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Das FZJ „vermisst keine Brennelemente”

Von: Volker Uerlings
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Jülich. Genau 2285 tennisballgroße Brennelemente-Kugeln aus dem vor 23 Jahren stillgelegten Hochtemperaturreaktor auf dem Gelände des Forschungszentrums Jülich (FZJ) könnten „verschwunden” sein. So lässt sich jedenfalls die Antwort der NRW-Landesregierung auf eine entsprechende Anfrage der Grünen lesen.

Dem widersprach allerdings am Sonntag der Vorstand des FZJ. „Wir vermissen keine Brennelemente”, sagte Vorstandschef Professor Achim Bachem auf Anfrage unserer Zeitung.

Während sich in 152 Castor-Behältern im FZJ-Zwischenlager 288161 hochradioaktive Grafitkeramikkugeln befinden, wurden in den früheren Reaktor einmal 290705 Brennelemente eingesetzt. Nach Angaben aus Düsseldorf seien „maximal 197 Brennelementekugeln” zum Teil auch als „Bruch” im Reaktor verblieben und 62 weitere „in den heißen Zellen” des Jülicher Zentrums. Das ergibt die erwähnte Differenz von 2285, über die laut Landesregierung „mit der gebotenen Zuverlässigkeit” keine abschließenden Aussagen getroffen werden könnten. Wo sind sie?

Prof. Bachem erklärt die rechnerische Lücke gegenüber unserer Zeitung mit drei Faktoren: Erstens sei eine kleine Zahl im Reaktor verblieben. Zweitens habe es weitaus mehr Kugelbruch gegeben als von der Landesregierung dargelegt. Drittens seien „zahlreiche Kugeln” zu Forschungszwecken entnommen worden. Der Reaktor-Betreiber - die AVR GmbH - habe Ende der 60er Jahre anfänglichen Qualitätsproblemen bei Kugeln auf den Grund gehen wollen und müssen. Daher seien eben viele Kugeln auch untersucht, anschließend zerkleinert und einzementiert worden. All diese Abfälle lagerten bis heute auf dem Gelände des Forschungszentrums.

Das bestätigte ein mit diesen Untersuchungen befasster ehemaliger Mitarbeiter des Forschungszentrums gegenüber unserer Zeitung am Sonntag. Demnach seien noch Anfang der 70er Jahren bis zu 200 Kugeln allein in einer Woche untersucht worden. Das konnte der Vorstand allerdings konkret nicht bestätigen.

Vorstandschef Bachem nannte eine „weitere Schwierigkeit” bei der Erklärung der nummerischen Differenz: Bis 1977 sei die Anzahl der Brennelementekugeln für die Aufsichtsbehörden nicht von entscheidender Bedeutung gewesen, sondern die Menge an Uran 233. Bachem: „Wir haben unser Inventar an Uran 233 nachgezählt.” In der ersten Prüfung hat sich laut Bachem ergeben, dass es keine Mengendifferenz gebe.

Diese genaueren Ausführungen des Forschungszentrums lagen noch nicht vor, als Landespolitiker den Vorgang kommentierten. Reiner Priggen, Fraktionschef der Grünen im Landtag (Aachen), hielt die Erklärungsversuche der Jülicher Einrichtung für „völlig unzureichend”. Sie setze sich immer noch nicht in gebotenem Maße mit ihrer nuklearen Vergangenheit auseinander.

Der Dürener Bundestagsabgeordnete der Grünen, Oliver Krischer, sprach von einem Skandal und deutete wie auch das Nachrichtenmagazin „Spiegel” in einem Vorabbericht an, die fehlenden Brennelemente könnten in der Schachtanlage Asse gelandet sein. Krischer: „Möglicherweise sind sie illegal und falsch deklariert in der Asse entsorgt worden und sind nun ein wesentliches des milliardenschweren Problems dort.” Die Asse ist eine Schachtanlage zur Zwischenlagerung schwach radioaktiver Abfälle.

Dem widersprachen sowohl der Betreiber der Asse als auch das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS). Das BfS teilte mit, man sei seit 2009 für die Asse 2009 verantwortlich. „Aus den Unterlagen des alten Asse-Betreibers Helmholtzzentrum München geht nicht hervor, dass die jetzt vermissten knapp 2300 radioaktiven Brennelementekugeln aus dem stillgelegten Versuchsreaktor Jülich in dem Bergwerk Asse lagern.” Es sei „nicht nachvollziehbar, dass der Betreiber der Jülicher Anlage und die Landesaufsicht nicht Auskunft geben können, wo die abgebrannten Kernbrennstoffe verblieben sind”.
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