Koslar - Comeback der Koslarer Landfleischerei

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Comeback der Koslarer Landfleischerei

Von: Antonius Wolters
Letzte Aktualisierung:
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Steht auch mit dem Goldenen Meisterbrief und 73 Jahren noch in der Koslarer Wurstküche: Metzgermeister Willi Dohmen, der seine Fleischerei vor drei Jahren wiedereröffnet hat. Foto: Wolters

Koslar. Metzgermeister Willi Dohmen aus Koslar ist einer der letzten seiner Art. Als der 73-Jährige im November 1963 seine Meisterprüfung in Darmstadt ablegte, zählte in der Regel jede größere Ortschaft im Jülicher Land mindestens einen Dorfmetzger, sogar noch weiter verbreitet waren damals die Bäckereien.

So erinnert sich Dohmens Ehefrau Marie-Luise, dass Koslar seinerzeit nicht nur Sitz der Amtsverwaltung war, sondern auch sechs Gaststätten, zehn Lebensmittelläden, drei Metzgereien und vier Bäckereien hatte. Davon wurde unlängst die letzte geschlossen, die sich gleich in der Nachbarschaft befand. Zudem fuhr dreimal in der Woche ein Wagen durchs Dorf, der Obst und Gemüse verkaufte. Lang ist‘s her.

Kennengelernt hat Marie-Luise ihren Willi 1964 bei der Kirmes in Merzenhausen. Zwei Jahre später heiratete Dohmen in einen alteingesessenen Metzgereibetrieb Darius ein, der am 2. Januar 1900 gegründet worden war. Nachdem der Vater seiner Gattin früh gestorben war, übernahmen deren Mutter und eine unverheiratete Tante das Geschäft, zu dem auch eine Gaststätte mit Fremdenzimmern gehörte.

„Bei uns war immer ein Tisch gedeckt und es wurde rund um die Uhr gearbeitet“, erinnert sich Marie-Luise Dohmen deutlich an den enormen Aufwand, mit dem die Herberge verbunden war, wo meist Monteure oder reisende Handelsvertreter logierten – in der Regel Stammgäste, die sich wie Zuhause fühlten.

Was später als Schnellimbiss oder Frittenbude bekannt wurde, ersetzten seinerzeit belegte Brote, heiße Würstchen oder ein Ring Blutwurst, von dem einzelne Scheiben abgeschnitten wurden. Noch bis 1968 wurde das Lokal betrieben, danach konzentrierten sich die Eheleute Dohmen auf ihre Metzgerei. Der Betrieb florierte und expandierte, verfügte zeitweise über drei Gesellen und einen Lehrling, die in der Wurstküche mithalfen.

Durch die BSE-Krise, Hormone im Kalbfleisch und hoch dosierte Antibiotika in der Schweinezucht wurde das Vertrauen der Kunden in viele Fleischereien getrübt. Zudem machten sich zunehmend Filialisten breit, die ihre Fleischwaren günstiger produzieren konnten. Inzwischen lockten auch Discounter und Supermärkte die Kundschaft mit billigen Fleisch- und Wurstwaren in die Läden.

Die Suche nach einem Nachfolger gestaltete sich für die Eheleute schwierig. 2004 umhörte sich Willi Dohmen in der Branche und verpachtete den Betrieb, doch der Pächter hielt nur zwei Jahre durch. Den Versuch mit Sohn Elmar 2006 stoppte die Mutter Marie-Luise, die seit jeher die Bücher führt, weil es damals nicht genug Kunden gab und „nichts übrig blieb“.

Deshalb war geplant, die Metzgerei Ende 2009 zu schließen. Ein Abschiedsbrief war schon geschrieben, der den Kunden um Weihnachten herum in die Fleischpakete gelegt wurde. Aber es kam doch anders. „Sein Beruf ist auch sein Hobby“, sagen alle, die Willi Dohmen näher kennen, über den eingefleischten Metzger, der selbst im „Ruhestand“ noch Wurstkonserven für diverse Hofläden herstellte. Auch sonst blieb eine 70-Stunden-Woche für ihn normal.

Stammkunden wussten, dass sie bei Dohmen weiter kaufen konnten. Da lenkte die Ehefrau ein: „Die Liebe war größer, sonst hätte ich nicht geholfen.“ Marie-Luise Dohmen machte sich am Gründonnerstag 2010, als ihr Gatte einen abgekämpften Eindruck machte, daran, die Theke im leer stehenden Laden wieder zu bestücken.

Diesen Schritt zurück in den Laden hat sie nicht bereut, zumal die Eheleute kürzer treten und nur noch vormittags öffnen.

Wieder zwei Verkäuferinnen

An freien Nachmittagen schwingt sich Willi Dohmen aufs Fahrrad, um das Jülicher Land vom Sattel aus zu erkunden und irgendwo auf eine Tasse Kaffee einzukehren. Auch die Koslarer ließen sich nicht lange bitten, sondern kommen wieder in so großer Zahl, dass am Wochenende wieder zwei Verkäuferinnen mithelfen. „Wir haben wunderbare Kunden, es ist wie eine große Familie“, ist Marie-Luise Dohmen erfreut, dass „die Leute es gerne annehmen. Das hätte ich nie gedacht“.

„So wie es jetzt ist, macht es Spaß“ – die Koslarer Dorfmetzgerei soll auf diese Weise weiterlaufen: „Wenn die Gesundheit es erlaubt, sind wir noch eine Weile da.“ Die Kunden dürfen sich nicht nur auf die Spezialitäten des Hauses wie Leber- und Schinkenwurst, Mett, frische Bratwurst und zu Weihnachten Sahneweißwürste freuen, sondern können nun auch Willi Dohmens Goldenen Meisterbrief im Laden bewundern. Meister Dohmen erhielt ihn nicht im Rahmen einer Feier. Die Urkunde erreichte ihn eines Tages auf dem Postweg.

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