Bei der Inventur muss die ganze Verwaltung ran

Von: Volker Uerlings
Letzte Aktualisierung:
6714887.jpg
So war es geplant und vorbereitet, klappt aber nicht: Einrichtungsgegenstände der Stadt tragen einen Barcode-Aufkleber und werden eingescannt. Jetzt werden die Beschäftigten der Stadtverwaltung wohl Überstunden schieben müssen. Foto: Uerlings
6715515.jpg
So war es geplant und vorbereitet, klappt aber nicht: Einrichtungsgegenstände der Stadt tragen einen Barcode-Aufkleber und werden eingescannt. Jetzt werden die Beschäftigten der Stadtverwaltung wohl Überstunden schieben müssen. Foto: Uerlings

Jülich. Da half auch der Kerzenschein im Stadtrat nicht mehr: Ganz am Ende einer langen Jahresabschlusssitzung mit Weckmännern, Kaffee und Adventskranz wurde es ungemütlich und wenig besinnlich. Die Verwaltung hatte sich den Zorn der Kommunalpolitik zugezogen. Durch eine Verkettung von menschlichen und technischen Fehlern muss nämlich unter ziemlichem Zeitdruck die Inventur aller vorhandenen Bestände im städtischen Besitz vorgenommen werden – weit über 20.000, verteilt auf über 100 Stellen.

Da die Stadtverwaltung – vor allem die Finanzabteilung – durch vorhandene große Aufgaben – nicht mehr ausreichend Personal dafür hat, wurde eine externe Lösung favorisiert: Mitarbeiter von Zeitarbeitsfirmen, die Kosten von rund 36.000 Euro verursachten.

Da schwoll Vertretern aller Fraktionen der Kamm, und letztlich machte der Stadtrat diesem Vorschlag einen Strich durch die Rechnung. Bei einer Nein-Stimme (von Bürgermeister Heinrich Stommel) votierte der Rat für eine Lösung aus eigener Kraft: Die Inventur soll unter Einbeziehung aller städtischen Mitarbeiter(-innen) erfolgen, auch wenn dadurch Überstunden entstehen, die bezahlt oder ausgeglichen werden müssen. Die Verpflichtung von Zeit- oder „Leiharbeitern“ war nicht nur Siegfried Faust (Grüne) und Heinz Frey (Jül) ein Dorn im Auge.

Warum aber nun die Eile, obschon lange bekannt war, dass die Inventur erforderlich ist? Die Verwaltung war einerseits davon ausgegangen, dass bis zum 31. März 2014 Zeit besteht, stellte aber recht kurzfristig fest, dass der Stichtag bereits der 28. Februar ist. Außerdem sollte eine „technikunterstützte“ Lösung in allen Fachbereichen umgesetzt werden. Im Klartext: Die Einrichtungsgegenstände, die zu erfassen sind, tragen Aufkleber mit einem Strichcode, der mit einem Handscanner eingelesen wird. Die Aufkleber sind auch angebracht worden, allerdings sind diese Codierungen nicht mit der jetzt eingesetzten Software kompatibel. Die Arbeit war also für die Katz und muss nun praktisch doppelt geleistet werden – inklusive der Vergabe aller Inventurnummern.

Die Verwaltung wollte die Inventur zudem nach dem „4-Augen-Prinzip“ umsetzen: Einer schaut, einer schreibt. Drei solcher Teams seien mit der Prüfung des Besitzbestandes – vom Kindergartenstuhl über Bürobedarf bis zum Großgerät im Bauhof – etwa „zwei bis drei Monate“ beschäftigt.

Bei diesem Zeit- und Personalbedarf erklärt sich auch die Summe von 36 000 Euro brutto, wenn ein Dienstleister zum Einsatz gekommen wäre. Geprüft worden war auch, ob studentische Hilfskräfte im Rahmen von 450-Euro-Jobs hätten verpflichtet werden können. In der Kürze der Zeit ist aber unsicher, ob genügend Interessenten zu finden sind. Von daher hatte die Verwaltung die Zeitarbeitsfirmen, die einen Stundensatz von 16 Euro berechnen, favorisiert. Im Stadtrat fand das keine Anhänger, denn das sind die Stundensätze der Firmen, während bei den Beschäftigten auch bei Tarifbindung kaum mehr als 8,50 Euro „hängen bleiben“.

Bestürzung, Kopfschütteln

Am Ende herrschte Bestürzung. „Das ist eine verfahrene, eine bescheidene Situation“ (Wolfgang Anhalt/SPD). Jürgen Laufs (Grüne): „Ich habe zwei Jahre lang darauf hingewiesen, dass die Inventur kommt, und immer wieder gehört ,Das regeln wir‘. Ich verstehe das jetzt überhaupt nicht.“ Auch Clemens Schüssler (FDP) hatte nur ein Kopfschütteln übrig.

Der Bürgermeister wollte beruhigen: „Es ist konzediert worden: Das ist nicht optimal gelaufen.“ Auf den Vorschlag, die gesamte städtische Belegschaft einzuspannen, reagierte er warnend: „Dann bleibt natürlich anderes liegen.“ Das wollten die Stadtverordneten nicht akzeptieren und erteilten genau diesen Auftrag. Vor allem empfahlen einige Inventur-Kenner in Reihen des Rates, vom 4- auf das 2-Augen-Prinzip umzusteigen. Anke Keppel (Jül) regte an: „Listen ausdrucken und abhaken lassen.“

Der jetzt gewählte Weg dürfte letztlich deutlich günstiger sein als 36.000 Euro.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert