof nach Stahnsdorf schaffen und dort wieder aufbauen.

In den 80er Jahren fragte Georg Büldt nach einem Besuch seines geliebten St.-Matthäus-Kirchhofes am kleinen Friedhofskiosk, ob man in einem dieser alten Mausoleen beerdigt werden könnte. Unverständiges Kopfschütteln war die Antwort. Etwa 20 Jahre später besuchte er den Friedhof erneut. Statt eines Kioskes war ein kleines, romantisches Café am Eingang des Friedhofs entstanden. Nachdem ein herrliches Stück Torte verspeist war, sagte er zum freundlichen Cafébesitzer: „Auf diesem Friedhof möchte ich gerne beerdigt werden!” Der servierte ihm kurz darauf einen dicken Ordner: „Hier können Sie sich sogar ein Mausoleum aussuchen.”

Doch nach längeren Verhandlungen mit dem Denkmalamt und einem Restaurator wurde klar, dass die Restauration 50.000 Euro verschlingen würde. Schweren Herzens nahm der Professor Abschied von der Idee. Da erinnerte er sich an die nach Stahnsdorf transportierten Mausoleen. Und tatsächlich, die alten Mausoleen aus Berlin fanden sich herrlich renoviert im hinteren Teil dieses Kirchhofs wieder. Doch in Stahnsdorf fehlen die Kellergruften. Denn bei der „Zwangsumsiedlung” waren sie nicht mitgenommen worden. Hier hätte Büldt nur eine Erdbestattung haben können. Doch der Verwalter des Friedhofs wusste Rat. Er machte Professor Büldt zum Paten des Boedefeld-Mausoleums, das vollständig renoviert und erhalten war, so dass der Professor kein Geld investieren musste. Obwohl die Instandhaltung auf die Ewigkeit berechnet, ihn sicher einmal wieder ausziehen lassen wird, befürchtet er.

„Friedhofskultur ist wichtig”, sagt Georg Büldt. „Sie zeugt davon, wie viel Wertschätzung man einem Menschen entgegenbrachte.” Bei der Art der Bestattung könnten sich die Deutschen etwas aus Italien oder Spanien abgucken, findet er. „Die Menschen dort bauen ihren Toten steinerne Häuser, da ist die ganze Geschichte einer Familie in einem Haus übereinandergestapelt.” Das hätte indes noch einen anderen Vorteil: Es wäre viel ökonomischer. „Wenn man Grabkammern übereinanderstapelt, verschwendet man nicht so viel wertvolle Friedhofsfläche.” Und da spricht dann doch der Wissenschaftler aus ihm.
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